Wiedergänger – Herr thom* las
Spinnen
Osterfeuer
Spinnen
Schwarze haarige Spinnen, jede kaum größer als eine Reißzwecke, krochen aus dem Handrücken des Herrn S. und von dort den Unterarm entlang bis zum Ellenbogen, unter dem Stoff des kurzärmligen Beamtenhemdes ein Stück – bis zur schlaffen Haut des Doppelkinns und dann zwängten sie sich eine nach der anderen in das kleine schwarze Loch, das zwischen den Lippen geblieben war, als der Herr S. in einem trägen Seufzer zum letzten Mal ausgeatmet hatte. So sah es aus, als wanderten die Spinnen einen Rundweg durch den Herrn S., denn die schwarze Spur aus der Handrückenbeule, der braun vereiterten, riss nicht ab und oben verschwanden die Tiere im Gänsemarsch wie eine Reisegruppe im Stolleneingang zur Baumannshöhle im Harz.
Am Rande des Harz hatte der Herr S. seine Kindheit verbracht – als Sohn eines Unteroffiziers und einer Kindergärtnerin und wenn sich der Herr S. daran erinnerte, dann sah er den Vater einen dicken Lederkoppel aus den Schlaufen ziehen und die Mutter, wie sie den Kopf tief zwischen den Schultern das Radio lauter drehte. Deshalb erinnerte sich der Herr S. nicht gern und wenn es doch unvermeidlich war, dann begann es zu kneifen in seiner Brust, und dieses Kneifen verschwand erst, wenn er wenigstens einen Menschen tief hinein tauchen konnte in diesen, seinen inneren Unrat.
Herr S. ging dabei immer auf die gleiche Weise vor: In einer scheinbar belanglosen Plauderei sprach er erst langsam und mit langen Pausen, leise und immer leiser. Wenn sein Gegenüber dann näher gekommen war, und arglos in das Neonlicht des Büros blinzelte, kippte er die Stimme eine Quarte hinauf, zog das Tempo an und schließlich peitschte der Herr S. jedes einzelne Wort in das wehrlose Gesicht seines Opfers. Einen Anlass zu finden, war für ihn nicht schwer.
Wo gehobelt wird, da fallen Späne, sagt der Volksmund und der Herr S. war ein Meister darin, jeden einzelnen Span solange aufzubewahren, bis die Zeit gekommen war, ihn mit Gift und Galle versetzt auf den Schreibtisch eines Büronachbarn zu spucken. In einem Seminar für Führungskräfte hatte der Herr S. gelernt, dass so ein Verhalten, wöchentlich an den Tag gelegt, die Autorität stärkt und auch wenn er es selbst nie für nötig erachtet hatte, seine Ausbrüche zu begründen, so war ihm doch ganz recht, dass sein Verhalten von höherer Stelle aus gedeckt schien. Und so hatte es der Herr S. auch nur als seine Pflicht angesehen, eine Spinnwebe unter seinem Schreibtisch solange zu beobachten, bis ihre Zeit gekommen war.
Es schien Frau D., als dröhnte der Staubsauger heute nacht besonders laut unter ihrem dunkelgrauen Haaransatz und wenn sie die Schlüssel herum drehte in den Bürotürschlössen, dann hallte hinter ihrer Stirn das Klappern lange nach. Gern hätte sie sich mit einem Lächeln verabschiedet, doch wenn sie zu lächeln versuchte im Bad zum Beispiel beim Putzen der marmorgemaserten Waschtische, dann warf ihr der Spiegel nur ein gequältes Grinsen entgegen. Und so ließ sie nach einigen Versuchen einfach los und schob lediglich mechanisch noch den Sauger auf dem Teppichboden hin und her. Am Schluss, da hielt sie ihn oben unter die Schreibtische. Nicht, dass es noch eine Rolle spielte, die Würfel waren ja gefallen, doch schätzte Frau D. die menschliche Eigenschaft, aus Fehlern lernen zu können. Und wer weiß, was es ihr nützen würde, bei der nächsten Stelle, derer wegen sie morgen das Fahrrad aus dem Keller holen und zum Amt radeln würde. Wer weiß, was es nützen würde.
Ein einziges Versäumnis gönnte sich Frau D. zum Abschied, das aber nur, weil sie eine Begründung hatte dafür: Den Putzfrauen war es streng verboten, die Computer, die Bildschirme, ja generell die Technik anzurühren. Und so hielt Frau D. nur kurz inne, angesichts einer kleinen, haarigen reißzweckengroße Spinne auf der Tastatur im Büro des Herrn S. Dann zog sie den Staubsaugerstecker aus der Dose, genoss die plötzliche Stille und holte sich vom Automaten heißes Wasser für einen Tee.
Angesichts der Spinnen, die dem Herrn S. auch noch nach einer halben Stunde aus dem Handrücken krochen, zog der junge Bestattungshelfer eine Augenbraue in die Höhe. Er nahm eine Sprühflasche aus seiner Hebammentasche und sprühte oben und unten, so lange, bis die schwarze Spur zwischen Handrücken und Lippen unterbrochen war. Dann rollte er den schlaffen Körper vom Schreibtisch weg ans Kopfende der Bahre und als sein Kollege eintraf, ließen sie gemeinsam den Herrn S. mit den Füßen voran vom Bürostuhl auf den abwaschbaren Kunststoff plumpsen. Als ganz zuletzt und federnd der Kopf aufschlug, erbrach sich der Leib des Herrn S. wie er selbst sich zu Lebzeiten nur einmal erbrochen hatte, damals war die Ursache ein seltsamer Pfefferminzlikör, den er als Kind in Köhlers Klause aus den Neigen genippt hatte, eine Verfehlung für den sein schmaler Rücken tags drauf mit dem Koppel bearbeitet worden war. Diesmal allerdings quoll keine grüne Suppe sondern vielmehr ein unerhörten Schwall aus tausenden haarigen Spinnentieren aus seinem Mund und hätte jemand eine Lupe auf das Geschehen gerichtet, hätte er tote Spinnen gesehen, die gefressen werden von den Überlebenden der Sprühflasche und ein winziges Stück Zunge des Herrn S., das in ein Netz gesponnen wird in Sekunden. Doch weil da keine Lupe war hob der Bestattungshelfer nur die zweite Augenbraue, griff erneut in die Hebammentasche, holte die Sprühflasche heraus und während das Gewimmel erstarb sagte er leise „Krematorium“. In einem Seufzer, in dem Hoffnung lag, sagte er leise: Krematorium.
Osterfeuer
Ein Osterfeuer, das nicht brennen will, ist ein schlechtes Omen. Wie eine schwarze Katze von links nach rechts oder eine Krähe auf dem Fensterbrett eines Kranken. Und Vadder Thesers Osterfeuer im Dorf am Ende der Straße, das hat nicht gebrannt. Nicht mit Drohen und nicht mit gut Zureden war das zu entfachen, nicht mit Spiritus und nicht mit Grillanzünder. Vadder Theser ist vor Schreck gleich am nächsten Tag in die Kirche gegangen, es war der Ostersonntag und Vadder Theser hat beim Gottesdienst sogar ins Gesangsbuch geguckt und die Lippen bewegt. Macht er sonst nie. Dafür fallen ihm in letzter Zeit ein paar Lieder seiner Kindheit wieder ein. Die singt er manchmal beim Umgraben. Heute gehört uns noch Deutschland und morgen das ganze Feld. In die Kirche geht er sonst nur zum Subotnik, wie er das nennt. Wenn mal wieder die Bänke zu streichen sind.
Drei Tage später erzählt Vadder Theser der Nachbarin, das Kirche nicht geholfen hat. Blase verkühlt, sachter Dokter. Musst ja so kommen – wegen dem Osterfeuer.„Joa. Ganz schön kalt noch, wenns Feuer nich wärmt.“, sagt die Nachbarin um höflich zu sein und lässt ihre Skistöcke dazu auf dem Asphalt der Dorfstraße klackern. Die hat sie bestellt übers Fernsehen und nu pieckt sie damit Löcher in die Natur. Vadder Theser guckt, als sei hinter ihr der Schäferhund auferstanden, den er vor einigen Jahren am Gewächshaus vergraben hatte. So wenig Verständnis für Zeichen, Wunder und Flüche hätte denn doch nicht erwartet. Doch weil die Nachbarin kurzsichtig ist, bemerkt sie sein Entsetzen nicht, nickt und lässt Vadder Theser an der Eiche stehen. „Wat weiß sone Stadtschickse schon…“, murmelt der und später im Wohnzimmer schiebt er den Sessel dichter an den Schrank.
Die Hochzeit, sagt Vadder Theser und legt ein großes, in Leder gebundenes Buch beiseite. Und hier die Kinder. Ein weiterer Band. Das letzte der vielen Alben ist eine Sammlung von alten Zeitungsartikeln zu Spuk und Geistertreiben. Es liegt etwas abseits im Fach unter den russischen Cognacschwenkern. Da ist es wenn man es genau nimmt hingekommen aus dem Hessischen. Mit dem Zug bis ins Nachbardorf und dann zusammen mit den anderen Sachen, dem Geschirr, den Kleidern, den Möbeln mit dem Leiterwagen bis aufs Gehöft. Das war damals noch neu gewesen und es gab Pferde, Kühe im Stall und einen Dreschkasten in der Scheune. Vadder Theser nimmt das Album zur Hand, blättert hin und her, macht immer wieder den Finger feucht dabei, Seite um Seite. Klabautermann, Kornmume, das zweite Gesicht, Bummelux… Osterfeuer.
Als die Nachbarin am nächsten Tag in aller Frühe ihre Hüfte zwischen den Stöckern schwenkt, ist Vadder Theser nicht zu sehen. Dafür krakeelt es aus dem Hühnerstall. Dann geht die Tür, ein dumpfer Schlag und es ist still. Die Nachbarin folgt dem Geräusch und sieht wie der Vadder ein Huhn ausbluten lässt über dem Holzstapel, der das Osterfeuer hätte werden sollen.
Zur Mittagszeit hat die Nachbarin endlich die Telefonnummer des Pastors gefunden. Der ist auf einer Tagung in der Kreisstadt und hat gerade seinen Kollegen erzählt, was ihm Vadder Theser vorgeschlagen hatte angesichts der knappen Gemeindekasse: Ein Stück Land und einen Pflug sollte er sich anschaffen, hatter Vadder gesacht, und denn vom Feld zwischendurch schnell mal auf die Beerdigung und denn wieder rauf aufs Feld. Die Runde lacht noch ein etwas gequältes Lachen, als die Nachbarin das Mobiltelefon in der ledernen Aktentasche klingeln lässt.
Zum Abendbrot liegt Rauch in der Luft. Die Nachbarin steht im Wintergarten vor dem angekippten Küchenfenster. Sie kann Vadder Theser sehen, da am Herd, wie er sich müht, das Suppenhuhn aus dem Topf zu ziehen. Na, haste das Essen gerochen, sagt der Vadder durch die Scheibe und die Nachbarin lächelt gequält. Dauert noch, wird Frikasse.
Knapp eine Stunde später sitzt die Nachbarin satt und zufrieden vor ihrem Kamin, blättert hin und her, macht immer wieder den Finger feucht dabei, Seite um Seite. Klabautermann, Kornmume, das zweite Gesicht, Bummelux… Osterfeuer. Vadder Theser schaut noch einmal nach der Glut, dann nascht er noch ein Gabel voll und den Rest des Frikasses, den friert er ein.

