Rot-Weiß: Tini las

Frau K.

Rot-Weiß

Pommesglück

Frau K.
Es ist so ein warmes, prickelndes Gefühl in mir. So in die Knie zwingend und aufstoßend und mich schüttelnd kriecht es erst allmählich brodelnd meine Speiseröhre hoch, wird schneller und schießt schließlich als Schwall aus mir heraus. Jetzt liegt es als sie beschämt in unserem dunklen Hausflur vor mir. Und ich brülle: „Du!“ es blickt mich schulbewusst an „Du— Du komisches Gefühl! Endlich bist du raus.“ Guter Einstieg, ja, weiter so. „Du bist hier, weil ich ein Wörtchen mit dir reden will.“ Genau. „Du—fühlst dich komisch an!“
Zuerst scheint sie wenigstens noch irritiert, aber ihr Blick ernüchtert sich zunehmend, im Gegensatz zu mir. Mist. Jetzt ist mir das schon wieder peinlich. Jetzt stehen wir beide beschämt da. „Weißt du-aus meiner Position – bist du auch nicht ganz angenehm.“ Das geht aber zu weit. Ich greife zurück zu meinem roten Faden und schwinge mich daran weiter durch den verworrenen Urwald meines alkoholisierten Denkens. „Ich wollte dir nämlich mal sagen, dass das so nicht weitergeht. Ehrlich. Du musst dich entscheiden. Rauf oder Runter? Das ist wie Links oder Rechts und… Wein oder Bier und Schwarz oder Grün! Ich meine, da geht nur eins, und je länger du wartest, desto schmerzhafter wird beides.“
Ihr Blick sagt mir, das sie weiß das ich nicht weiß wohin, sie es aber weiß und sie weiß, dass ich weiß dass sie es weiß und weiß das ich es nicht von ihr wissen möchte. Oder so. Auf jeden Fall mach ich weiter: „Ja ich meine damit…“
„Es ist mir klar, was Sie meinen.“ Hey, das wusste ich nicht. „Jetzt würde ich gern mal was sagen.“ Na ja, Gespräch sind ja immer zwei. Und angefangen hat sie jetzt sowieso auch schon. „ Ich weiß nur noch nicht, wie ich es anfangen soll.“ Man könnte meinen, dass sollte ihr bei ihrem Anblick doch egal sein. „Ich muss doch wohl bitten.“ Hab ich das laut gesagt? „Sie reden schon die ganze Zeit ohne- verzeihen Sie – einen Ansatz des Denkens zu zeigen. Aber der Einstieg ist gut, vielen Dank. Sehen Sie uns doch mal an; wir haben viel gemeinsam nicht?“ Das geht jetzt aber…. „Ich meine es doch folgendermaßen: wir sind doch gerade beide nichts Halbes und nichts Ganzes, nicht wahr? Wir beide sind der trübe braune Alltagsbrei, der zwischen rauf und runter hin- und her zuckt. Und wissen Sie – ich habe beschlossen, ich ändere mich. Ich möchte anders sein.“
„Soll ich Waldi holen? Wenn der dich aufschlabbert und erbricht, schaust du ganz bestimmt anders aus…“ Sie rümpft hörbar die Nase: „Ich meinte eigentlich nicht diese Art von Anders. Ich möchte raus in die Welt und etwas Erzählenswertes erleben, anstatt in ihrer Magenhöhle eingesäuert und verdaut zu werden. Ich möchte nach Südamerika, Schiff fahren, an den Nordpol! Ich —ich möchte Geschichtenschreiber werden. Und dafür reichen Sie mir nicht aus, tut mir Leid.“
Auf die Gefahr, schon wieder prollig zu sein, muss eines mal gesagt werden: du bist meine Kotze! „Dessen bin ich mir durchaus bewusst; doch ich habe befunden, dass ich mich davon nicht hindern lasse, das zu tun, was ich mir wünsche.“
Aus, Vorbei, Tiefpunkt. Nicht mal sie hat Bock auf mich. „Ach kommen Sie“ tröstet sie mich, ich hab offensichtlich schon wieder laut gedacht, „ Nehmen Sie es nicht so hart. Morgen sieht alles bestimmt anders aus, Sie sind jetzt ja noch völlig ausgetrocknet und bleich. Und – m-hüm“ hüstelt sie verlegen, „sie haben da noch etwas von mir im Gesicht. M-hüm. Nun ja.“
Sie steht auf und blickt prüfend zum Hutständer, von dem sie sich schließlich Omas abgewetzten altrosa Damenhut mit Plastikstreublümchen greift und aufsetzt, dann geht sie in Richtung Tür. „Wenn Sie mich in nächster Zeit treffen sollten, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich Frau K. nennen und Siezen könnten.“ Ich nicke nur noch, aber ein bisschen stolz. Ich meine, wer wird mir schon glauben, was für höfliche und intellektuelle Kotze ich habe? „Dankeschön.“ sagt sie. Mist.
Sie steht schon in der Tür, doch da dreht sie sich nochmal um und betrachtet mich sehr genau. „Denken Sie daran“ sagt sie eindringlich, „Man sieht sich immer zweimal!“
Und so ist sie durch die Tür verschwunden.

Rot-Weiß
Sie ist wunderschön, einfach mit ihrer Anwesenheit.
So herausragend aus der grün-grauen Landmasse von vertrockneten Grasbüscheln und verbrannter Erde, in der sie steht, schillernd von Farbe. Vielleicht schon etwas älter, aber ehrlich gesagt macht sie das nur noch eingängiger, attraktiver und sogar ein bisschen autoritär. Sie ist nicht irgendeine, sie ist die. Einzig. Wahre. Schranke.

Aber er will an ihr vorbei. Sie endlich hinter sich lassen. Schluss machen. Abhauen.
Und dafür gilt es allen Charme und Wortwitz zu versprühen, obwohl das sowieso an diesen Altmetallteilen abzuprallen scheint. Die müssen einfach um jeden Preis den Anschein irgendeiner unnötigen Ehrwürdigkeit zu wahren und sind dabei nur extrem hochnäsig und eingebildet. Und wehe man kommt ihnen auch nur ein Müh falsch. Da ist man für die nächsten fünf Jahre weg vom Fenster.
Und jetzt das hier. Aber er kann nicht mehr anders.
Er holt lange und bedeutungsschwanger Luft. Sein Lungenvolumen vervierfacht sich und sein Hemdknopf wackelt schon gefährlich, er lässt den Augenblick der Stille stehen, um diese unglaublich überzeugende Atmosphäre einzufangen – jetzt setzt er seinen vertrauenswürdigsten und zugleich ernsten Blick und sein allerbreitestes Lächeln auf, sein Mund öffnet sich und er bietet es ihr dar wie auf Silber:„Bitte.“
Der Hauch des Wortes hängt kurz und schön als leichte Brise der Hoffnung in der Luft. Er kann es spüren – jetzt wird sie es sagen und dann wird er –
„Nein.“
Wusste er. Als wenn eine Schranke jemals etwas Anderes beim ersten Mal rausbrächte.
„Oh bitte!“ säuselt er. „Nein.“ „Es ist aber absolut-“ „Nein.“ „Und wenn-“ „N-E-I-N.“ „Und wenn ich kein Nein verstehe?“ „Niemals.“
Er heuchelt ein falsches Lachen über seine aufsteigende Wut. Das die auch immer so starrköpfig sein müssen.
„Ich weiß genau, wohinter du her bist.“
Aha.
„Ich sehe doch, wie du sie anstierst.“ Oh, sie weiß es tatsächlich. Und er hatte angenommen, die gucken niemals hinter sich, was ein Reinfall. Doch leugnen will er jetzt auch nicht mehr: Hinter ihr steht: DIE ANDERE.
Die Figur eines weit entfernten und jetzt so greifbar nahen Traumes, so wonniglich rund und wohl geformt, so eindeutig, handfest und unumstößlich, unverrückbar in all der porzellanenen Schönheit. Straffes, weißes Diensthemd, schwarze bürokratisch anmutende Hose. Blond; natürlich, mit Locken deren Kringel Abenteuer in die Luft schreiben, dabei die Arme in die Hüfte gestemmt, die Ellenbogen scheinbar schon in Richtung des Vollzuges deutend, aber er darf jetzt nicht sabbern. Die Brille zwinkernd auf der Nase ein wenig vorgerückt und mit langen Wimpern klimpernd steht dort:
Agentin U.N.G.
Fräulein Agentin Versuch U.N.G. Ein Fräulein, vor dem kein Kraut gewachsen ist – und eigentlich auch keine Schranke wachsen sollte. „Ja“ legt die Schranke jetzt spitz ein, „ du geiferst schon vor Lust du unersättlicher Lümmel, aber ich bin eine SCHRANKE. S-C-H-R-A-N-K-E. An mir gibt’s keine Schlupflöcher, keine Ausnahmen, kein Weg vorbei. Haha.Ha.“
Ihr tonloses Lachen klingt wie Drahtbürstenschrubben und es sagt ihm alles.
Sie ist eifersüchtig. Niedlich. Nein – Bösartig! Gnade! Wer von einer Schranke verdächtigt wird, ist praktisch schon vom bürokratischen Dschihad gefressen. Soviel hatte er während dieser Beziehung gelernt. Und der bürokratische Dschihad ist groß. Und Mächtig. Und Grau. Und voller Formulare. Er beginnt zu winseln.
Die Arme in die Luft werfend reißt er sich zu Boden und wühlt und wälzt sich im Dreck, während er schreienderweise klagt: „Ich Unheiliger! Ich Ignorant! Habe mich verleiten lassen, obwohl ich dich doch bereits vor mir habe, ich unterwürdigestes Gekreuch aus Mutter Erde Schoß!“
„Nun..“ will Schranke anfangen.
„Nein. Ich weiß, was zu tun ist.“
Das überrascht sie. „Was denn?“
Versteckt holt er tief Luft, denkt ein letztes Stoßgebet und vergräbt dann sein Gesicht tief und lange im Matsch. Sehr lange. Seine Lungenflügel biegen sich unter dem hin-und her zuckenden Kohlendioxid, das sich verzweifelt einen Ausweg sucht. Komm schon murmelt er lautlos. Mit jeder Sekunde wächst das Gas in seiner Brust zu einen noch größerem Ungetüm. Komm…
Ein unsicheres Hüsteln und dann: Erlösung. „Du-kannst jetzt wieder hochkommen…Ähm…wenn du noch lebst.“ Das Gasmonster brüllt triumphierend und leitet so den schwersten Teil der Inszenierung ein: Er zwingt sich, das Gesicht in langsamster Slow Motion zu heben und das Riesentier nicht abprubt aus und sofort ein Neues einbrechen zu lassen; tröpfchenweise lässt er das Tier schrumpfen, mit jedem Millimeter nach oben und lässt das neue wachsen, bis er auf einer wahrhaft eindrucksvollen, sinntragenden Höhe ist: zwei Zentimeter über dem Schlamm.
Jetzt muss er etwas Sagen und es muss das richtige sein, etwas, das nur Gnade als mögliche Gefühlsregung zulässt – es muss episch sein, zugleich natürlich und irgendwie vertraut, dezent heroisch, mit ein wenig Einsamkeit in der Formulierung, einer Spatelspitze Pathos und vor allem REUE—-
„Mit Toten spricht man nicht.“ sagt er und will seinen Worten hinterher schreien, dass sie zurückkommen sollen. Jetzt wird der Dschihad kommen und ihn schlucken, und er wird nie wieder frei sein, denn mit so einem Spruch ist nicht mal ein Baustein zu überzeugen.
„Nun“ hüstelte die Schranke ein wenig eingeschüchtert „man muss ja nicht gleich.“ Sie bricht ab, offensichtlich platzend vor Stolz.
Das ist unfassbar, denkt er, so unfassbar — beschränkt.
„ Nun ja.“ sagte die Schranke noch mal, „Ich bin ja auch nur eine Schranke, nicht? Aber für uns Schranken gibt es nun einmal nur zwei Möglichkeiten: Man verehrt oder bricht uns.
„AHA!
„Wie?“
Krchnkrachknorzquietschnuauffschrrachtonk.

Und er steigt über die Trümmer
Nun wird er leben wie noch nie
Wo und wie er hat kein Schimmer
Es lebe fort die Anarchie.

Pommesglück.
„Cheinmal Poomees rrroot-weiiß biette.“
Das bestellte Kalash jeden Tag bei mir, immer mittags viertel nach eins, sechs Tage die Woche, am siebten kochte seine Frau, so ging das seit vier Jahren. Er war Bauarbeiter im Bürogebiet. Kaum stand ein neues Glasmonstrum, war das andere nicht mehr schick genug. Und so stand er dort am wackligen weißen Steh-Klapptisch und mampfte Pommes rot-weiß, jeden Tag.
Kalash war Russe und verdiente als Bauarbeiter bestimmt nicht viel Geld, trotzdem hatte er 5 Kinder, von denen 4 bereits Enkelkinder mit nach Hause brachten und auch regelmäßig dort ließen. Er lebte in einer ausgebauten Gartenlaube in einer kleinen Grüngartenanlage am Rande der Stadt, deren Dach er permanent flickte, dessen Überholung für ihn allerdings nicht zu haben war, weswegen ihm die pensionierten Nachbarn wegen optischer Verschandelung der Anlage alle zwei Monate verklagten. Er besaß kein Auto sondern fuhr Bahn oder ging zu Fuß. Auf jeder Baustelle wurde er belächelt für seinen starken Akzent mit den viel zu langen Vokalen, den lustig gerollten r’s und ch’s an falscher Stelle und jeder Arbeitgeber zahlte ihm höchstens den halben Lohn.
Das war eine grobe Übersicht der Dinge, die ich Kalash beim Essen aus der Nase gezogen hatte. Was ich jedoch immer noch nicht wusste, war, warum Kalash trotz alle dem so lächeln konnte. Im Gegensatz zu all den grauen, hastenden Büromenschen und auch allen anderen Bauarbeitern. Kalash trug praktische, ausgeblichene Kleidung und geflickte Arbeitshosen, die Mütze auf seinem Kopf war das Erbe seines Großvaters, hatte also ergo beide Weltkriege gesehen und sah dementsprechend aus. Das Einzige, was aus der Kleidersammlung herausragte, waren Hände und Gesicht. Sie hatten den eigenwilligen, gegerbten Braunton, der vom vielen Aufenthalt draußen zeugte und waren übersät mit kleinen Narben und Wunden der harten, körperlichen Arbeit. Aber ich kannte keinen Menschen mit so vielen Lachfalten im Gesicht. Ja, wenn Kalash anfing zu lachen, war man glücklich genug, die stattfindende Apokalypse zu vergessen; die vielen Fältchen schienen sich zu einem verkehrten Regenbogen zu formen, der sich am Himmel spiegelte.
„Alles klar. Wie geht’s dir, Kalash?“ „Guut. Uund dier?“ „Gut. Wie geht’s deiner Frau?“ „Seehrrr guut. Meiine kleiinstee Enkeelien chaat geeraade Laufeen geleerrrnt uund ien sieben Woochen kaann Iyonna uuns besuuchen kommen.“ „Schön. Haben deine Nachbarn also eine Pause eingelegt?“ „Siie weechseln geeraade deen Aanwaalt, chaberrr meiin Soohn saagt, deen kriiegt er auch weiich. Siie sietzen dafuurrr gaanzen Taag hienterrr Cheecke uund beoobachten meiine Zwiellinge beiim Fuußball.“ „Und der Bau? Wie kommt der Bau voran?“ „Beesteens. Iech glauubee aaberrr, Herrr Schuulzee – wie cheiißt- verrrmeiiert miech. Iech arrrbeiite iemmerrr einee Stuunde längerrr als Anderrree. Aberrr iech werrrdee iehm zeigeen, waas bedeuteen Arrrbeit Kalash.“
„Na gut. Hier sind deine Pommes, Kalash.“ Ich hatte ihm einmal angeboten, ihm mit seinen ausländerfeindlichen Chefs zu helfen. Da hat Kalash mir sehr ernst, vertraut und ganz ruhig erklärt, dass er als 8-jähriger mit seiner Familie zu Fuß von Weißrussland bis nach Deutschland gelaufen war und er hätte seinen Vater nicht einmal gefragt, ob er den Rucksack abnehmen und auf den Wagen legen dürfe. Es ginge ihm einfach wider die Moral zu jammern. Seitdem sagte ich dazu nichts mehr.
„Ich hab mir auch Pommes gemacht. Ich stell mich zu dir, ja?“ „Daanke, daas iest neet.“ Wir schwiegen ein bisschen und ließen die Pommes zwischen unseren Kiefern krachen, während graue Büromäuse an uns vorbei zu ihren Glasmonstern hasteten und uns dabei einen abfälligen, kopfschüttelnden Seitenblick zuwarfen. „Chaast duu cheutee gaar keiinee luustiegee Frrraage füürrr miech?“ fragte Kalash und grinste, weil ich rot wurde. „Lustige Frage?“ versuchte ich abzutäuschen. „Wiee iech überr Deeprrressiioneen deenke oderrr ob iech miech naach frrrüherrr seehnee.“
Ach was sollt’s. Ich hatte den ganzen gestrigen Abend über eine neue Frage nachgegrübelt mit der ich seinem Geheimnis näher kommen könnte und jetzt wollte ich eine Antwort haben, auch wenn er mich dafür milde belächelte. „Ist es dir nicht langweilig, Kalash?“ „Wiie meiinst duu?“ „Naja- du arbeitest, isst Pommes und gehst dann heim zu deiner Familie. Arbeit, Pommes, Familie. Seit vier Jahren futterst du Pommes rot-weiß! Ist dir das nicht mal über?
„Meiine Faamilieee iest seehrrr schneell und wuuselieg. Iech brrrauchee auch eiin biesschen Beeständiegkeiit. Und iech essee jeedeen Soonntaag eetwaas aanderrrees aals Poomees.“
„Und du willst nicht manchmal etwas ganz Anderes?“ Da lachte Kalash sein tolles Lachen.
„weiißt duu, meiin Mädcheen: Iech sietze jeeden Aabeend drrraußeen. Iech trienkee eiin kaaltes Bierrr, meiinee Frrrau errrzählt mierrr voon deen Naachrrriechten uund uunserrren Kienderrn uund diee Zwiellienge spiieleen fußbaal. Uund Geesterrrn Aabeend hhaabe iech meiine Naachbarrn duurch eiin Looch ein deerrr Checke geeseehn. Beiidee! Siee chaaben meiinen Eenkeeln zugeseehen. Uund chjeetzt weiiß iech, waarrruum siee chiemmerrr soo sauerrr guucken. Siie chaben es niecht, aabeerrr iech: Iech chabe meiin Glüück geefuunden.“ Und lächelnd lehnt er sich ein Stück zurück und schaut mich sehr zufrieden an.
So zurückgelehnt lächelnd sieht er aus wie mein Opa, der sich freut, weil seine Enkelin aus Wallenstein zitieren kann.
Oder wie mein Onkel, nachdem ich auf der Jugendweihe den dritten Eimer gefüllt habe.
Mein Bankberater, der mir den Kredit für die Bude gewährt hat und von der Provision ein Kinderrad kaufen wollte.
Mein Vorgänger, der endlich seine Bude los war.
Mein Klassenlehrer, der mir wieder zünftig einen reingedrückt hat.
Meine Mutter nachdem ich ihr erklärt hatte, dass ich ausziehen würde.
Meine Schwester am Traualtar.
Und dann sieht Kalash aus wie ich. Wow-ich habe Falten wie ein Mops und sollte eindeutig weniger Pommes essen. Aber dann könnten diese ganzen Röllchen und Fältchen sich auch gar nicht krümmen und hüpfen, während ich aus voller Kehle lache. Schallend und strahlend wie zwanzig Neon-Honig-Sonnen. Die Bretter in meinem Kopf fallen wie ein Dominospiel, ich sehe Lottozahlen an mir vorbeifliegen und ignoriere sie, denn vor mir steht Fred und sagt: „Mensch-wir werden Eltern!“ und ich fühle mich zehn kilo leichter obwohl mir im Zeitraffer eine Kugel wächst. Denn es ist schön und richtig und endlich leicht. Wie Kalashs Lachen.
Dann steht da wieder nur Kalash. Ich bemerke, dass ich ziemlich breit grinse.
„Duu siiehst chübsch aus, wenn duu lächeelst. Schmeecken Poomees gleiich nooch beesserrr.“ „Schön“ stammle ich und muss wieder grinsen. „Iech muus chjeetzt zuurrrück zuurrr Aarrrbeiit. Bies moorrrgen.“ „Ja-bis morgen Kalash.“ Ich sehe dem alten, sonnengegerbtem Russen nach, wie er straff davon marschiert. Ich winke ihm, obwohl er nicht guckt. Mir ist so anders. Ich beschließe, schwanger zu werden und weiß gleichzeitig, dass ich nichts mehr beschließen muss. Ich gehe zurück in meine Bude, kniee mich unter die Theke und breche drei Eimer voll, wobei ich aus Wallenstein zitiere. Ich habe die richtige Frage gestellt, obwohl ich weniger darauf eine Antwort bekommen habe.
Und alles- ist leicht.


 
 
 

Ein Kommentar zu “Rot-Weiß: Tini las”

  1. Olaf Penke
    3. Mai 2011 um 19:34

    Wow! Am besten hat mir gefallen: Pommesglück – starker Text, ich muss unbedingt mal wieder live dabei sein.
    Also bis dämnächst.

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