Schöne neue Welt: Andersen Storm las
Dasitzen
Ich sitze. Ich sitze einfach. Ich sitze einfach da und nichts weiter. Nicht nur, dass ich einfach nichts weiter tue, als eben da zu sitzen – nein, ich HABE einfach nichts weiter zu tun. Ich sitze nur. Ich tue nichts, ich denke nichts. Ich atme also bin ich. Und denken, dass man nichts denkt, geht ja gar nicht – ich weiß. Aber wie ich so da sitze und mich frage, was ich gerade tue, außer eben so einfach da zu sitzen, ohne irgendetwas zu tun zu haben, merke ich, dass ich eine ganze Weile so gesessen haben muss ohne zu denken. Jetzt bewege ich den Kopf, verwundert wie es dazu kommen konnte: Ein Mann, ein Stuhl und nichts weiter. Nichts.
Nun sitze ich nicht wirklich im Nirwana, nicht im luftleeren Raum, nicht im All und auch dort ist immer Etwas, wenn auch wenig. Ich sehe mich um: Wände, Fenster, Möbel, Technik, Heizung, Einbauküche, Dekoration, die Gardinen, der Plasma-Flatscreen, das Wlan-Radio, die jadene Kaffeekanne aus Tibet – nicht wenig, das alles. Nichts.
Wieder habe ich den Kopf bewegt. Ich atme tief, aber bin ich deshalb schon? Ich denke, bin ich deshalb? Ich tue nicht! Ich habe nichts zu tun! Es ist nichts zu tun für mich da. Es ist alles für mich getan! Es ist alles getan! Es ist fertig. Alles. Nichts.
Was haben die Menschen früher alles tun müssen! Was haben sie sich mühen müssen, was mussten sie alles erledigen, bewältigen, schaffen, schuften, sich krumm machen. Was mag in diesem Haus, in dieser Wohnung im vorigen Jahrhundert, Jahrtausend, zu tun gewesen sein? Man kam müde von der körperlich anstrengenden Arbeit und musste die Kohlen aus dem Keller holen, die Asche herausnehmen und wegtragen. Wasser kochen, wenn man warmes Wasser brauchte. Geschirr spülen. Essen kochen. Sich frisches Eis vom Kaufmann holen, für den Kühlschrank! Die Wohnung fegen, saugen, putzen. Die Kinder füttern, kleiden, erziehen, backpfeifen und zur Schule bringen. Reisen. Fremde erfahren. Kultur sehen. Man bewegte sich beim Spaziergang, bei Behördengängen, beim Besuchen von Freunden um zu reden, beim toben mit den Kindern, dem Hund, beim spielen und im Bett… da sag ich jetzt nichts von. Nichts.
Und dann?
Evolution. Revolution. Technische Wende!
Heizen? Fernheizung.
Aufräumen? Kinder aus dem Haus!
Frau weg – DSL! Zugehfrau!
Hund weg – japanischer Robohund mit Fernbedienung.
Essen? Tiefkühlschrank, Mikrowelle.
Einkaufen? Schlecker, Otto, Neckermann.
Abwaschen? Spülmaschine, Müllschlucker!
Reisen, Kultur, Spazieren – Google Earth, TV, DVD.
Reden, Freunde treffen? Handy, Flatrate, MySpace.
Spielen? Computer!
Bücher besorgen? Ebooks online!
Kino? Filesharing!
Behörden? E-Government.
Email, iBook, iPhone, iPod, iShaver.
Zum Friseur? Eimer! Trimmer.
Aufregen? Weblog, Podcast.
Aufgeben? Hermes-Versand.
Auflehnen? Wogegen? Dagegen, das alles einfacher wird? Simplifizierter? Immer einfacher und komfortabler und noch eleganter gelöst?
Das war eine Aufgabe! Und was für eine! Alles musste einfacher werden! Mit Hochdruck und Elan und Innovation und Engagement und Lebensfreude und Geld, viel Geld, alles einfacher machen. Alles von einem Punkt aus bedienbar, lösbar, erreichbar. Erreicht, gelöst, bedient.
Am Ende: Nichts mehr zu tun. Ein Mann, ein Stuhl. Nichts.
Ich atme.
Da, da war doch etwas. Ich meine etwas gehört zu haben. etwas wie Atem… Mein Atem? Hatte ich den Kopf bewegt? Ich atme tief. Nichts.

