Hinter Gittern – Andersen Storm las und sang
Mein Lieblingstier
Die Dauerkarte
Lass dir nichts erzähl’n
Mein Lieblingstier
Mein Lieblingstier hat einen Rüssel. Ich verstehe, dass damit erst einmal keiner rechnen konnte.
Ich mag dieses Tier ob seiner Vielseitigkeit: Ein sonores Brummen, das dir den Schlaf raubt und dich wahnsinnig macht. Ein sanftes Pieksen in die Seite – „He, du! Ich bin auch noch da.“ – um Aufmerksamkeit förmlich bettelnd.
Ein sportliches: „Oh doch. Ich komme hier herein, auch wenn du deine Luft siebst. Komm, lauf mir hinterher.“
Und final das opfernde: „Ich bin Blut von deinem Blute. Wasche mich von der Tapete.“
Und immer diese Vielseitigkeit der Bedeutung: Ja, ich bin eine! Mach mich groß! Mach mich zu einem großen grauen Tier. Nein, nicht das was Mutti immer zu dir sagt. Mach mich bedeutend und reich. Lass mir Beine aus dem Maul wachsen. Mach aus mir einen! Mit einem Rüssel!
Mein Lieblingstier ist ein Elefant.
Die Dauerkarte
Neulich wollte ich die BUGA eröffnen. Ich hin zum Schloss in Schwerin, alles voller Menschen. Mich lassen sie da aber nicht rein. „Die Buga“ – rufe ich da – „ich muss doch noch die BUGA eröffnen!“ Aber nein, nix ist. Ich also außen rum um das Schloss. Nichts auffälliges, außer Menschen, Menschen, sag ich dir, Menschen – Mensch, Mensch, Mensch!
Auf der Insel spricht eine unsichtbare Dame zusammenhanglos vor sich hin. Da hätte ich schon was merken müssen. Und was muss ich dann sehen? Das Tor ist auf! Ich ran an die nächste Lottobude und sage zu dem Herren: „Ich muss noch die BUGA eröffnen, aber die ist ja schon auf! Da laufen ja hunderte, tausende, zehntausende Menschen, laufen da ja, ohne dass ich die BUGA eröffnet hätte! Wer hat denn das zugelassen?!“
Der Mann im charmanten Busfahrer-Look hält meine Verzweiflung für gespielt und meine Intervention für einen guten Scherz und lächelt schelmisch in sich hinein. „Eine Dauerkarte also?“
Hä?! Eine Dauerkarte? Hmm, na gut. Übertragbar bitte! Was?! Nur tragbar, nicht über? Aber der Herr ivalo… Der güldet hier gar nicht? Hat er auch nicht? Gibt es gar nicht? Wird nachträglich personalisiert? Hähähähäääää, der ivalo… Und meine? Jetzt gleich? Mit Foto? Wie denn, hä?! Klar hab ich einen Personalausweis! Kann ich sogar vorzeigen das Teil. “Moment”, sag ich zu der Dame die sich plötzlich von rechts anstellend an mich heranzukuscheln versucht. “Darf ich mal meinen Ausweis…”
„Darf ich hier nicht stehen?“, schreit diese los. „Fassen Sie mich nicht an.“ Ich denke ‚das ist mein Satz’ und sage: „Ich brauche nur etwas Platz um meinen Ausweis…“
„Fassen Sie mich nicht an“, schreit die Furie damenhaft oder ist es umgekehrt? Ich blicke verwirrt. Das nutzt sie sofort aus. „Das fehlt noch, dass Sie mich anfassen. Ich kann auch noch lauter“, jetzt schreit sie auch den Busfahrer in der BUGA-Kabine an. „Eine Satzung! Ich will eine Satzung! Die in der Information haben mich aber zu Ihnen geschickt. Sie müssen doch eine Satzung haben! Ich will sofort eine Satzung!“ kreischt sie und rennt davon.
Was war denn das jetzt, denke ich laut. „Nicht wahr“, sagt die nächste Ankuschlerin von rechts, „was will die denn JETZT mit einer BUGA-Satzung?!“
„Mir ist das egal, ich möchte einfach nicht angeschrien werden und meinen Ausweis aus meiner Jacketinnnentasche holen können, ohne jemanden zu rammen. Danke. Hier ist mein Ausweis.“
Doch vorgezeigt heißt eingezogen, eingetippt, eingescannt, der Drucker druckt, die Tinte trocknet, die Folie klebt. Mein Bild ist auf einer Dauerkarte der BUGA 2009 verewigt. 90 Euro bitte. Neu…WAAAAAAASSS? Das sind 180 Mark. Für was? Wie lange hält die denn? Bis 11. Oktober? Knapp 180 Tage, sind 50 Cent pro Tag… Mein Kopf schwenkt in Richtung Schlossgarten. Jetzt schwärmen dort Millionen durch die weit geöffneten Tore. Kaufe ich jetzt nicht, muss ich auch… Die Eröffnung ist offensichtlich ausgefallen, oder sollten sie ohne mich…? Nein! Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich muss ja vielleicht heute nicht mehr eröffnen. Ich kann mich einfach vom Eröffnungsrundgang der Millionen auf der BUGA 2009 freikaufen.
Eigentlich muss ich jetzt ja gar nicht mehr auf die BUGA. Soll doch eröffnen wer will. Ich hab ja jetzt eine Dauerkarte und wenn einer fragt: Warst du schon, kann ich mit einem Lächeln sagen: ‚Nein, aber ich könnte jederzeit! Freiheit! Und das schon für 90 Euro, echt günstig’, denke ich und zahle.
„Ich will eine Satzung“, schallt es au der Ferne. Ich atme tief.
Lass dir nichts erzähl’n
Lass dir nichts erzählen, dir nichts erzählen…
Nur geradeaus entkommst du aus dem Kreis
Da musst du übern Tellerrand
Klar sind Barrieren zu überwinden
Ganz sicher gibt es Widerstand
Du kannst es lieben oder hassen
Du kannst es bauen oder zerstören
Du kannst es tuen oder lassen
Nicht oder doch dazugehören
Du kannst dich stellen oder versagen
Kannst hilflos nach ’nem Retter schreien
Und du kannst selber etwas wagen
Und wirst auch dort nicht einsam sein
Nur lass dir nichts erzählen, dir nichts erzählen…
Nur geradeaus entkommst du aus dem Kreis
Da musst du übern Tellerrand
Klar sind Barrieren zu überwinden
Ganz sicher gibt es Widerstand
Du kannst es lesen, kannst es schreiben
Du kannst es sagen, kannst es hören
Du kannst bei deiner Meinung bleiben
Du kannst auf ihre Götter schwören
Du kannst das alles selbst bestimmen
Du musst für niemand’ in das Rad
Warum soll’s heute schon vorbei sein
Wo’s vielleicht grad begonnen hat
Nur lass dir nichts erzählen, dir nichts erzählen…
Nur geradeaus entkommst du aus dem Kreis
Benutz den eigenen Verstand
Ganz sicher nicht in Richtung Mitte
Du musst nach außen übern Rand
Nur lass dir nichts erzählen, dir nichts erzählen…
Nur geradeaus entkommst du aus dem Kreis
Da musst du übern Tellerrand
Klar sind Barrieren zu überwinden
Ganz sicher gibt es Widerstand


12. Juni 2009 um 10:52
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