Umziehen! Frau Jules las

Herr Sonntag und ich – Fische     

und

Gastfamilien sind etwas ganz besonderes. Lebt man in einer Gastfamilie sind besondere Regeln einzuhalten. Besonders dann, wenn man tollpatschig ist.

Seit mehreren Tagen schon geht Herr Sonntag Tag um Tag zum Bahnhof.

Er wartet. Herr Sonntag ist trauriger als sonst in diesen Tagen.

Ich frage besser nicht nach, weil manchmal unternimmt Herr Sonntag seltsame Dinge.

Wenn Herr Sonntag seltsame Dinge unternimmt, frage ich manchmal besser nicht nach.

Ich lasse ihn dann einfach machen. Aber da Herr Sonntag seit mehreren Tagen

schon Tag um Tag am Bahnhof sitzt, fürchtete ich, dass es bald zur

Gewohnheit werden könnte. Gewohnheiten sind wie Läuse. Die lassen

sich schwer loswerden. Herr Sonntag hatte diesen Satz selber oft gesagt.

Spätestens in drei Tagen sollte ich herausgefunden haben, was machte, dass Herr Sonntag trauriger war als sonst. Diese Zeit sollte ich ihm noch lassen zum Traurigsein, denke ich.

Er isst nichts. Wenn es Abendbrot oder Frühstück oder Mittagessen gibt, setzt er sich vor den leeren Teller. Er stützt die Ellenbogen auf den Tisch, haucht in die Tellertiefe und malt Herzen und Fische.

Er schläft nicht. Wenn alle anderen schlafen, knartscht er von einer

Matrazenfeder auf die nächste und grübelt bis die Laterne vor dem

Fenster ausgeknipst wird. Manchmal kann ich hören, wie er weint.

Er spricht nicht viel mit mir. Nur das Nötigste. Die meiste Zeit ist er am Bahnhof.

Er wartet.

Er wechselt seine Unterwäsche nicht mehr.

Er putzt sich nicht die Zähne oder kämmt sich die Haare.

Er wartet. Tag um Tag.

Noch ein Tag, dann würde ich Herrn Sonntag fragen.

Es ist jetzt zehn vor Zwölf. In zehn Minuten soll es Mittagessen geben. Fischsuppe mit Gemüse. Herr Sonntag liegt unter dem Küchentisch, heute ist er nicht zum Bahnhof gegangen.

„Vielleicht hat es ihm nie wirklich gefallen. Hier bei uns, meine ich“, sagt Herr Sonntag. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Herr Sonntags Goldfisch war vor drei Wochen gestorben. In Wirklichkeit hatte ihn Kater Egon gefressen, aber das konnte ich Herrn Sonntag nicht sagen. Es würde ihm das Herz brechen. Deshalb habe ich ihm erzählt, dass „Seemann“ – so hieß sein Goldfisch – verreist ist und dass er ja vielleicht wieder kommen würde. „Bestimmt gefällt es ihm in Ägypten besser“, murmelt Herr Sonntag. Ich hatte sogar eine Postkarte von Ägypten gekauft, geschrieben, dass Ägypten sehr schön sein und dass ich – „Seemann“ – bald wiederkommen würde.

Ich höre mich sagen: „Unfug. Seemann hat es doch immer gut bei dir gehabt. Ihr habt Filme angesehen, du hast für ihn Salate gemacht. Einmal hast du mit ihm sogar Tischtennis gespielt. Er kommt sicher bald wieder.“

„In Ordnung. Dann esse ich jetzt kein Mittagessen und gehe doch noch mal zum Bahnhof.“ Die Tür fällt ins Schloss. Ich werde Souvenirs kaufen, die aussehen als kämen sie aus Ägypten. Ich werde einen Goldfisch kaufen, der aussieht wie Seemann.


Gastfamilien sind etwas ganz besonderes. Lebt man in einer Gastfamilie sind besondere Regeln einzuhalten. Besonders dann, wenn man tollpatschig ist.

Regel 5

Sie haben eine Küchenschranktür raus gebrochen, die Badewanne mit Scheuermilch ruiniert oder ein Haushaltsgerät funktioniert nicht mehr so wie es soll. Kein Problem schieben sie es einfach auf denjenigen der sowieso das „schwarze Schaf“ in der Familie ist. Oder beschuldigen sie die Tochter des Hauses. Der ist nämlich niemand wirklich böse.

Regel 4

Besitzt ihre Gastfamilie ein Haustier, bauen sie eine emotionale Beziehung zu ihm auf. Wenn es sie liebt, liebt auch die Familie sie. Siehe Fünftens: Im Falle eines Falles können sie den Verdacht auf das Haustier lenken.

Regel 3

Seien sie besonders hilfsbereit, aufmerksam und zurückhaltend, wenn der Hausherr oder die Hausherrin im Raum sind. Essen sie ALLES, was die Hausherrin kocht. Siehe Fünftens: Das macht sie besonders liebenswert. Niemand wird sie im Falle eines Falles verdächtigen.

Regel 2

Verärgern sie niemals den Hausherren. Siehe Fünftens: Bevor er seine Ehefrau oder seine Kinder verdächtig, wird er sie zur Rechenschaft ziehen. Es ihre Aufgabe sich in seiner Gegenwart unsichtbar zu machen.

Regel 1

Gehen sie mit der Tochter oder dem Sohn des Hauses eine erotische Liebesbeziehung ein. Siehe Fünftens: Dann haben sie immer jemanden an ihrer Seite, der sie in Schutz nimmt.


 
 
 

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