Terminschwierigkeiten: Herr thom* las
Schweinegrippe
und
Horst Schwerinski – Web 2 Punkt 0
und
Konjunktiv
Schweinegrippe
Im Dorf am Ende der Straße hat der Nachbar Küchenrollen gekauft. Den alten Anhänger hat er an das neue Auto gehängt, mit Band und Klebestreifen hat er den festgetüddelt und die Deichsel, die hat er mit Schaumgummi gepolstert, weil keine Anhängerkupplung lieferbar war in diesem Abwrack-Sommer und dann hat er Küchenrollen gekauft in der Kaufhalle der kleinen Stadt. Wenn seine Schweine Grippe kriegen, will er gerüstet sein, hat er zu Vadder Theser gesagt, Küchenrollen rechnen sich, wenn man mal guckt, was Papiertaschentücher kosten und Vadder Theser hat Schnaps eingegossen für zwei.
Am Ende haben die Schweine aber gar keine Grippe gekriegt, nur die Nachbarsfrau und die war schon immer so blass und kränklich, dass die Leute im Dorf bereits bei der Hochzeit unkten, die werde dem Hof nicht nützen. Damit aber hatten sie Unrecht, denn wenn die Nachbarsfrau in einer Nacht in den 70ern nicht rechtzeitig die Zigarette ihres Mannes gelöscht hätte, gäbe es den Nachbarshof schon gar nicht mehr. Da ist es durchaus zu verzeihen, dass sie heute darniederliegt mit Husten, Schnupfen, Fieber und Schüttelfrost und nicht den Stall ausmisten kann, so wie es ihre Pflicht ist auf dem Nachbarshof im Dorf am Ende der Straße.
Nun hat sie Zeit den Fernseher zu durchzappen und da kriegt sie erzählt, wie das war vor 20 Jahren, als die Leute noch Zeit hatten, Plakate zu malen und sich damit auf den Straßen der Städte zu treffen. Hier gehen sie heute zum Malen ins Dorfgemeinschaftshaus, da ist mittwochs Kreativ-Kurs mit der Zahnarztfrau. Die ist zugezogen aus Göttingen oder so und etwas überkandidelt, das weiß jeder hier. Um nicht in Langeweile zu zerfließen gibt sie Kurse im Dorfgemeinschaftshaus, das früher die Kneipe war. Was hab ich eigentlich damals gemacht, vor 20 Jahren, fragt sich die Nachbarsfrau und dann guckt sie aus dem Fenster auf den Schweinestall und weiß es wieder.
Auch Vadder Theser guckt aus dem Fenster, dann schaltet er den Fernsehen ein. Eine Minute nach vier. Nach vier erst schaltet Vadder Theser den Fernseher ein, weil wer vor vier fernsieht, der steht mit einem Bein schon in der Assozialität, das ist ein Prinzip auf dem Theserschen Hof genauso wie die aufgeräumte Werkstatt, wo selbst die Sägespäne am Boden ein ordentliches Quadrat bilden. Und im Fernseher, da sieht Vadder Theser den alten Pastor aus der Kreisstadt, wie er sich erinnert an die erste Demonstration hier, im Oktober war die und Vadder Theser erinnert sich, wie er damals hat warten müssen an einer Innenstadt-Kreuzung mit seinem blauen Trabant, weil die Leute so langsam demonstrierten, so langsam, wie sie auch gearbeitet haben, denkt Vadder Theser ohne Hohn.
Ohne Hohn, denn in seiner LPG kam damals das Korn auch nicht sonderlich schnell von den Feldern und in der Kartoffelscheune, da haben die Olschen auch mehr geraucht als alles andere. Das war eben so und wer die Leute heute faul nennt, der hätte mal sehen sollen, wie schnell der Nachbar seinen Stall ausgebaut hatte, jedenfalls nachdem das Material zusammen organisiert war.
Als es im Fernseher wieder um die großen Städte geht, schaltet Vadder Theser um. Am nächsten Morgen lässt er vorm Nachbarshof die Fahrradklingel schellen, bis sich die Nachbarsfrau Küchenkrepp in die Ohren steckt und der Nachbar die Bettdecke lüftet. Als der endlich über den Hof geschlurrt kommt sagt Vadder Theser Tachschön und Mach hin und dann tüddeln sie den Hänger mit den Küchenrollen an den Wagen und machen sich auf den Weg.
In der Kaufhalle der Kreisstadt wollte der Kassierer erst noch ein wenig diskutieren, hatte er doch vor einer Woche erst die Monatsbestellung Küchenrollen vor die Tür geschleppt und auf den Hänger geladen. Erst als Vadder Theser droht, herumzutratschen, was er da neulich durch die halbgeöffnete Tür hinter dem Fleisch- und Wurststand gesehen hat, fügt sich der Mann und nimmt die Pakete zurück.
Auf dem Heimweg sagt Vadder Theser zum Nachbarn, er soll mal durch die Innenstadt fahren, an der Kreuzung vorbei, wo sie damals die Kerzen spazieren getragen hatten und der Nachbar machts. Hier im Kern der alten Kreisstadt ist jetzt alles verkehrsberuhigt und der Dacia rollt über zwei tote Polizisten, dass der Hänger scheppert. Tote Polizisten, das sind diese Huckel, die sie heute auf die Straßen legen, damit der Verkehr langsamer rollt, tote Polizisten, der Name gefällt Vadder Theser, seit er ihn beim Schwipp-Schwager im Hessischen zum ersten Mal gehört hat. Da war Vadder Theser gewesen schon im Frühling vor dem besagten Herbst vor 20 Jahren und da hat der Vadder schon gesagt, dass das nicht mehr lange gut gehen kann. Ein Land, in dem keine Bohrmaschinen zu kriegen sind, hat seine Daseinsberechtigung verwirkt, soll er damals im hessischen Baumarkt ausgerufen haben und dem Parteiler seiner LPG, dem hat er das nach seiner Rückkehr sogar ins Gesicht gesagt. Aber weil die auf dem Lande schneller mit der Mistgabel sind als mit dem Denunzianten-Stift, hat der Parteiler nur resignierend genickt und keinen Bericht geschrieben. Erzählt Vadder Theser jedenfalls.
Als am Abend die Nachrichten voll sind von Schweinegrippe, ruft Vadder Theser der Reihe nach alle Verwandten an. Zwei Minuten gönnt er sich pro Telefonat, sonst wird das zu teuer. Auch ein Prinzip. Von Oberursel bis Zinnowitz hat niemand mehr als einen Schnupfen und weil auch die Nachbarsfrau schon wieder aus den Augen gucken kann, sagt Vadder Theser zum Fernseher, dass keinem mehr zu trauen sei heutzutage, wenn selbst die Tagesschau so einen Unfug verbreitet. Und angestiftet dazu hätten doch bestimmt die Dokters, damit die mehr zu spritzen kriegen. Oder die Papierwerke, die diese Küchenrollen machen. Aber denen hätten sies ja nun gezeigt.
Horst Schwerinski – Web 2 Punkt 0
Hallo, mein Name ist Horst Schwerinski und ich bin volle Pulle Web 2 0.
Wartense mal. Ick kann noch nich… ick muss das erstmal fertig machen hier… „Schmaluma. Text vorlesen von mein aufregenden Leben.“ Nu nochn meine Koordinaten dabei… undn Foto.
Sie hier vorne…
Lächeln se mal, det is gleich im Internet und denn lesen det alle meine Follower. Echtzeitkommunikation is det… also ick schreib was und die können das gleich, sofort, augenblicklich, also ohne Verzögerung, in dem Moment können die das lesen, die Follower… Echtzeitkommunikation. Twitter… heißt soviel wie „zwitscher“ Tschiep tschiep…
Ha ick neulich in Väterkreis jelernt. So nennen wir aus Spaß unseren Stammtisch. Nu ham ja auch schon der Michel und der Matthias Kinder jekricht. Und wie wir denn neulich schon zum dritten Mal die Frequenzgänge von Babyfonen besprochen haben, und wie man da den Polizeifunk reinkricht, da hat der Wirt jesagt, ihr seid ja son richtiger Väterkreis ihr Tratschtanten. Wir ham ihm denn in die Nacht noch als Strafe Penatencreme auf die Windschutzscheibe jeschmiert, wat man so bei hat als Vata, aber der Name, der is irgendwie geblieben.
Kurz mal an Rande, is aban Insider… Kurz nache Jeburt hat die Hebamme jesacht, ick soll mal dat Jrundsortiment Vileda kaufen. Haick jemacht und mich nich jewundert. Bei Hebammen soll man sich ja nich wundern haick jelernt, det sind weise Frauen mit Sonne Mond und Sterne in Rücken, die manadschen schließlich det Wunder der Jeburt, buah!, und so haick denn den Kinderarsch die ersten Tage mit son Fensterputztuch sauber jemacht. Und mitn Wischmob haick det Kind bein Baden hin und herjeschubst im Wasser… War ja keene Bedienungsanleitung bei…
Aba zurück zum Web 2 0
Seit der Matthias n Kind hat, macht der auch am Stammtisch immer mit sein Handy rum. Inne Schwangerschaft von Manu, seine Holde, hat er sichn neues gekauft, damit sie ihn besser erreichen kann, hat er ihr gesagt, mit Puschtotohk, mit E-Mail, mit Twitter, mit flickr, mit integriertem Wordpress-Zugang, mit Mondphasenkalender und Ultraschall und mit ner 5 Megapixelkamera und denn ging das los, das web 2 0.
Für die Verwandten hatte der Manu jesacht, det die teilhaben können auch wennse in Übersee wohnen, oder in Überlingen. Da is ja seine Holde her, wa, von Überlingen. Det s am Bodensee. Vom Bodensee annen Schweriner See… watn Abstieg sach ich immer…
Und denn hat die Familie in Überlingen aba wat zu gucken jekricht, bei den Matthias: Manus Bauchnabel, wie der plötzlich rausploppte als Video auf youtube, ihr neuer Riesen-BH als Poster zum Download, das Kinderbett bei Ikea, Matthias und Manu beim Bezahlen von Kinderbett bei Ikea, det Kinderbett, wies nich in Polo passt, det Kinderbett, wie der Matthias det nich aufjebaut kricht im neuen Kinderzimmer, der Vorbereitungskurs mit Manu wiese hechelt, den hatter aus der Froschperspektive jefilmt, die Jeburt natürlich fontal, der Matthias hat jefilmt und jeknipst mit sein neuen Handy und denn hat der hier gedrückt und da und zack war das alles weltweit im Netz.
Allerdings sacht der Matthias, det die Frauen, det nich so kapieren, auch die Vorteile vonne Echtzeitkommunikation nich. Wenn der Matthias den Müll fotografiert, statt ihn runterzubringen, denn sorgt det rejelmäßig für Diskussionen.
Und seit ick auch son Handy wie der Matthias hab, da bin ick bei den Diskussionen nu immer dabei. Is jetzt auch son kleiner Wettstreit jeworden, wer die meisten Follower kricht mit seinen Jeschichten…
Ick hab mir spezialisiert auf lustige Kinderfilmchen. Da bau ick manchmal so heimlich Parcours auf inne Wohnung, mach ma ne Türklinke locker, lech da maln Schuh auffe Türschwelle, zum Stolpern, oder wenn ja nix hilft, denn zieh ick auch ma an Teppich, wenn det Kleene jrade versucht zu stehen. Na und det film ick denn alles…
An Anfang, da war det noch einfach, da war det Kleene ja noch nich vorjewarnt. Wenns mich heute sieht, denn jehtet immer wie auf Eiern durch die Wohnung… Jaaaaanz vorsichtig… Det hatn extrem wachen Blick jekricht… det sagen alle… und wennde mal irjendwo zu Besuch bist, glaub ma nich, det Kind fasst wat an… Det is jut. Weniger jut is, det ick mir nu schon richtig was einfallen lassen muss, damits noch lustige Videos jibt…
Ick hab jetzt in meiner Not schon bein Kinderjarten vonne Kleene anjefracht, wejen son Väterpraktikum. Rein statistisch jesehen müsste det ja ne Fundjrube sein. Ick hab mir schon kundich jemacht, wie man die Lenker vonne Dreiräder locker kricht. 10er Schlüssel müsste reichen, sacht det Internetz. Aba am meisten freu ick mir auf die Schaukeln…
Wartense mal… wir ham ja heute auch Kinder hier… Mh. Wir jehen nachher ma vor die Tür. Und denn können Sie ja einfach mal die Kamera halten und Sie nehmen mal ihr Glas inne Hand, son bisschen locker und det Kind, det lassen wir denn inne Kamera winken und dabei rückwärts jehen, bisses an Sie ranstößt. Jut wa? Und ick schick det denn gleich ma nach youtube…
Konjunktiv
Wär ich in den Konjunktiv verliebt
Wir wären die Eltern von könnte und müsste
Wär ich in den Konjunktiv verliebt
Ich würde uns ein Häuschen bauen, an der Küste
Da hätte ich längst den Schrott runtergebracht und den Keller aufgeräumt
ich hätte den Ausweis verlängert, die Versicherung gekündigt und die Frist nicht versäumt
ich hätte die Steuer erklärt und die Hecke geschert und der Konjunktiv hätte mich lieb
denn ich wäre gut frisiert, ich wäre durchtrainiert,
ich wär, wie der Konjunktiv,
mehr so der athletische Typ
Wär ich in den Konjunktiv verliebt
Wir wären die Eltern von könnte und müsste
Wär ich in den Konjunktiv verliebt
Ich würde uns ein Häuschen bauen, an der Küste
Ich würde täglich laufen, die Friteuse wär verkauft, wir hätten Beete mit Gurken und Kohl
Es gäbe Schwarzbrot zum Frühstück und in den Ferien wanderten wir durch Tirol
Der Rasen vorm Haus wäre immer gepflegt und der Konjunktiv wär auf mich stolz
ich wüsste nichtmal mehr wie man Rauchen buchstabiert,
Statt Aschenbechern sammelte ich
Koalabären aus Holz
Wär ich in den Konjunktiv verliebt
Wir wären die Eltern von könnte und müsste
Wär ich in den Konjunktiv verliebt
Ich würde uns ein Häuschen bauen, an der Küste
Wir hätten immer was vor und erzählten uns davon
Die lange Bank gewährte endlos uns Kredit
Wir wären in vollendeter Möglichkeitsform
Das Wenn-wäre-würde-könnte-hätte-Prinzip
Wär ich in den Konjunktiv verliebt
Wir wären die Eltern von könnte und müsste
Wär ich in den Konjunktiv verliebt
Ich würde uns ein Häuschen bauen, an der Küste

