Schöne neue Welt – Herr thom* las

Horst Schwerinski – Ungelöste Probleme

Menschliches Versagen

Thorge Wagner war drei bis dreizehn Milimeter hoch – auf einer Fläche von 75 Quadratmetern. Thorge Wagner hatte Anlauf genommen und war gesprungen und dann war er der Enterprise nur knapp durch den Transporterstrahl gerutscht und so statt in den Weltenraum, auf den Asphalt des Marienplatzes geraten.

Thorge Wagner verdiente sein Geld als Fensterputzer. Fragte man Thorge Wagner nach seinem Beruf, so antwortete er “Schriftsteller”. In Wahrheit aber war Thorge Wagner der Gott eines Forums mit der Adresse datas-spot.de. Dort trafen sich die Trekkies, die Enterprise-Fans, die Hobby-Picards, Freizeit-Rikers und Amateur-Worfs dieser Welt. Datas Spot war zweideutig – einerseits könnte der Name den bevorzugten Aufenthaltsort des Androiden Data bezeichnen, andererseits besaß eben jener eine Zeit lang eine Katze mit Namen Spot. In der Serie Star Trek – the next generation. Mitte der 90er… Die älteren erinnern sich.

Thorge Wagner war zu diesem Zeitpunkt noch kein Schriftsteller, weil er schrieb, sondern weil er es beschlossen hatte. So wie er in seiner Studienzeit beschlossen hatte, dass eine zehn-uhr-Vorlesung gegen die Menschenrechte verstößt und ein Seminar um 14 Uhr schon deshalb nicht geht, weil um 15 Uhr Star Trek kommt. So hatte Thorge Wagner schon als Student nicht nur für sein späteres Arbeitsleben vorgeschlafen, sondern darüber hinaus ein profundes Wissen über das Star-Trek-Universum angehäuft.

Eines Tages fand Wagner in seinem Forum eine Diskussion, deren Betreff “Wagner” lautete. Nur ein einziger Beitrag war eingestellt. Der Verfasser nannte sich Lore. Lore, das war Datas böser Bruder. Star Trek, the next generation, Mitte der 90er, die älteren erinnern sich. Der Text lautete:

Wagners Hoppel ist kaputt. Jetzt ist alles grau und er sucht wie ein Blöder nach den Kabeln für das Standhoppel. Hoppel ist der Kosename für ein Holopad einer bestimmten Marke, ein tragbares Raumanpassungsprogramm.

Data schrieb Lore eine Nachricht, die Antwort blieb aus. Stattdessen erschien am nächsten Tag ein weiterer Text, offenbar die Fortsetzung:

Ein Hoppel im Detail zu erklären ist gänzlich unmöglich, so weit sind Sie einfach noch nicht, verehrter Data, aber Sie müssen sich ein Holopad in etwa wie die Holodecks der Enterprise vorstellen. Das Holopad macht, dass sich ein beliebiger Raum in einen beliebigen Raum verwandelt. Ein Beispiel. Ich besuche Sie und mir passt Ihre Toilette nicht. Dann drücke ich kurz aufs Holopad und schon puller ich an eine karibische Palme.

Wagner überlegte, ob er das Ganz löschen sollte. Selbstverständlich kannte er das Holodeck. Sogar bis in jedes physikalische Detail. Nur dass es sowas auch portabel gab, war ihm fremd. Gegen das Löschen sprach, dass es ein harmloses Spiel schien, auch wenn es ein Spiel war, dessen Sinn er noch nicht erfasste. Am nächsten Tag ein weiterer Text:

Wagners Holopad aber ist kaputt und deshalb hat er das Standhoppel reaktiviert. Standhoppel waren in den 2080ern ganz hipp, aber nachdem die mobilen Hoppels auf den Markt kamen, wurden sie fast nur noch in großen Sälen genutzt. Wagners Hoppel aber ist kaputt und solange er das Kabel sucht, ist seine Wohnung eine neun Quadratmeterzelle mit zwei Türen, eine in die Welt hinaus und eine in seinen Abzweig der Tube, des Röhrengeflechts, dass so ziemlich jeder zur Fortbewegung über lange Strecken nutzte.

Wagner entschied, dass hier ein Scherzbold am Werke war. Er schloss die Diskussion und ging Fenster putzen.

Einige Jahre später war Wagner ein viel gelesener Schriftsteller. Er hatte den Text aus dem Forum kopiert, weiter gesponnen und so eine humorvolle Fantasy-Geschichte gebastelt, die durchaus als Star-Trek-Persiflage verstanden werden könnte. Ein Verlag wurde aufmerksam, er trat auf einer Convention auf und nicht zuletzt wegen seiner Popularität als Macher von datas spot kauften die Leute, was das Zeug hielt…

Thorge Wagner kam mit seiner wachsenden Popularität auch schnell in den Ruf eines Sonderlings, er wurde durch Talkshows gereicht, wenn es einmal etwas bunter sein sollte und seine Lesungen waren Happenings der Star-Trek-Kultur. Ganz und gar imageprägend wurde ein Interview mit dem Spiegel, in dem er von einem Treffen mit der Besatzung der Enterprise erzählte, das kurz bevorstand und zwar auf der Enterprise über unserer Stadt.

Wieder waren im Forum seltsame Texte aufgetaucht und Thorge Wagner sah Zeichen. Das jedenfalls erzählte er im Interview und zitierte die letzte Botschaft von Lore, dem bösen Bruder von Data, Star Trek The Next Generation, Mitte der 90er, die älteren erinnern sich.

Wagner hatte das Leben als Sklave der Hoppel satt. Die künstliche Räume stanken erbärmlich und wenn die Luft schon dick war von Strahlung pixelte die Landschaft. Wagner wollte Weite, Wagner wollte die Sterne. Also nahm er die Röhre auf das Dach des Anhalter Bahnhofs, zückte sein Handtuch, rannte, sprang ab und kurz bevor er den Boden erreichte, erfasste Chief O´Brien von der Enterprise seine Signatur und beamte ihn sicher ins Innere des Schiffs. Das geschah am 31. Mai um 16 Uhr

Datum und Uhrzeit, das beteuerte Thorge Wagner, seien natürlich gefälscht. Er wolle ja kein Publikum bei seiner Abreise und der Spiegel-Redakteur hatte milde genickt.

Nach dem Interview musste Thorge Wagner das Forum schließen. Es war überrannt worden von Journalisten und Trekkies, von Sinnsuchern und Sensationstouristen. Manche behaupteten, den Text gelesen zu haben und kündigten an, dabei zu sein bei Wagners Reise zur Enterprise. Wagner blieb ruhig, denn er wusste, dass sie sich nur wichtig machen wollten.

Als der Termin gekommen war, nahm Thorge Wagner sein Handtuch und kletterte auf das Dach des Einkaufszentrums. Als er aus dem Augenwinkel sah, dass der Himmel sich ein wenig verdunkelte, schwenkte er das Handtuch, lief los und sprang ab.

Als der Termin gekommen war, hatte auf der Enterprise Chief O´Brien die Hand schon an der Konsole um Wagner an Bord zu beamen. Er schob zwei Finger über das glänzende Glas.

Kurz danach war Thorge Wagner drei bis dreizehn Milimeter hoch – auf einer Fläche von 75 Quadratmetern. Thorge Wagner hatte Anlauf genommen und war gesprungen und dann war er der Enterprise nur knapp durch den Transporterstrahl gerutscht und so statt in den Weltenraum, auf den Asphalt des Marienplatzes geraten

In Chief O´Briens halboffener Transporterkammer erschien dank eines winzigen Kalibrierungsfehlers die 80-jährige Hildtrud Schulze. Sie war gerade aus dem Buchladen im Einkaufszentrum gekommen, wo sie einen Ratgeber für gesunde Beine erworben hatte. Später heiratete sie den blinden Jordie LaForge und dank der Künste von Bordärztin Beverly Crusher lebte sie noch an die 70 Jahr glücklich an seiner Seite.

Horst Schwerinski – Ungelöste Probleme

Hallo, mein Name ist Horst Schwerinski und ich finde die Probleme dieser Welt ungelöst.

Mit son Kind ne, da machste Dir ja auf einmal viel mehr Jedanken umme Zukunft. Machste Dir Sorgen auch… Wat will ick ma hinterlassen… Ick meine, von mein iPod wird det Kleene nüscht mehr haben, wa… Ubrijens… Ich setze det Kind jetzt schon janz vülle vor den hundsteuren Fernseher. Wenn die groß ist, ist der ja nüscht mehr wert, da musse eben jetzt schon von meine finanzielle Großzügigkeit profitieren.

Als wir kleen waren, kleen, also richtig kleen noch, da war det Jahr 2000 die Zukunft. Und in dieser Zukunft jabs Luftautos und Wassermotoren und den Kommunismus. Kommunismus, kenn viele nich mehr, is nich so populär derzeit, Kommunismus, das is son bisschen wie Raumschiff Enterprise… Geld gibts nich und alle arbeiten nur, um sich zu verbessern. Essen wird einfach aus Energie jemacht und Energie jibs reichlich. Aba ick wollte ja nich übers Fernsehen reden…

2000 jedenfalls, das war Zukunft, da war alles im Lot. Ick hab det ja lange jejlaubt und jehofft, auch wenn ick Mitte der 90er schon büschen nervös war… Mittn Kind jedenfalls, hab ick meena Liebsten bis zuletzt jesagt, mit nem Kind warten wir bis 2000 is… Ick wollte doch den Kleenen ne schöne neue Welt bieten… War nix…

Kiekn wir doch ma… Von wejen Bilanz und so… Von A nach B jehts immer noch in Blechkisten und die stinken immer noch und fliegen nich, die bringen dich auch nicht nach Hause, wenn Du blau bist, alles wie in den 80ern. Peinlich… Der Hintern ist auch immer noch dreckig nachm… nachm… na… wie heißt das vornehm, Stuhlgang. Und Windeln stinken und die Wäsche muss man selber machen… Und nüscht is mit ohne Geld. Im Jejenteil… alles teurer, alles. Und glauben Se nich, die Frau gibt mir mehr Hauhaltsgeld…

Det einzig gute is, dasses nu vielmehr Fernsehen für Kinder gibt, wie früher. Früher war da nüscht mit Trickfilme inne Nacht… Da musste meine Mutter schonmal selber vorlesen oder sich was ausdenken… Wenn heute det Kleene nachts schreit, wirds wachjemacht un denn krichts Vox anjestellt, die bringen immer so japanische Trickfilme… Tangas, oder so… Klingt komisch, aber Trickfilm is Trickfilm… Da fliegen die auch mit ihren Autos rum und haben Roboter und so… Da is Zukunft… hier nich…

Ick bin ja jespannt, ob det Kind det noch erlebt, det mitte Enterprise, mit ohne Jeld und nur arbeiten, um besser zu werden. Vielleicht gucken wir nächste Woche mal die Kinofilme am Stück… So als Weiterbildung… Denn weiß det Kind schon, was kommt, wa?

Wo sie mir jrade zuhören… Wat is eigentlich Epilepsie?


 
 
 

Kommentar abgeben:


  • Statistik

    • Beiträge 530
    • Kommentare 688
    • Wörter in Beiträgen 216,216
    • Wörter in Kommentare 18,214