Advent-Advent: Herr ivalo las

Als ich einmal für fünf Minuten nicht Teil dieser Gesellschaft war

und

Regierungserklärung des wiedergewählten Weihnachtsmannpräsidenten


Als ich einmal für fünf Minuten nicht Teil dieser Gesellschaft war

Menschen gehen an mir vorbei. Schauen mich nicht an oder schauen durch mich hindurch. Ich steh da. Fühle mich unsichtbar.

Da, einer registriert mich für einen kurzen Augenblick, eine Millisekunde, aus dem Augenwinkel. Genau so lange, wie er braucht um einzuordnen, was ich wohl von ihnen wollen könnte.
Dann sieht er mich nicht mehr. Filterleistung seinerseits.

Der Blick der Vorbeigehenden ist fest geradeaus gerichtet. Ihr Weg macht eine schöne Kurve um mich herum. Obwohl es recht gedrängt ist, bleibt immer ein Raum um mich frei. Also kann ich nicht unsichtbar sein. Aber es scheint mich auch niemand zu bemerken.
Da, einer lächelt mich kurz an. Ich gehe einen halben Schritt auf ihn zu.
Doch bevor ich ihn ansprechen kann, zuckt er zusammen.
Er bemerkt seinen Fehler und starrt unfokussiert in die Ferne. Sucht einen neuen Ankerpunkt.
Was ist los? Ich sehe ganz normal aus! Ich stinke auch nicht! Hoffe ich.
Bin normal gekleidet, nicht schick, aber passabel.

Mein Makel: ich habe einige 20 Cent Münzen in der ausgestreckten Hand!
Mein Fehler: ich sage Sätze, die mit „Entschuldigung, …“ anfangen und mit „könnten Sie mir…“ aufhören sobald die Angesprochenen außer Hörweite sind.

Ich stehe an einem, für eine westdeutsche Landeshauptstadt eigentlich zu kleinen Hauptbahnhof.
Und brauche eine Euromünze fürs Gepäckschließfach.
Ich vertraute auf die gesellschaftliche Solidarität und wählte die offensiv kommunikative Strategie.
Ich habe nicht mit zwei gesellschaftlichen Mechanismen gerechnet, der sozialen Kommunikationsphobie kombiniert mit dem Millisekunden-Urteil.
In meinem Fall fatal!

In der Ferne sehe ich eine Bahnwachschutzgruppe sich formieren und mit Funkgeräten auf mich deuten. Entschlossen setzt sie sich in Bewegung.
Ein Abfalleimerpfandflaschendurchsucher macht einige Schritte auf mich zu, hält an und ändert ganz plötzlich seine Richtung.
Ein Straßenmagazinverläufer spuckt auf die Steinplatte, direkt vor meine Füße.
Tauben flattern aufgeregt mit ihren Flügeln in der Fensterniesche hinter mir und fliegen auf kürzestem Weg hinaus ins Freie.
Ich meine sogar eine stattliche Anzahl Käfer in Richtung Nebenbahnsteig krabbeln zu sehen.

Ein amerikanischer Tourist grinst mich jovial an und legt mir einen Fünf-Euro-Schein in meine Hand zu den Münzen.

„…, mir das wechseln?“ vervollständige ich meinen Satz, den ich bisher nicht zu Ende sprechen konnte, „mir das wechseln?“
Nur für mich, nur um mich zu vergewissern, dass ich nichts Unanständiges möchte.

Ich kaufe jetzt ein Croissant und bin ganz mutig nach der richtigen Wechselgeldstückelung zu fragen.


Regierungserklärung des wiedergewählten Weihnachtsmannpräsidenten

Weihnachtsfrauen, Weihnachtsmänner, Nikoläusinnen und Nikoläuse!

Nun stehe ich hier in diesem Jahr erneut vor Euch und bin stolz und froh, dass Ihr mich wieder zu Eurem Präsidenten gewählt habt!
Das Amt, ich muss es hier mal in aller Deutlichkeit und ohne Umschweife sagen, es ist kein leichtes. Oh, nein! Und doch erfüllt es mich mit stolz, von Euch einmal mehr zu diesem schweren, doch ehrenvollen Amt berufen worden zu sein.

Auch an uns – viele von uns wissen es ja und viele von uns spüren den kalten Wind in unseren weißen Bärten, liebe Mit-Weihnachtsfrauen und Mit-Weihnachtsmänner – auch an uns ist die Krise nicht vorbei gegangen! In den ersten zwei Adventswochen ist die Geschenkekaufrate um Sage und Schreibe 45% gegenüber dem Vorjahresvergleichszeitraum gesunken.
45 % verehrte Mit-Nikoläusinnen und Mit-Nikoläuse!

Einige von uns, die mögen sich vielleicht freuen, dann haben wir weniger zu tragen. Denken sie vielleicht!
Das ist aber zu kurz gedacht! Denn auch wir haben unsere Geschenkeverteilquote zu erfüllen. Und wir liegen deutlich, ich betone deutlich hinter unser Geschenkeverteilzuwachsprognose von 2005 zurück! Und nicht zuletzt darauf beruht doch unser Geschenkeverteiltarifvertrag. Dieser Hinweis sei mir hier einmal gestattet.

Aber, hochgeschätzte Mitbärtiginnen und Mitbärtige, ich war im Sommer nicht untätig. Da nun wir von der rot-weißen Fraktion wieder die Verantwortung über das Weihnachtsmann- bzw. Weihnachtsfrau- und Nikolaus bzw. Nikoläusinnenwesen angetragen bekommen haben, von Euch, liebe Schlittenlenkerinnen und Schlittenlenker, nehme ich die Verantwortung wahr und führe uns heraus aus dieser schwersten Krise seit Weihnachtsmanngedenken und natürlich auch Weihnachtsfraugedenken.
Denn Schenken ist ja wohl, und das sage ich doch in unser aller Sinne, das letzte, und das meine ich genau so, das letzte, an dem gespart werden sollte!
Oder ist da jemand im Saal anderer Meinung?
Nein, vielen Dank, das hätte mich auch überrascht. Ja, überrascht.

Denn: denkt allein an die vielen Kinder! Denkt an die vielen Kinder, die laut einer Prognose des Weihnachtsprognoseinstituts in diesem Jahr 3,5 Pakete weniger bekommen werden. 3,5 Pakete! Zu unserer Zeit, liebe Mit-Geschenkeausträgerinnen und Mit-Geschenkeausträger, zu unsere Zeit waren 3,5 Pakete alles, was wir uns auszupacken erhoffen durften! Da muss auch mal dran erinnert werden!
100 % dessen, was wir überhaupt als Geschenke bekamen, meine lieben Kaminbesteigerinnen und Kaminbesteiger!
Und ein Rückschritt um 100%, das ist ein Rückschritt auf 0!
Das können wir nicht wollen und das dürfen wir nicht zulassen und ich setze alle meine Kräfte, jawohl, 100% meiner Kraft dafür ein, dass dieses nicht geschieht!

Nun, ich habe mir folgenden Plan.

Wir brauchen ein Weihnachtsgeschenkebeschleunigungsgesetz.
Lassen Sie es mich wiederholen: Weihnachtsgeschenkebeschleunigungsgesetz. Denn beschleunigte Geschenke sind schnellere Geschenke. Und wo die Geschenke schneller sind, da können und da werden mehr Geschenke kommen, die verteilt werden, und zwar von uns! Jawohl, von uns, werte Mit-Rotbemänteltinnen und Mit-Rotbemäntelte!

Ich möchte auch sagen, und da bin ich ganz ehrlich, dass dieser Weg keine Garantie auf ein Gelingen mit sich bringt.
Aber, und das sage ich hier in aller Deutlichkeit, geschätzte und treue Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen, jede andere Alternative wäre unverantwortlich und nur das Weihnachtsgeschenkebeschleunigungsgesetz ist ein vernünftiger, gangbarer Weg, nach allem weihnachtsmännlichen und auch weihnachtsfraulichem Ermessen.

Denn nur so erfüllen wir wieder die alte Quote und ich frage, was wäre denn die Alternative?
Schulden für neue Schlitten, Arbeitslosigkeit unter den Weihnachtsfrauen und Weihnachtsmännern! In letzter Konsequenz: Weihnachtslosigkeit! Das wäre doch Folge, wenn wir jetzt nicht entschieden handeln. Und das kann doch keine wollen!

Also, vertrauen wir auf eine starke rot-weiße Koalition, auf starken und kräftigen Bartwuchs, damit wir nicht bald grüne Mäntel anziehen müssen!

Auf ein Neues. Ich wünsche auch in diesem Jahr, frohes Geschenkeverteilen.

Halleluhja!


 
 
 

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