Die Wasserlese – Herr ivalo las
Dialog zweier zu 50 Prozent mit Wasser gefüllter Gläser
und
Wasser, Du Arschloch
und für Frau jules
Herr Freitag und ich – Abschied
Dialog zweier zu 50 Prozent mit Wasser gefüllter Gläser
E: Bonjour, ich aiße Evian
S: Tach, ick bin Seltas!
E: Oh, Seltas, was für ein schöner Name!
S: Willste ma verschaukeln!
E: No, no, no, ich find escht tres chic!
S: Nu hör aba ma uff, ick meen so’n Name, dit is do eh bloß Schall und Rauch, oda?
E: No, no, no,ein Name ist sehr wischtisch! Ein Name macht aus den Charakter! Sonst wären wir doch bloß Wasser, e? L’aque mineral!
S: Na, ick find dit wurscht, weeßte, ik meen, würd nich so’n Schlucke Wasser jenauso schmecken, ejal, ob et nu Asta-la-vista schnicki schnacki oda Kraneberjer heeßt?
E. Hm.
S: Na, oder kiek ma: so ne Rose, die würd do jenau so lieblich duften, och wennse nu anders heißen würde, oder?
E: Hm.
S: Na, übazeucht!
E: No, no, no, isch find der Name trinkt mit! Der Name ist für die Fantasie! Isch find es ist wischtisch, dass isch einen schönen Namen habe. Isch trinke liebe Evian als Kraneberg.
S: Na, ick weeß nich, dit is do ejal, weil du trinks in beide Fälle Wasser, datte keene Jülle oda so trinkß, dit is do klar, dit riechßte do schon, da macht der Name auch nüscht mehr aus!
E: Mon dieu, aber die Fantasie, das ist erotique und die ist drin in die Kopf! Da passiert alles und da schmeckt Wasser nach Erotique oder nach Güll!
S: Nu hör do ma uff, dit kannste ma nich erzählen, wenn ick dir Leberwurst jeb und sach, dit is Schokolade, dann sachste do och du piepst und nicht „Oh, ja, tres schick, das ist lecker, so süß, so süß!“
E: Non, non, ganz ruhisch, aber es ist der feine Unterschied zwischen Wasser und Genuss, und der liegt im Namen!
S: Hoppla, nich jlei ajressiv werden, bloß weil ma eener ne andere Meinung vertritt, heute janz schön ete pe-tete, wa! Tschuldije: et-pet-eht!
E: Dieu, die Welt ist schlescht! Niemand versteht misch! Dabei seh isch doch nur die Schönheit in den Dingen!
S: Ja ni wahr, Du siehst überall nur dit schlechte in die Dinge, wat Kraneberjer heeßt, det is für Dich schlecht, wa! Du bist irjendwie voll der Pessimist. Ick wette, Du denkß ooch, datte halb leer bist, oder?
E: No, no, no isch kenn die Welt nur zu gut! Es gibt überall viel schlescht Qualität,
Es ist zum Kopfschmerzen kriegen, aber die Welt ist wirklisch so, isch bin ein Realist! Und schau, auch Du bist halb leer, Seltas!
S: Ne, ne, Evi, ick laß ma vor allem nich verschaukeln! Und kiek ma, hier, halb voll!
E: No, halb leer!
S: Ne, ne, halb voll!
etc.
Wasser, Du Arschloch
Ich weiß, das klingt jetzt undankbar, Wasser. Ja, ich sollte Dir danken, Dir huldigen, ich weiß, ich weiß! La Ola, die Welle und so! Weil Du halt toll bist, ja Du bist toll. Okay, okay, ich geb’s ja zu.
Trinken, Regnen, die Pflanzen wachsen, Paddelbootfahren, Eisblumen am Fenster, ja, ja ich weiß. Ginge alles nicht, ohne Dich! Selbst ich, bin ja auch zu 70 % aus Wasser. Aber he! Was soll ich machen?
Also, ich sag mal, so rein rationell ist mir das alles klar. Aber hier! Da stimmt’s halt nicht! Soll ich meine Gefühle verbergen? Dir was vorgaukeln, was nicht ist? Mich verbiegen und so sein, wie ich gar nicht bin? Geht’s Dir dann gut, ja?
Willst Du das, Wasser?
Komm, lass uns einfach ehrlich sein, miteinander.
Auch wenn das im ersten Moment vielleicht schwierig ist, für Dich, ich denke, wir haben nur so eine Chance uns überhaupt noch in die Augen zu sehen – auf Dauer. Wir werden uns ganz sicher mal begegnen, wenn ich mal den Schirm vergessen, oder so.
Ich sag’s jetzt einfach, ganz direkt: ich find dich saublöd! So, jetzt ist es raus.
Geht mir schon besser, Danke!
Ich sag das jetzt nicht einfach so, das hat alles seine Geschichte, da ist echt viel kaputt gegangen! Ja, Du hast Dich nicht wirklich geschickt angestellt.
Okay, blöd gelaufen, aber irgendwie, – es hätte Dir halt wenigstens leid tun können. Aber ne, machst auf cool! Ich hatte nämlich echt nicht das Gefühl, das Dir irgendwas leid täte.
Ich sach nur Pfütze, weißt Du noch? Letztes Jahr November. arschkalt, ich schon am frieren und Du die Idee mit der blöden Pfütze.
Hast mich sogar noch ausgelacht, irgendwie, fühlte mich jedenfalls ganz schön beschissen.
Oder 95, der Keller, war das etwa nett? Und nicht mal sorry oder so was. Das war total übertrieben von Dir. Hätte echt nicht gemusst. Und Zelten in Holland! Was sollte die Aktion da?
Solange das alles noch zwischen uns steht, kann ich nicht mal unbefangen duschen!
Und nicht nur mit mir. Ich finde Du bist total ungerecht! Global gesehen. Fast überall gibt es zuviel von Dir, aber in der Sahara! He? Da verdursten die Menschen, Deinetwegen! Ja, da könntest Du echt mal drüber nachdenken. Und ganzen Kriege und so, alles nur wegen Dir. Pazifismus ist wohl nicht mehr, oder? So wie in Berlin 91, Du und ich und 100.000 auf der großen Demo! Darf gar nicht dran denken.
Ja, guck jetzt nich so bedröppelt, das zieht auch nicht mehr.
Keine Träne von mir, nein, soweit kriegst Du mich nicht!
Wir sollten uns eine Weile nicht sehen. Uns aus dem Weg gehen und der ganze Quatsch. Ich denke, das wäre besser. Ich trinke jetzt erst mal ne Weile Milch. Und waschen tu ich mich mit dem Trockentuch. Ich ruf Dich dann mal an, irgendwann, mal sehen, ja, machs gut.
Herr Freitag und ich, Abschied
Das sind so die Momente, die ich absolut nicht kann. Abschied. Wenn’s irgendwie geht, dann leugne ich den Tatbestand bis zur letzten Minute, verzögere tragische Worte und verfalle, wenn der Zug einfährt, in bedeutungslose Worthülsen. Ja, man sieht sich, ruft sich an, so lange ist es ja nicht und heute ist man ja nicht aus der Welt, Mail, ja, genau!
Herr Freitag ist da ganz anders. Ich denke noch nicht mal dran, dass Frau jules heute fährt, endgültig fährt, da sitzt Herr Freitag schon pfeifend auf dem Wohnzimmerteppich, hat Schere, Klebstoff und den großen Bastelkoffer aus dem Keller parat und bastelt Fähnchen. Dabei ist er fröhlich und beschwingt.
Ich bin grummelig. „Nu grummel nicht,“ sagt Herr Freitag. „Ich grummel nicht, „ sag ich. Und laß ihn basteln. Und wenn Herr Freitag zu ende gebastelt hat, dann holt er die Kiste mit den Schokoriegeln, den Pralinen, den Weingummifröschen und den Lakritzen heraus, die er in wechselnden Kisten und Schränken immer vor mir versteckt und sucht die drei schönsten Stücke raus. Wie liebevoll er sie einpackt, jedes einzeln in andersfarbigem buntem Papier mit Schleifchen drum.
So, fertig, sagt er irgendwann und es geht los.
Während die Stimmung bei allen trübe ist, ist Herr Freitag äußerst fröhlich.
„Nur wer fortgeht, der kommt auch wieder“, sagt er mit einem Unschuldsgrinsen für das ich ihn schlagen könnte, „und Wiederkommen ist das schönste überhaupt!“
Und während alle so ganz langsam anfangen sich eine Träne zu verdrücke oder sich eine Träne zu erlauben, sagt Herr Freitag nur: „Ich bin vorbereitet, ich bin bewaffnet.“
Er holt die große, Fahne raus, „damit Frau jules sie noch in Basel sehen kann und weiß, dass wir noch winken.“
Und dann holt er die drei bunten Pakete raus und gibt sie Frau jules, für Herrn Sonntag. „Damit er weiß, wie gut wir von ihm denken,“ sagt er und ich merke, dass auch Herrn Freitag die Worte stocken.
Ich glaube er hat geschluchzt.

