Raten: Herr thom* las

Vergeigt

Herr Hanke legt auf

Fragen Sie mich doch nicht

Vergeigt
Als er bei Jauch der Joker war
für seinen herrischen Papa
war das kein guter Tag

Die Milch verbrannt, das Kind verschreckt
er wäre lieber zugedeckt
geblieben, wo er lag

Dann sagt er C, ganz sicher C
Papa loggt ein und Jauch sagt Nee
und Papa fällt vom Sitz

Der Jauch danach am Telefon
sagt, raten Sie, Sie Supersohn,
es war sein letztes Quiz

Herr Hanke legt auf
Die Fahnen vor dem Hotel im Gewerbegebiet hängen schlaff an den Seilen. Ein bärtiger Kerl im Blaumann raucht vor der Schiebetür, wenn er sich zum Aschenbecher dreht, schaltet die Automatik mit einem Klicken und das Glas setzt sich in Bewegung. „Es zieht“, brüllt dann eine blondierte Frau im Dindl von der Rezeption her, der Bärtige tritt einen Schritt vor, schschschschscht, und die Tür ist wieder zu. Dreimal geht das so.

Da ist ein Schild an der Blaumannbrust, doch weil es ausgewaschen ist und ohne Kontraste kann Herr Hanke den Namen darauf nicht erkennen. Nicht von hier. Am Anfang ist ein P, rät er und beschließt, dass der Mann Pomerenke heißt. Pomerenke passt. Herr Hanke hat ein Gespür dafür, wie Menschen heißen sollten. Herr Hanke mag Namen. Er sammelt sie in einem kleinen Büchlein, das in seiner Brusttasche steckt, die schönsten schreibt er in rot auf eine extra Seite. „Indira Fiebelkorn“ steht da zum Beispiel ganz oben und in der Spalte für die Erläuterungen hat Herr Hanke verzeichnet: „Schulkameradin von U. Hussel“, später Textilverkäuferin, Erzgebirge.

Herr Hanke steht auf dem Hotel-Parkplatz zehn Meter entfernt von der Automatiktür und starrt über das Lenkrad. In seinem verwaschen roten Kombi sitzt er vorgebeugt, die Fenster sind herunter gelassen. Da ist ein Schleier auf der Scheibe denkt Herr Hanke und schnippst die Kippe auf den Asphalt. Noch zwei Stunden. Jetzt lässt er einen Ruck durch seine Glieder gehen und steigt aus. Das lila Jackett nimmt er aus dem Kofferraum, zusammen mit einem entwaffnenden Lächeln und grüßt. Tach! nuschelt es aus den Barthaaren zurück, im Vorübergehen liest Hanke „Paulsen“ auf dem Blaumannschild und ist enttäuscht. Paulsen trägt keinen Blaumann, denkt er, Paulsen ist Mittelstürmer oder Sportjournalist und keinesfalls bräsig-bärtig vor einem Hotel im Gewerbegebiet. Pomerenke sollte da stehen. Pomerenke passt! Dann klickt die Automatik, die Tür geht auf, an der Rezeption streckt Hanke der Blondierten die Hand entgegen und sagt „Moderation und Musik für Sie und ihre Gäste – das beste von gestern von heute und ein Blick in die Zukunft, verschmitzt und mit Witz! Hanke! Angenehm“

Die Einrichtung im Saal ist nicht mehr neu, die Kunstblumen nicht mehr grün und hinter den altrosa Vorhängen findet Hanke die Steckdosen, die er braucht. Als das letzte Kabel verlegt ist, spuckt draußen eine Kutsche 35 Senioren aus. Zum Einlass entscheidet sich Herr Hanke für deutsche Schlager – Lautstärke 3.
Die Veteranen der hiesigen Agrargenossenschaft sind guter Dinge. Sie trinken Schnaps aus kleinen Flaschen, vorn, die Dame im Rollstuhl – Hanke hat sie Kosmehl getauft – tippt mit dem Zeigefinger den Takt bis der Kuchen serviert wird und die Blondierte ihren Dirndl-Busen beim Kaffee-Einschenken nacheinander auf allen Seniorenschultern parkt. Ein Mann im schwarzen Beerdigungsanzug hält nach der eigenen gleich noch die Tassen seiner Nachbarn hin und lächelt selig. „Nanana! Junger Mann!“, wird er ermahnt, dann klappern die Kuchengabeln. Das ist Herr Brückner, beschließt Hanke und wählt Volksmusik – Lautstärke 4.

Inzwischen ist der Chef der Agrargenossenschaft eingetroffen, im Anzug mit einer gelben Krawatte, gelb wie der Raps, der rund ums Gewerbegebiet blüht. Nach dem Kaffee hält er eine Rede, in der die Wörter Erfolg, Aufbau, Brüssel und Milchpreis etwas zu oft vorkommen. Frau Kosmehl sucht im Redefluss einen Takt, Herr Brückner geht aufs Klo, kurz vor der Rezeption streckt er sich, schreitet, schreitet und schreitet, solange es sein Ischias erlaubt. Und der erlaubt es tatsächlich bis an die Klotür, Hanke indessen beschließt einen Scherz zu wagen und spielt im Anschluss an die Rede „Du hast mich tausendmal belogen“ von Andrea Berg.

Vor 15 Jahren hatte ein junger Historiker ein Quiz zur Geschichte der Genossenschaft entwickelt. Der hatte eine Arbeit geschrieben über den Kartoffelanbau in der Landwirtschaft der DDR und als Dankeschön für die unzähligen Interviews 20 Fragekarten gebastelt. Der Rapsschlips überreicht sie wie eine Reliquie. Gleich die erste Karte zieht Hanke die Schuhe aus: Welches Pflanzenschutzmittel wurde in unserer LPG am häufigsten eingesetzt – a) Namedit, b) Plantulin, c) Trazalex oder d) Trizilin. Hanke stottert und verspricht sich viermal, Frau Kosmehl, Herr Brückner und die anderen jedoch schreiben innerhalb von Sekunden einen Buchstaben aufs Papier. Allein Frau Stern – Hanke hatte sie ihres verträumten Blicks wegen so genannt – allein Frau Stern schaut hilflos. Dann kämmt sie weiter das braune Haar ihrer Puppe und flüstert „Damit Du schön bist, Mariannchen“.

Nach dem Quiz schickt Hanke „Stand up for the Champions“ aus dem Laptop in die Boxen – Champion, das ist heute Herr Brückner, der hatte alles richtig, der kannte die Zahlen der Rekordernte ebenso wie den Tierbestand im Jahr 63 und bekommt nun einen Präsentkorb mit Wurst, Schnaps und Mandarinen. Alle anderen dürfen sich etwas aussuchen aus einer großen Kühltasche, daneben liegen Anstecker und Kugelschreiber vom Landestourismusverband und einem Futtermittellieferanten. Produkte aus der Region sagt der Chef und zeigt auf die Tasche – Hanke ist noch immer nicht sicher, wie er ihn nennen soll. Ludwig, so wie der 14.? Ist ihm zu einfach. Der Rest des Nachmittags wird vertanzt, Volksmusik und deutsche Schlager, Du kannst nicht immer 17 sein als Höhepunkt, Lautstärke 6.

Die Straßenlaternen im Gewerbegebiet flackern schon, als Herr Hanke vor die Tür tritt. In der Ferne hört er noch das Klackern der Hufeisen auf Asphalt, dann legt er das lila Jackett zurück in den Kofferraum und das entwaffnende Lächeln legt er dazu. Hanke geht noch einmal zur Rezeption und fragt nach dem Bärtigen im Blaumann. Pomerenke? fragt die Blondierte zurück und dann nickt Herr Hanke sich wortlos lächelnd auf den Heimweg.

Fragen Sie mich doch nicht
Fragen Sie mich doch nicht.
Ich kann doch auch nur raten – a b c oder d
Gleich nach der Werbung kommt einer, der weiß die Antwort
Und vielleicht ist die Antwort

Hühnerfrikassee
Hühnerfrikassee

Ich bin kein Experte, ich kenne mich nicht. Aus. Ich bin kaum in der Lage, meinen Geschirrspüler so einzuräumen, dass mein Geschirr sauber wird. Ich kann kein Fahrrad reparieren und keine Mauer hochziehen, ich kann kein Feld bestellen und keinen Ringkampf bestehen. Ich bin ein Produkt der Dienstleistungsgesellschaft. Wer sich auf einen wie mich verlässt, muss Vertrauen haben in den Fortbestand der Zivilisation, wie wir sie kennen.

Fragen Sie mich doch nicht.
Ich kann doch auch nur raten – a b c oder d
Gleich nach der Werbung kommt einer, der weiß die Antwort
Und vielleicht ist die Antwort

Hühnerfrikassee
Hühnerfrikassee

Und so kann ich Ihnen nur sagen: Ich habe keinen Bausparvertrag. Ich habe keine Riesterrente, ich habe kein Immobilienportfolio. Ich hatte mal ein Sparbuch und heute, hier hab ich fünf Minuten und Sie sind meine Quote – und da soll ich Ihnen raten? Nichts da! Damit Sie hinterher mir vorwerfen, ich hätte mich hinab begeben in die Niederungen der Stammtische. Ich hätte die komplexe Wahrheit auf plumpe Bauernweisheiten reduziert. Ich hätte Parodie und Parole verwechselt. Also bitte!

Fragen Sie mich doch nicht.
Ich kann doch auch nur raten – a b c oder d
Gleich nach der Werbung kommt einer, der weiß die Antwort
Und vielleicht ist die Antwort

Hühnerfrikassee
Hühnerfrikassee

Und wahrscheinlich, wahrscheinlich, nun ich bin kein Experte wie gesagt, ist die Antwort NICHT Hühnerfrikasse, dafür ist das alles viel zu komplex. Alles hängt von allem ab und manchmal scheint es mir, als könnten wir gar nicht wissen, obs besser ist friedlich durchs zu Watt waten und Kleckerburggräben auszuheben mit dem Klappspaten, als sagen wir, bei einer Ölbohrinsel den Stöpsel zu ziehen. Denn es könnte doch ohne Frage ein Sack Reis sein, der umfällt in China und alles aus der Bahn wirft, alles. Und wenn Sie dann da stehen so ganz ohne Planeten, urplötzlich, und mich verfluchen, weil ich Ihnen kurz zuvor noch geraten hattee, jetzt zur Arbeit zu gehen, anstatt Fahrrad zu fahren mit den Kindern. Wie stünde ich denn dann da? Hören Sie mal!

Also: Fragen Sie mich doch nicht.
Ich kann doch auch nur raten – a b c oder d
Gleich nach der Werbung kommt einer, der weiß die Antwort
Und vielleicht ist die Antwort

Hühnerfrikassee
Hühnerfrikassee


 
 
 

Kommentar abgeben:


  • Statistik

    • Beiträge 530
    • Kommentare 688
    • Wörter in Beiträgen 216,216
    • Wörter in Kommentare 18,214