Schöne neue Welt: Frau Jules las
Herr Sonntag und ich – Neuland
Ich war so klein. Ich war gerade zur Welt gekommen und noch so klein. Einer Walnuss gleich, vermochte ich ohne Arme und Beine nicht dem Mutterleib zu entkriechen. Grau, hart und schrumpelig wie ich war, sollte ich herausgepresst werden und zunächst auf die kalten weißen Kreissaalfliesen fallen. Einer Walnuss gleich, war ich weniger als Mutter und Ärzte sich von meiner Geburt versprachen, sodass ich ungebremst auf den Boden fiel und die graue Schale zu einem Teil herausbrach. Zur Hälfte ohne Schale fror ich, in den ersten Minuten meines Lebens, die mir – Gott weiß, wer – gschenkt hat. Heute fühle ich mich oft an diese stundenlangen Minuten erinnert, an die kalten, weißen Fliesen, meine weinende Mutter und die Arztschwester, die „Nicht drauf treten!“ schrie. Ich war so klein. Klein, grau, hart und schrumpelig und mein halbes Wesen nackt. Auch nach einigen Tagen nach meiner Geburt – Gott weiß, warum die Mutter immernoch weinte – wandelten sich meine unliebsamen Eigenschaften nicht. Die Schale war durch meinen Sturz auf die Kreissaalfliesen porös geworden, dass Mutter und Geschwister mich mehr wie eine Walnuss, gleich einem rohen Ei , behandelten.
Deshalb wurde ich nicht weniger klein, grau, hart und schrumpelig. Diese Eigenschaften setzen sich durch ständiges behütet und verschont werden, mehr und mehr in meinem Kopf fest, versteckten sich in der letzten Windung, da sie nie wieder herausgebrochen wollten. Von keinem Arzt, keiner Mutter, keinen Geschwistern und auch nicht durch mich. Mein Wesen war eingeklemmt zwischen bemühter Aufzucht und des sich dem nicht entziehen könnens. So war ich seit meiner Geburt allein, mehr und mehr klein, grau, hart und schrumpelig. Gepaart mit Bequemlichkeit, Stolz und Klugschiss waren auch Ärzte, Mutter und Geschwister weniger und weniger um mich bemüht, ich mehr und mehr allein und mittlerweile einige Jahre auf der Welt.
Vor einem Jahr ungefähr war es, als ich in der Nacht wach wurde, es war Sommer, und das Haus in den Garten gehend verlies. Ärzte, Mutter und Geschwiste r schliefen. Egon schnurrte in dieser Nacht auch durch den Garten. Unser Kater – ein eigensinniges Wesen – war immer wieder verschwunden und tauchte dann doch ab und an auf. Entweder hat er tagelang nicht gefressen oder er wollte sagen, dass es ihm gut gehe, er aber jetzt wieder gehen müsse. Ich weiß es nicht. Er mochte uns schon, aber ich denke, er wollte sich nicht binden. Ich piekste mit einem Stock in der Teichfolie umher und besah den wackelnden Himmel im Wasser. Vor einem Jahr ungefähr war es, als ich in der Nacht wach wurde, es war Sommer, und das Haus in den Garten gehend verlies um in der Teichfolie zu stochern, Egon zu treffen. Was in dieser Nacht passierte, würde ich heute – neben meinem Sturz auf die Kreissaalfliesen – als das merkwürdigste Ereignis in meinem Leben bezeichnen. Älter geworden war ich zwar, aber die Welt verstand ich lange nicht als eine Wurstbüchse in den Gartenteich fiel in dieser Nacht. Die Büchse schien vom Himmel gefallen zu sein, die ich mit dem Stock aus dem Teich zu friemeln versuchte. Egon beäugte das Geschehen gelangweilt während ich das verwischte Etikett der zu lesen versuchte: Vorsichtig öffnen. An der Unterseite gab es eine metallene Lasche, mit deren Hilfe die Büchse geöffnet werden wollte. Egon war verschwunden. In der Büchse waren ein Stück Zitronenseife, ein Nussknacker, Knöpfe, ein Schraubenschlüssel und jemand sagte: „Guten Abend, ich bin Herr Sonntag. Angenehm.“

