Nachwuchs: Herr thom* las
Nachwuchs 89
Ich fühl mich manchmal so…
Nachwuchs 89
Anika hatte ein Kind bekommen, 1989. Sie war die Schönste von all den Plattenbaumädchen im Viertel und gerade 15 geworden. So wie ich. Und wenn wir sie sahen, mit dem Kinderwagen und dem Jeanstypen, mindestens 20 war der, ein alter Sack, dann setzten wir unsere kleinen schwarzen Schaumgummikopfhörer auf und drehten Depeche Mode lauter
Princess Di is wearing a new dress…
New Dress. Ein Song wie gemacht für die Übersetzung im Englischunterricht im frühen Frühling 89. Zu scharfen Elektrobeats zählte Dave Gahan Ungeheuerlichkeiten dieser Welt in Schlagzeilen auf, Flugzeugabstürze, Erdbeben, Vergewaltigung, Mord, ein Feuer im Ghetto…. Und dann wiederholte er ein paar Mal: Prinzessin Di trägt ein neues Kleid.
Princess Di is wearing a new dress…
Princess Di is wearing a new dress…
Der meinte den Westen, der Dave Gahan und seine Zeilen deckten sich mit allem, was unser Englisch-Lehrbuch hergab. Da stand viel von Massenarbeitslosigkeit in Glasgow und Birmingham und was die macht mit den Menschen. Dennoch hatte ich eine Reise zu Big Ben, zur Tower Bridge und dem Trafalgar Square zu meinem sehnlichsten Wunsch erklärt. Damit ich etwas zu sagen hatte, sollte mich jemand nach meinen sehnlichsten Wunsch fragen.
Weil wir möglichst versunken aussehen wollten, wenn Anika mit dem Kinderwagen vorüberschob, drehten wir Depeche Mode lauter. Und nach der zweiten Strophe setzt Dave Gahan zur Botschaft an.
Du kannst die Welt nicht ändern
Du kannst die Fakten ändern
Und wenn Du die Fakten änderst,
änderst Du die Einstellungen
und wenn Du die Einstellungen änderst
änderst Du die Abstimmungen
und wenn Du die Abstimmungen änderst,
änderst Du vielleicht die Welt.
Eine seltsame Botschaft, fand ich. Klang aber gut. You may change a vote, and when you change a vote, you may change the world.
Als der Regierung Wahlbetrug vorgeworfen wurde, stand auch in unserer Klasse eine Diskussion an. Eigentlich waren es zwei: Eine auf dem Schulhof und in den Hauseingängen, wo wir gemeinsam rauchten, da sagten viele, alles Schmuh! und eine im Klassenzimmer, in der ich sagte, wir können nur Vertrauen haben, wir haben ja nichts, um zu erfahren, was da wirklich gewählt wurde an der Nationalen Front. Und die Lehrerin nickte dazu und wir beide hatten Vertrauen. Zu Hause im Wohnzimmersessel saß nun schon zum dritten Mal dieser Zausel mit dem dünnen Bart und dem Parka, der war Schüler meiner Mutter gewesen und nun war er es, von dem ich zum ersten mal Neues Forum hörte.
The Cure hatte Lullaby – Schlaflied, veröffentlicht. Jemand hatte es aufgenommen bei NDR2 oder RSH, und es war so fremd, so wohlig-düster und versponnen und während im Sommer die Botschaften aus allen Nähten platzten, Ungarn die Grenzen öffnete und volle Züge Richtung Westen rollten, trotteten wir einen Sommer lang in schwarzen Wollpullovern introvertiert neben der Weltgeschichte her. Aus meinem Freundeskreis verschwand niemand in diesen Tagen.
Als in Leipzig die Montagsdemos immer größer wurden, kam das Gerücht auf, mit einem Schweriner Kennzeichen bekämen Autofahrer in Sachsen keinen Sprit mehr. Weils nicht brodelt im Bezirk Schwerin und die Kirchen leer sind, hieß es. In Dresden aber, wo ich beim Hinterhof-Fußball von Honeckers Abgang erfuhr, waren alle sehr freundlich. Wir teilten eine gewisse Verwirrung. Wir kannten das Land nur mit Honecker.
Als der Herbst kam schluchzten sich Liebeslieder von The Cure aus dem SKR 700, einem Stereo-Radiorekorder, der zwei Jahre zuvor mein Jugendweihegeld gefressen hatte. 1.500 Mark. Und anfangs immer wieder kaputt war, bis der Reparaturladen in der grauen Baracke hinter der grauen Baracke der Bibliothek endlich einen neuen Motor geliefert bekam.
Morgens dudelte der SKR 700 DT64. Auch am 10. November. In der Küche sang Mirelle Mathieu im Sender Schwerin. Ich wachte auf wie immer in meinem Neubaukinderzimmer auf meiner praktischen Jugendliege, die hatte einen Bettkasten und niedrige Schiebeschränke und auf den Schiebeschränken dudelte der SKR 700. Und dann sagte im Radio der Mann, dass die Mauer auf ist und meine Mutter rief aus der Küche, dass die Mauer auf ist und ich sagte Guten Morgen und dachte Gute Nacht. Ich hatte es immer wieder im Fernsehen gesehen und in der Schule hatten wir es gelernt: Wenn die Mauer auf ist, ist nichts mehr wie es war. Denn die Mauer hatte die Guten beisammen gehalten und das Böse von uns fern. Die Flugzeugabstürze, Erdbeben, Vergewaltigungen, die Morde, und das Ghetto. In der Schule blieben an diesem Tag viele Bänke leer. Das wurde im Klassenbuch vermerkt.
Das Mädchen, von dem ich träumte, nachdem Anika ein Kind bekommen hatte, wohnte am anderen Ende der Stadt. Wir hatten uns gerade beim Fackelzug zum DDR-Geburtstag kennen gelernt bei Wodka aus der Campingflasche. Da trug sie ihr Blauhemd um die Hüften und das wackelte lustig beim Gehen. Als ich sie besuchen wollte am Abend des 10. November am anderen Ende der Stadt, waren ihre Fenster dunkel.
Sie war noch da, wo alle herkamen in der Straßenbahn vom anderen Ende der Stadt nach Hause. Alle waren ausgelassen und trugen Tüten über Tüten und da guckten Jeans raus und Bananen, Tatsache, Bananen, und immer wieder wurde ich angesprochen, einfach so, weil die Leute was sagen wollten zu ihrem ersten Beutezug drüben, im Westfernsehland. Sie waren alle so stolz…
In Hamburg am kommenden Wochenende wusste ich dann was mit denen passiert war. Die Leuchtreklamen an der Reeperbahn, die blinkenden Stereoanlagen in den Kaufhausregalen, der Geruch in der Begrüßungsgeld-Bank, nach Mensch und Westpaket, die Sexspielzeuge im Sexspielzeugladen, dieses Brötchen mit gebratenem Hack, mit Tomate und Salat, nur halb so groß, wie ich es erwartete hatte – das alles kitzelte das Hirn und machte so ein aufgekratztes Glück. Den Karton mit dem kleinen schwarzen Doppelkassettenrekorder hab ich eine ganze Heimfahrt lang auf dem Schoß gehalten und lieb gehabt.
Anikas Jeanstyp trug jetzt Levis. Unsere Staatsbürgerkundelehrerin trug Trauer. Und wir trugen ein zusammengeborgtes Schlagzeug in den Schulclubkeller. Wir rauchten Bananenschalen und Schweinejuwel, rumpelten uns so durch den Winter. Im Frühling durften wir noch nicht wählen, und als der nächste Sommer kam, kauften wir zum Schlagzeug eine E-Gitarre und einen Bass für das neue Geld. Den Verstärker haben wir uns vom Stasigelände in Rampe geholt.
Ich fühl mich manchmal so…
Ich fühl mich manchmal so…
Ich fühl mich manchmal so…
Dann nehme ich Lineal und Dreieck
und richte die Autos aus
auf dem Parkplatz an den Parkplatzstreifen
Im Stechschritt spazier ich durch den Stadtpark
Hunde, wollt ihr ewig leben? ruf ich den Tölen zu
und lasse Kastaniensoldaten aufmarschieren
Ich fühl mich manchmal so…
Im Angler 2 frag ich die Wirtin nach ihrem Angelschein
Und hatse keinen, musse Goldmakrelen putzen bis die glänzen
im trüben Hafenbeckenbrackwasser
Ich lege Schutzumschläge um Bucheckern
ärgere mich über Eselsohren im Zoo
rege ein Arbeitslager an für Faultiere
Ich fühl mich manchmal so…
Nachts zensiere ich das Netz
und keiner kommt über eine 3 hinaus
Kopfnoten. Ein Computerprogramm spielt Kopfnoten.
Ich fühl mich manchmal so…

