Umziehen! Daniel Schinzig las
Seelenwanderung
und
Umzug x 1000
Seelenwanderung
VON TIMALOV
(holt mehrmals vollkommen außer Atem Luft)
VON WIELSHEIM
Ah, guten Tag, werter Nachbar.
VON TIMALOV (immer noch außer Atem)
Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig.
VON WIELSHEIM
Was haben Sie denn gemacht?
VON TIMALOV (immer noch außer Atem)
Ich… Ich war joggen!
VON WIELSHEIM
Aber lieber Herr von Timalov, warum tun Sie sich denn so etwas an? Sie haben das doch gar nicht nötig!
VON TIMALOV
Ich weiß, mein lieber Herr von Wielsheim, ich weiß. Aber als ich gestern so die Zeitung durchgeblättert habe, bin ich auf einen sehr interessanten Artikel gestoßen, der mir geraten hat, ich solle doch mehr Sport treiben. Und Sie wissen ja: Einer Zeitung sollte man nicht widersprechen!
VON WIELSHEIM
Dem kann ich nicht widersprechen, in der Tat. Und? Tut es Ihnen denn gut?
VON TIMALOV
Natürlich nicht! Sehen Sie nicht, wie mir der Schweiß von der Stirn rinnt? Warum kann man nicht eigentlich auch fit und durchtrainiert sein, ohne Sport zu treiben?
VON WIELSHEIM
Aber mein lieber Herr von Timalov, wie stellen Sie sich das denn vor?
VON TIMALOV
Nun, ich hätte da schon so die ein oder andere Idee…
VON WIELSHEIM
Dann spannen Sie mich mal nicht auf die Folter!
VON TIMALOV
Wie wäre es denn, wenn wir einfach unseren Körper wechseln könnten, so wie wir unsere Kleidung wechseln?
VON WIELSHEIM
Ich höre, ich höre.
VON TIMALOV
Ich, und wenn ich „ich“ sage, meine ich meine Seele, oder wie auch immer Sie das nennen wollen, bemerke nun also, dass mein Körper schlaff und untrainiert ist. Also schlüpfe ich einfach aus meinem Leib, fliege so ein wenig durch die Gegend und suche mir einen Körper, der eher meinen Vorstellungen entspricht. Und schwups, schlüpf ich in ihn hinein. Ich ziehe also quasi um, von dem einen zu dem anderen Körper.
VON WIELSHEIM
Ich verstehe, ich verstehe. Doch bedenken Sie eine Sache nicht!
VON TIMALOV
Und die wäre?
VON WIELSHEIM
Was passiert denn dann mit der Seele, die bereits den Körper bewohnt? Ich gehe mal davon aus, dass die meisten Menschen nicht seelenlos durch die Gegend schwanken.
VON TIMALOV
Ein guter Punkt. Nun, ich denke, dass man diese Seele zuerst einmal aus dem Körper verscheuchen muss, bevor man selber in ihn hineinschlüpfen kann.
VON WIELSHEIM
Sie reden also davon, den Körper feindlich zu besetzen. Würde nun aber jeder in der Lage sein, einfach aus seinem Körper zu schlüpfen und sich einen anderen zu suchen, dürften Sie sich doch auch niemals sicher fühlen, oder? Dann könnten Sie ja ebenfalls aus dem Körper verscheucht werden. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass ich mir vorstellen kann, dass dann richtige Kämpfe um gewisse Körper entstehen.
VON TIMALOV
Sie meinen quasi einen Krieg der Seelen?
VON WIELSHEIM
Exakt.
VON TIMALOV
Und jeder würde ständig und unentwegt seine äußere Hülle wechseln, sei es, weil er seine eigentliche zu unattraktiv findet oder aus einer anderen verscheucht wird.
VON WIELSHEIM
Was unter anderem dazu führen kann, dass Menschen im Sekundentakt ihre äußere Erscheinung ändern müssen.
VON TIMALOV
Und dann kann keiner mehr sicher sein, wer nun eigentlich sein Gegenüber genau ist. Man erkennt sich ja gar nicht mehr gegenseitig. Heute könnte in dem Körper, der gestern noch Karl Heinz war, irgend so ein Verbrecher stecken. Eine riesige Paranoiawelle könnte über die Menschheit rollen, keiner glaubt keinem mehr, die Welt würde zu Grunde gehen.
VON WIELSHEIM
Und das alles, weil Sie zu faul waren, Sport zu treiben.
VON TIMALOV
Mein lieber Herr von Wielsheim, ich denke, Sie haben recht. Da lauf ich doch lieber noch einmal um den Block.
VON WIELSHEIM
Machen Sie das, mein lieber Herr von Timalov, machen Sie das. Und grüßen Sie Ihre werte Frau von mir.
VON TIMALOV
Mach ich, mach ich. Wollen Sie uns morgen vielleicht bei unserem BBQ Gesellschaft leisten?
VON WIELSHEIM
Nichts lieber als das.
VON TMALOV
Dann seien Sie um 15 Uhr da.
VON WIELSHEIM
Aber sehr gerne, werter Herr von Timalov, sehr gerne. Einen schönen Tag wünsche ich, und noch einen guten Lauf weiterhin.
VON TIMALOV
Vielen dank, werte Herr von Wielsheim. Ich mache mich dann auch mal wieder auf den Weg. Auf wiedersehen!
Umzug x 1000
Diese Frau!
Ne, ich mag sie ja. Ich mag sie wirklich. Ich liebe es, neben ihr aufzuwachen. Mein Leben mit ihr zu verbringen. Und so…
Aber diese Frau!!! Die bringt mich noch ins Grab. Oder zumindest um den Verstand.
Bevor ich sie kennen lernte war ich ein mehr oder weniger sympathischer Langzeitstudent um die 30, hatte einen tollen Freundeskreis, viele Hobbys und einen festen Wohnsitz. Ja, vor allem einen festen Wohnsitz!
Ich kann mich noch ganz genau an diese urige kleine Wohnung im dritten Stock erinnern. Groß war sie nicht, und nicht wenige halten mich wohl für verrückt, dass ich solch winzigen Räumlichkeiten hinterher trauere. Die meisten in meinem Alter wären wohl froh, endlich aus so einer Bruchbude raus zu sein. Ich wünsch mir nichts sehnlicher, als endlich wieder dort zu wohnen! Ich meine, seit meiner Geburt wohnte ich nirgendwo anders. Gut, klar, irgendwann mit Mitte 20 wurden die Eltern lästig, und es war schon recht unverschämt von den beiden, einfach da wohnen zu bleiben. Ich war immerhin schon in einem Alter, wo man auf eigenen Füßen stehen konnte und die Eltern nicht ständig um sich brauchte. Aber nö, die wollten einfach nicht ausziehen. Es dauerte noch Jahre bis sie endlich einsahen, dass sie sich wohl besser eine andere Bleibe suchen sollten. Und das nichtmals meinetwegen, sondern weil der alte Herr die Treppe runtergefallen ist. Wie egoistisch… Und trotzdem: Die Zeit war toll, und ich wäre jetzt so gerne wieder in meinen vier Wänden, die mich gut 30 Jahre lang begleitet haben.
Aber ich musste ja unbedingt dieses Weibsbild kennen lernen. Ich meine, ich mag sie ja. Aber warum muss sie nur diese Macke haben? Und warum ist mir das, verdammt noch mal, nicht vor der Hochzeit aufgefallen???
Von welcher Art Macke ich spreche? Nun, ich weiß nicht, ob es für so etwas einen Namen gibt. Vielleicht Umzugssucht?
Ne, das passt nicht ganz. Eher so was wie Bindungsangst, nur nicht auf den Partner, sondern auf den Wohnsitz bezogen. Ja, doch, das passt ganz gut: Sie hat eine Wohnsitzbindungsangst.
Ich glaube, wir waren so etwa drei Wochen verheiratet, da fing es an. Ihr gefielen meine Tapeten nicht mehr. Und der Teppich. Und überhaupt wäre ja die ganze geometrische Anordnung der Wohnung so gar nicht nach ihrem Geschmack. Also, ihr waren die Wände nicht vertikal genug. Und so dauerte es nicht lange und sie sagte zu mir:
„Schatz, wir müssen umziehen!“
Klar, ich würde lügen, würde ich hier jetzt sagen, dass es mir nicht schon damals schwer fiel, meine Wohnung zu verlassen. Aber nun war ich frisch verliebt und da klingt doch noch irgendwie jeder Vorschlag des Partners nach einem marzipansüßen Pfad des Glückes. Stattdessen war dieser Moment jedoch mein erster Schritt auf dem zitronensauren Expressweg Richtung Hölle. Und sie ist Satan. Aber hey, ich mag sie ja.
Kurze Zeit später wohnten wir also auf einem Bauernhof. Ja, richtig, auf einem Bauernhof. So mit Kühen und Schweinen und Bauern und so. War wohl schon immer ihr großer Traum. Dem wollte ich natürlich auch nicht im Wege stehen und daher versuchte ich mich so schnell wie möglich einzuleben, was mir auch ganz gut gelang. Mir, wohlgemerkt. Ihr nicht. Keine Woche dauerte es, da musste ich mir Beschwerden über durchs Badzimmerfenster schauende Spannerkühe und sich nächtlichen Blähungen hingebenden Schweinen anhören. Vom Bauern nebenan gar nicht erst zu sprechen. Das kann ja nur ein polizeilich gesuchter Vergewaltiger sein. So wie der ihr immer einen guten Morgen wünscht. Und so hörte ich schon bald von ihr erneut den Satz:
„Schatz, wir müssen umziehen!“
Ganz ehrlich: Eigentlich sind glotzende Kühe und furzende Schweine kein Grund für mich, umzuziehen. Doch das sah meine psychisch labile Frau anders. Aber hey, ich mag sie ja. Und so spielte ich das Spiel weiterhin brav mit.
Als nächstes verschlug es uns in eine nobel eingerichtete Wohnung direkt über einer italienischen Pizzeria. Es war super dort! Der Besitzer der Pizzeria, der Don, begrüßte uns mit offenen Armen und war auch ansonsten ein wirklich netter Kerl, wenn man mal von seinen Tätigkeiten als Mafiaoberhaupt absieht. Auch meiner Frau schien es in der neuen Wohnung wirklich gut zu gefallen und für einen kurzen Moment dachte ich wirklich, das ständige Umziehen hätte nun endlich ein Ende gefunden. Bis sie den Don bei einer seiner heimlichen Ballettübungsstunden erwischte, worüber dieser ganz und gar nicht erfreut war, fürchtete er doch den Verlust seines überaus bösen Rufes. Und so stellte er mich vor die Wahl: Wenn meine Frau und ich nicht mit Betonschuhen auf dem Meeresboden enden wollten, sollten wir für ihn eine Reihe von eher als illegal einzustufenden Aufträgen erledigen. Ich fand durchaus, dass das ein Angebot war, dass ich nicht ablehnen konnte. Ich. Sie schon. Denn sie sagte zu mir:
„Schatz, wir müssen umziehen!“
Ironischerweise führte uns die Flucht vor der Mafia wirklich auf den Meeresboden. Denn dort befand sich die neue Wunschwohnung meiner Frau. In irgend so einem halbseriösen Wissenschaftsmagazin stolperte sie wohl über eine Anzeige, in der nach Freiwilligen gesucht wurde, die in den ersten Prototyp der sogenannten Unterwasserwohnung einziehen wollen. Mit anderen Worten: Wir waren Versuchskaninchen. War ja klar, dass ihr so etwas gefällt. Manchmal glaube ich, sie macht das alles nur, um mich zu ärgern. Aber hey, ich mag sie ja. Außerdem würde uns die Mafia auf dem Grund des Meeres mit Sicherheit niemals finden.
Tat sie auch nie. Dafür aber ein Schwertfisch. So fortschrittlich diese Unterwasserwohnung auch war: Irgend so ein idiotischer Architekt kam auf die grandiose Idee, diese Wohnung komplett aus Glas zu gestalten. Und dieses Glas war scheinbar nicht Schwertfischsicher. Nach drei netten und vor allem trockenen Tagen hörte ich nur einen lauten Knall und im nächsten Moment sah ich eine riesige Flutwelle durch die Küche auf meinen Wohnzimmersessel zukommen, auf ihr reitend ein etwas irritiert guckender Schwertfisch, der mich blöd angrinste. Ehe ich mich versah, war ich umgeben von fröhlich vor sich hin schwimmenden Fischschwärmen, zwei dusselig im Kreis laufenden Kraken und einem faulen Rochen, den das alles nicht sonderlich zu interessieren schien. Also alles in allem nicht die schlechteste Gesellschaft, in der ich mich in meinem Leben befand. Nur den Kugelfisch, der sich direkt vor meinem Gesicht schwimmend dauernd auf- und wieder abplusterte und mich dabei grenzdebil anglotzte, den mochte ich nicht. Blöder Kugelfisch! Kurz bevor mir die Luft ausging hörte ich eine gluckernde Stimme sagen:
„Schatz, wir müssen umziehen!“
Fragt mich nicht, wie wir es wieder an die Meeresoberfläche geschafft haben. Ist letztlich auch vollkommen egal. Jetzt gerade sitze ich nämlich in unserem neugebauten Baumhaus in dem wohl höchsten Baum des Regenwaldes. Um mich herum sehe ich nichts anderes als Holz, Äste und Blätter. Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Drogen konsumierende Schlange aus dem „Dschungelbuch“ hier auftaucht und mich zu hypnotisieren versucht. Wobei: Selbst die wär mir noch lieber als meine sogenannte Frau. Aber hey, ich mag sie ja. Nur eines, und das schwöre ich, werde ich nie wieder machen: Umziehen! Nie wieder! Wenn sie das nächste Mal zu mir kommt und sagt, wir müssen umziehen, dann sage ich ihr mal so richtig meine Meinung. Dann gibt es hier einen so großen Knall, von dem wird sie sich nie wieder erholen. Das sag ich euch.
Als hätte ich es geahnt, höre ich aus dem Nebenzimmer ihre Stimme dröhnen:
„Schatz, wir müssen umziehen!“
Und ich antworte: „Ok, ich hol schon mal die Koffer…“
Was soll ich sagen? Ich mag sie ja…

