Sieben: Frau jules las

romanze plus

Sieben Tage

romanze plus
zwei katzen im winkel zum eck
saßen am abend bei der laterne
die ein kater war
mochte die andere gerne

zwei katzen im winkel zum eck
summten und sangen leise und fein
der winkel dann leer
zwei katzen zusammen allein

im märz dann rollte die katze
der kater sah zu
die wochen verstrichen ratzefatze
kam´ fünf mal vier tatzen dazu

Sieben Tage

Montag, 13. März
Als Fritsches Gecko eines Montagmorgens an Geschenkband erstickt war, gab es für Fritsche nichts mehr wofür es sich zu kämpfen lohnte. Er starrte auf das tote Tier, räumte das liegen gebliebene Geschenkband und bunte Papier in den Mülleimer und starrte auf das tote Tier im Terrarium. Mit einer Stoffmaus versuchte Fritsche den Gecko ein letztes Mal zu begeistern, aber nichts geschah. Er warf ihn in den Mülleimer und starrte.

Das Geschenk, welches er mit der Schnur, an der sein Gecko erstickt war, verpackt hatte, warf er ebenfalls in den Mülleimer. Seine Mutter hatte Geburtstag und Fritsche beschloss, sie für immer zu hassen. Bei seiner Mutter hatte Fritsche bis vor sechs Jahren gewohnt. Er war jetzt 43. Sie hatte nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass Fritsche bis zu seinem 39. Lebensjahr nicht mit anderen Frauen reden konnte und ins Bett machte. Jetzt hatte sie ihm auch den Gecko genommen.

Dienstag, 14. März
Nach dem Frühstück ging Fritsche in ein Tattoostudio. Er ließ sich ein Einhorn auf den Rücken tattowieren. Dieses übergab sich und auf seinem Erbrochenen schwamm ein Herz in dem „Mama“ zu lesen war. Fritsche fühlte sich gut. Er war auf dem besten Wege sich von seiner Mutter zu emanzipieren und so neuen Mut zu fassen. Bevor er in das Tattoostudio gegangen war, hatte er den Gecko aus dem Mülleimer geholt und ihn mit Watte in einen Schuhkarton gelegt, den er mit vier Räder aus Draht, Holz und Blechbüchsen versehen hatte. Mit Hilfe einer einen Meter siebzig langen Schnur konnte er den Karton fortan hinter sich herziehen. Nachdem er im Tattoostudio war, würde er im Fotoladen ein Foto des Geckos vergrößern lassen und auf die Kiste kleben.

Fritsche würde den heutigen Geburtstag seiner Mutter ignorieren. Einfach ignorieren. Nicht anrufen. Nicht anrufen und nicht abnehmen, falls das Telefon klingeln sollte.

Mittwoch, 15. März
Fritsche kaufte sich seine erste eigene Uhr. Er hatte beschlossen weg zu fahren, weit weg. Er hatte beschlossen seine Mutter und seine kleine Stadt hinter sich zu lassen, weit hinter sich. Um die Abfahrtszeiten der Züge zu überblicken kaufte sich Fritsche seine erste eigene Uhr.

Weil es so still in der Wohnung war, seit der Gecko gestorben war, kaufte sich Fritsche neben einer Uhr auch eine Gitarre. Mit dieser und einem Teelöffel saß er vor dem Schuhkarton mit dem Gecko und spielte melancholische Musik.

In einem ganz besonders melancholischen Moment beschloss Fritsche, das Geld auf dem Sparkonto, das seine Mutter seit 43 Jahren für ihn verwaltete, einzufordern und damit seine Zugfahrt in sein neues Leben zu finanzieren.

Fritsche begriff wenige Augenblicke später, dass Melancholie nicht dynamisch genug war, um ein neues Leben zu beginnen.

Donnerstag, 16. März
Am Donnerstag warf Fritsche seine Gitarre in einen Mülleimer und schrieb einen Brief an seine Mutter mit folgenden Schlüsselwörtern: Gecko, Mutter, Kindheit, Schuld, Sparkonto, Geld, schnell, neu und Leben. Nachdem er den Brief geschrieben hatte, ging er zum Postamt und gab ihn als Eilsendung auf.

Wieder zu Hause angekommen starrte er auf den Schuhkarton. Er starrte auf den Schuhkarton. Fritsche beschloss, dass es ein guter Beschluss war seine Mutter für immer zu hassen. Fritsche beschloss, dass er genug getrauert hatte. Er ging zum Postamt und wollte den Schukarton – die vier Räder aus Holz, Draht und Blechbüchsen hatte er abmontiert – als Eilsendung aufgeben. Aber Fritsche beschloss, damit lieber zu warten. So lange bis ihm seine Mutter das Geld von seinem Sparkonto geschickt haben würde. Im Postamt sah Fritsche eine Frau. Die Frau war zart, rund und rosa.

Freitag, 17. März
Heute würde seine Mutter den Brief bekommen. Fritsch spiegelte sich im Fenster und sah auf das Einhorn auf seinem Rücken. „Mama“, sagte er und schmunzelte. An der Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite sah Fritsche plötzlich die Frau, die am Donnerstag schon im Postamt gesehen hatte. Sie schloss ihr Fahrrad ab und wartete offensichtlich auf den Bus. Er zog sich einen Pullover über und lief die Treppen herunter. Seine Mutter hätte ihm das nie erlaubt. Die Frau war zart, rund und rosa. Fritsche stelle sich neben sie und tat, als wartete auch er auf den Bus. Die Frau roch nach Zitrone und Minze als sie in den Bus stieg und Fritsche daraufhin sein Fahrrad aus dem Keller holte und an das Fahrrad der zarten, runden, rosa Frau schloss. Er beobachtete den Fahrradständer den ganzen Tag lang. Seine Mutter würde sagen: „Junge, tu doch was sinnvolles.“

Samstag, 18. März
Am Morgen des 18. März kam die zarte, runde, rosa Frau und wollte ihr Fahrrad abschließen. Fritsche war auf der Fensterbank eingenickt. Fritsche wachte auf, sah die Frau, zog sich einen Pullover an und lief die Treppen herunter. Die Frau roch nach Zitrone und Minze. „Guten Tag“, sagte Fritsch, „ich habe sie gestern an der Bushaltestelle gesehen und vorgestern im Postamt. Ich habe ihnen so viel zu erzählen.“ Die zarte, runde, rosa Frau lächelte. Sie war schön. Sie ließ sich von Fritsche gerne auf einen Döner mit Süß-Saurer Soße und ohne Zwiebeln einladen. Fritsche erzählte von seiner Kindheit, von seinem Gecko, von seiner höchstpersönlichen Emanzipation, von dem Schuhkarton und wie er mit Holz, Draht und Blechbüchsen vier Räder an den Schuhkarton montierte und davon, dass er ihn seiner Mutter schicken würde, sobald sie ihm das Geld vom Sparkonto überwiesen hätte. Die zarte, runde, rosa Frau wusste, dass Fritsche, nicht alle Tassen im Schrank haben konnte. Sie war schön und mochte ihn.

Sonntag, 19. März
Am Abend zuvor, während Fritsche mit der Frau einen Döner gegessen hat, hatte seine Mutter ihm auf den Anrufbeantworter gesprochen: 289 456, 73 würden in einem Briefumschlag unter der Fußmattte seiner Mutter liegen und er könne sich das Geld abholen. Für Fritsche war klar: Der Moment in dem sein neues Leben tatsächlich beginnen konnte, war gekommen. Er rief die zarte, runde, rosa Frau an, bat um ihre Adresse, damit er eine Postkarte von waswussterschonwo schreiben konnte. Er begrub seinen Gecko unter den Gehwegplatten vor dem Haus, legte frische Unterhosen, eine Zahnbürste, ein Kreuzworträtselheft und den Zettel mit der Adresse und Telefonnummer der zarten, runden, rosa Frau in einen Koffer, holte sich das Geld und ging zum Bahnhof. Er würde zurückkommen. Irgendwann. Zu der zarten, runden, rosa Frau, seiner Mutter verzeihen und zugeben, dass es zu einfach war, alles auf eine schlechte Kindheit zu schieben. Er würde Blumen auf die Gehwegplatte stellen unter der sein Gecko begraben war und er würde wissen, wie das Geschenkband in das Terrarium kam.


 
 
 

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