Sieben: Andersen Storm las und sang


Tretmühl

Xylonen
Nummer Sieben
7-Strophen-Blues (700-701)


Tretmühl

Dieser Film, nach Dogma-Statut gedreht und in Schwarzweiß, erzählt von einer verwunschenen Stadt.

Tretmühl ist eine kleine Stadt im Osten des Südharzes auf westlicher Seite. Tretmühl ist eine typisch deutsche Stadt. Tretmühl ist überschaubar, von der Einwohnerzahl her und schlängelt sich kilometerweit an der Trete entlang durch das Mühltal, das östliche Mühltal im Südharz auf westlicher Seite.

Die Leute in Tretmühl sind wie Leute so sind, im Osten des Südharzes auf westlicher Seite. Die Leute sind freundlich, wirken aber immer ein bisschen getrieben in Tretmühl. Die Mühl muss laufen, sagen die alten Tretmühler. Die noch älteren Tretmüller sagen: die Mühl muss gtreten wern, im Osten des Südharzes auf westlicher Seite.

Seit vielen hundert Jahren glauben die Leute in Tretmühl, wenn sie immer schneller getreten würde, die Mühle von Tretmühl, würde sie abheben und dem Mühltal für immer den Rücken kehren. Das wäre ihre Rettung, die Erlösung der Leute in Tretmühl, im Osten des Südharzes auf westlicher Seite, einer typisch deutschen Stadt.

Der Film wirkt verwackelt und farblos. Das Ende bleibt unbefriedigend: Hat sich das Filmteam tatsächlich im einzigen Kreisverkehr verfangen?


Xylonen

Der Mensch an sich ist ja ein pfiffiges Kerlchen oder Mädchen. Und er, sie, es sind faul. Das scheint in erster Draufsicht ein Widerspruch zu sein, denn um pfiffig zu sein darf man ja nicht wirklich faul sein, wenigstens nicht denkfaul. Aber der Mensch will ja immer alles gleichzeitig und hat sich deshalb zur Ambivalenz entschlossen. Und er hat die Xylonen erschaffen. Ersteres kann man ja noch mal durchgehen lassen. Bitteschön, dann muss eine Sache eben gleichzeitig schwarz und weiß, dunkel und hell, süß und bitter sein. Ist wie mit meine Haaren, das vermischt sich von weitem, das geht schon. Ambivalenz, na und?!

Aber Xylonen? Aus Faulheit Maschinen erschaffen, die immer mehr menschliche Tätigkeiten und Arbeiten und Angelegenheiten und Pflichten und sonstige Lästigkeiten übernehmen ist das Eine. Aber Xylonen? Wozu sollen die gut sein? Wer braucht die?

Erst bevölkerten sie die Weihnachtsmärkte, dann gingen sie in den Kinderzimmern ein und aus. Eltern ergriffen in panischem Schrecken die Flucht und der Ruf “Xylonen” wurde ein probates Mittel zur Mittagspause und sonstigen Freizeitbeschäftigungen die Wartezimmer von Ärzten und andere Verwaltungsangehörigen wieder frei zu bekommen. “Xylonen” nannte man alsbald übertragen jene speziellen Terroristen des Alltags mit dem notwendigen Equipment, z.B. tiefergelegt und pulsuriend peristaltisch (ist das jetzt eine Tautologie?) unterwegs.

Nichts konnte ihre Verbreitung mehr stoppen. Xylonen eroberten die Radios, Videosender, den öffentlichen Raum, die Warteschleifen der Telefonhotlines und waren auch aus den einschlägigen Zeitschriften kaum mehr zu verdrängen. Xylonen von morgens bis abends. Merkwürdig sehen sie ja aus, aber am schlimmsten ist der Klang. Dieser Klang! Glockenreiner Stahl, Edelglockenstahl wohlmöglich. Dieser klang – unerträglich. Menschen bewegten sich nur noch mit den Händen die Ohren zuhaltend, Sirenen abwehrend, mit schauerlichen Verrenkungen den Tönen ausweichend, durch die Straßen. Sie aßen nicht mehr, lachten nicht mehr und am schlimmsten – sie vermehrten sich nicht mehr. Aber so wurden sie der Xylonen nicht Herr, sie, die sie einst geschaffen hatten, wurden, um mal einen wirklich alten Meister zu zitieren, die Geister, die sie riefen nicht mehr los! Laut und lauter wurds im Saal und auf den Stufen. Herr und Meister…

Schon drohten die Xylonen die Macht gänzlich zu übernehmen, da wurde noch gerade eben zur rechten Zeit ein Gegenmittel gefunden. Dieses hatte zwar fürchterliche Nebenwirkungen, aber wenn es doch hilft! Was sollte man tun, es musste eingesetzt werden. Und so kam es nach sieben Jahren Xylonenterror im Jahre 77, am 7.7., zu einem grässlichen Showdown. Die Xylonen waren angetreten unter dem Vorwand, den Frauen zum Ehrentage eine Ständchen zu spielen.

Zitat aus dem Drehbuch: Die Sonne geht auf über dem Ostdorfer See und beleuchtet eine schauerliche Szene. Eine Armee von Xylonen hat sich mit Megaphonen und Übertragungstechnik gewappnet zu einem Großangriff aufgestellt. Ein kurzes Kommando dann ziehen sie ihre fürchterlichen Waffen und … klimpern los. Erst eines, dann eine kleine Gruppe, dann viele kleine Gruppen, dann eine ganze Kompanie, dann alle, alle, alle spielen sie einen grääässslichen Walzer in André Rieu-Manier auf ihren vernichtenden, menschenverachtenden Xylophonen. Da bleibt kein Auge trocken, keine Träne ungeweint, kein Fluch ungesagt, keine Sünde unbereut, kein Groll ungehegt. Die Menschen werden durch die klirrenden, klimpernden metallisch klickenden Xylophone emotional derart aufgeladen, dass sie zu platzen drohen. Erste fallen schon ermattet ins Gras. Andere versuchen sich noch zu wehren und stopfen sich die Ohren mit allem greifbarem zu, vergebens.

Da plötzlich naht Rettung: eine Grundschullehrerin. Auch sie hatte eine zynische, menschenverachtende Waffe geschaffen und, man muss es an dieser Stelle zugeben, in Menschenversuchen getestet, immer und immer wieder, bis auch diese Waffe eine vernichtende geworden war. Jetzt sollte sie aber doch für die Menschen nützlich werden und den Planeten für immer von den Xylonen befreien.

Als die Kinder der 7. Grundschule Liselotte Pfeffertingel am Ufer des Ostdorfer Sees ihre Blockflöten aus den Taschen nehmen, befürchten die noch aufrecht stehenden Erwachsenen einen Kamikazeeinsatz der Kleinen. Sie werden eines Besseren belehrt, so sie nicht die Ohren geöffnet haben. Kaum hat die Grundschulblockflötengruppe ihre Instrumente angesetzt und mehr oder weniger gleichzeitig angefangen mehr oder weniger 7 Lieder gleichzeitig zu intonieren, ach was, herauszupusten, zu quietschen, zu fiepen, zu wimmern und zu sirenen, sieht man die erstaunten Xylonen stutzen, irritiert auf den Xylophonen rumhämmern, die Schlägel und Klöppel fallen lassen und sich um Gnade winselnd im Staub winden.

Aber Grundschulkinder mit Blockflöten kennen keine Gnade. Ja, wenn sie sich hören könnten, bewusst wahrnehmen würden, was sie der Umwelt antun, wer weiß, vielleicht würde das eine oder andere Kind unschlüssig. Das jedoch weiß die Flötengruppenführerin, in diesem speziellen und höchst gefährlichen Fall für den Fortbestand der Menschheit, glücklicherweise, zu verhindern. “Wenn alle Brünnlein fließen” fiept sich in jedes, noch so akribisch zugepolktes Ohr und “Danke für diesen neuen Morgen” zerreißt Nerven, wie ein böses Kind oder die angewiderte Hausfrau ein Spinnennetz im Schlafzimmerfenster. Für Xylonen mit ihren feinen, von edelglockenstahl-gefächtern Xylophonen geschulten Gehören ist es das Ende. Sie geben auf und entsagen der Musik gänzlich, werden Staubsauger, Digitale Assistenten, Telefone, Flachbildschirme, Gehäuse von Obstcomputern und andere Küchengeräte. Man erkennt sie nur noch daran, dass sie ab und zu, ganz selten und zu, in Bedienungsanleitungen angegebenen, Gelegenheiten kleine metallische Geräusche von sich geben.

Seit diesen Tagen hören ältere Erwachsene schwer und die Masse der Kinder ist unmusikalisch geblieben. Ja, das sind nur die Nebenwirkungen einer Waffe, welche die Menschheit rettete, einer Waffe, die unbedingt abgerüstet und kontrolliert gehört, geht von ihr doch eine vernichtende Bedrohung aus: die Grundschulblockflötengruppe.


Nummer Sieben

A: Was ist das für ein Brummen?
B: Welches Brummen?
A: Hörst du das nicht?
B: Dieses tiefe Grollen das manchmal in ein leises Knirschen übergeht?
A: Du hörst es also auch.
B: Nein, nicht als Brummen.
A: Aber du hörst ein Geräusch?!
B: Ja, aber das ist doch immer da!
A: Es ist immer da?
B: Mach dich nicht über mich lustig!
A: Tue ich das?
B: Die Maschine grollt nun mal, das hat sie immer getan und sie wird es immer tun. Außer wenn sie knirscht.
A: Die Maschine?
B: Jetzt nimm mich nicht auf den Arm. Natürlich die Maschine, oder kennst du etwas, was die Maschine übertönen könnte?
A: Welche Maschine?
B: Hör auf, du willst mich zum Lachen bringen, oder?
A: Nein, im Ernst: Welche Maschine?
B: Ok, spielen wir halt mit dem Feuer.
A: Wieso?
B: Übertreib es nicht! Wieso wohl! Weil man die Maschine nicht nennen darf!
A: Ich kapier gar nichts.
B: Du nimmst mich auf den Arm.
A: Wie darf man die Maschine nicht nennen?
B: Gut. Bis hier hin. Klasse gemacht. Aber ab hier hört der Spaß auf, du Umstürzler!
A: Wenn du mich neckst, hast du so süße Grübchen.
B: Darum ging es also?
A: Wann hört dieser Lärm endlich auf?!
B: Oh, nein, willst du ewig so weitermachen? Niemals, es ist auch kein Lärm. Es ist das Grollen der Maschine. Es ist gut für uns.
A: Die Maschine grollt für uns?
B: Nicht so laut! Wenn wir Umstürzler spielen, müssen wir sehr leise sein!
A: Was ist daran umstürzlerisch? Die Maschine grollt uns?
B: Das darfst du nicht sagen. Du machst dich verdächtig.
A: Was denn? Was ist denn das für eine verfluchte, laute, ominöse Maschine, über die man nicht sprechen darf?! Verdammt noch mal.
B: Ja, schrei nur! Siehst du, die roten Lampen gehen an. Gleich hört das Grollen auf…
A: Das ist ja wenigstens etwas, dass dieses verdammte Maschinengrollen aufhört!!
B: Es hat aufgehört. Jetzt knirscht es. Das wolltest du also. Jetzt bekommst du es. Ich hätte es gleich merken müssen.
A: Was hättest du merken müssen, dass uns die Maschine grollt?
B: Hahaha, uns grollt! Wie köstlich! Selbst in diesem Zustand bringst du mich noch zum Lachen. Sie kommen.
A: Wer kommt?
B: Ich hätte merken müssen dass dein Download nicht korrekt war. Da sind sie schon.
A: Was wollt ihr von mir? Lasst mich los!
C: Nummer Sieben? Sorry Madame, unvollständiger Download. Wünschen Sie eine Rekonstruktion?
A: Bitte? Reden Sie über mich? Ist das die Maschine?
B: Du weißt es nicht! Amüsant. Die Maschine sind wir. Geh jetzt.
A: Was macht ihr mit mir? Wohin bringt ihr mich?
C: Entschuldigen Sie, Madame, vielmals. Das gleiche Modell? Wir haben auch ein neueres…
B: Nein, bitte wieder eine Sieben. (Leise) Die sind nicht ungefährlich, aber bringen dich zum Lachen. (Sinnierend) …so süße Grübchen…

(D: Das Knirschen verstummt. Rumpelnd setzt sich die Maschine wieder in Gang.)

D: Download Nummer Sieben liegt an, Madame.
B: (zum Publikum) Psssst. Hört ihr das? Hört ihr die Maschine…brummen?


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