Advent-Advent (2008): Herr ivalo las
Mein schönstes Erlebnis in der Weihnachtszeit, heute: das Weihnachtskonzert
Weihnachtszeit, Zeit für Besinnliches. Und zwar nicht nur besinnliche Getränke, Ich fühle mich bereit für die kulturelle, die große Besinnlichkeit. Ich könnte mal ein Weihnachtskonzert besuchen.
Was läuft denn so? Christmas with the Happy Gospelchor in the Schelfchurch?
Joooo, vielleicht ganz nett, aber irgendwie doch zu hip. Obwohl mit dem absehbaren Ende der Bush-Ära Kultur und Amerika in einem Satz nicht mehr peinlich klingt. Aber Gospel. Weihnachten mit Pepp, ist doch wie Zimtplätzchen mit Coca-Cola, eher nicht.
In der Kongresshalle läuft der Weihnachtsmarkt der Volksmusik mit Sebastian Silberlöffel. Auch nicht. Ich brauche noch was, um mich in den nächsten Jahrzehnten steigern zu können.
Also ganz klassisch, Messias von Händel im Staatstheater.
Händel habe ich schon mal gehört, also den Namen. Wahrscheinlich habe ich sogar schon mal Musik von Händel gehört, aber auch nur wahrscheinlich. Wann es war, was es war: keine Ahnung, ich nehme den Telefonjoker.
Das wird jetzt ein Abwasch, Kultur, Besinnung und Bildungslücken füllen.
Was wird mich erwarten, wenn der Messias ruft?
Eine Stunde lang Chor mit “Preiset den Herrn”, viel Trompete, feierlich eben, dann kommen die himmlische Streicher und zum Schluss die Pauken. Alle fühlen sich besinnlich und erhaben. So wird es sein.
Ich hab mich entschieden, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich nehme mein Schicksal und die Begegnung mit dem mystischen Element an.
Es überkommen mich Zweifel.
Vielleicht doch ein Fehler, denn ich habe mich auch schon Mal zwei schreckliche Stunden ganz doll in einem klassischen Konzert gelangweilt. Das war mit so harmonischen Ausreißern, gewöhnungsbedürftig und auf keinen Fall besinnlich, obwohl vermutlich wohlplatziert. Dem war ich damals intellektuell noch nicht gewachsen. Um den feinen Humor der Harmoniebrüche moderner Kompositionen geniessen zu können, muss man erst mal die Harmonien erkennen, die dort gebrochen werden.
Händel ist alt, älter als modern, das habe ich mir von fachlicher Seite bestätigen lassen.
Ich kann es wagen und überlege jetzt einfach nicht zu viel herum, sondern gehe hin und schaue, was passiert und wenn möglich: Verstand ausschalten, einfach geniessen, wirken lassen.
Es überkommen mich abermals Zweifel.
Als nicht praktizierender doch registrierter Christ bin ich im strengen Sinne der Lehre wohl ein Ungläubiger. Hat der Messias mir da etwas zu sagen? Natürlich glaube ich an etwas, aber das steht so in keinem Buch und das hat noch nie ein Messias gepredigt. War nicht die Aufgabe des Messias, zu den Ungläubigen zu sprechen? Also passt es doch irgendwie. In so einem großen Werk, da versteht man ja eh nicht alles, was die singen und überhaupt.
Ich kann es also wagen und überlege jetzt einfach nicht zu viel herum, sondern gehe hin und schaue, was passiert und wenn möglich: Verstand ausschalten, einfach geniessen, wirken lassen.
Es ist soweit:
Schicke Sachen an, ist ja Staatstheater. Guter Platz alle sitzen da. Mit noch schickeren Sachen an. Oh-oh! Dann kommt das Orchester rein, mit noch schickeren Sachen an, weiße Fliege, Lackschuhe. Instrumente werden gestimmt. Dann kommen die Solisten rein. Ich fühle mich auf einmal völlig underdressed. Ich fasse an meinen Hemdkragen, wenigstens der soll sitzen. Schaue nach Links, nach rechts, meine Nachbarn schauen nur nach vorn.
Der Dirigent kommt rein, alle klatschen, obwohl er ja noch nichts getan hat. Ich klatsche mit, wird hoffentlich richtig sein. Eine Wissenschaft für sich, im klassischen Konzert an der richtigen Stelle zu klatschen. Erst mal abwarten und sobald mehr als drei Klatschen, mitklatschen. Das scheint mir die richtige Strategie zu sein.
Kurze Stille, alle Räuspern sich noch einmal, dann geht es los.
Die Solisten singen dauernd von preise den Herrn, der Chor singt dauernd Halleluhja. Is schon beeindruckend, doch, doch, mir läuft es den Rücken rauf und runter. Ich freue mich, dass ich doch schon einige Passagen kannte, wer kennt schließlich nicht diese Stelle mit dem Halleluja, doch, doch, die ganz Bekannte. Ich freue mich, jetzt weiß ich’s: die ist aus Händels Messias. So ungebildet war ich vorher gar nicht. Und auch das mit den Hirten und Engeln und dem Fürchtet Euch nicht kam vor. Kam mir auch irgendwie bekannt vor.
Ich erfreue mich am Cellisten, der sich immer freut, wenn ihm eine Passage gelungen ist, der dann zu seinem Cellisten-Nachbarn schaut, der aber dann extra konzentriert auf seine Noten schaut und sich nicht freuen will, dass seinem Cellisten-Nachbarn eine Passage besonders gut gelungen ist.
Dann wieder Trompeten. Dann Pauken. Alle sind begeistert. Der Bariton brummt, der Tenor jubiliert, die Sopranistin läutet die Glocken. Alle sind verzückt.
Mich überkommt der Verdacht, dass hier jedes Jahr der Messias erscheint.
Ich frage mich allerdings, warum der Messias Emanuel heißt. Das haben die gesungen. Wahrscheinlich Altes Testament, als das Volk Israel noch immer auf seinen Messias warten musste. Aber die wussten damals ja nicht, dass der mal Emmanuel heißen würde. Vermutlich wartet deshalb das Volk Israel heute noch auf ihren Emmanuel, während die Ungeduldigeren gesagt haben, was schert uns der Name, der Messias ist da und damit ein neues Testament aufschlugen. Uiuiuiui, hier überkommt mich mein geballtes Halbwissen. Ich werde das zuhause alles mal googeln.
Aber ich wollte doch gar nicht so viel nachdenken. Ich ermahne mich, der Besinnlichkeit wegen den Verstand auszuschalten, einfach geniessen, wirken lassen.

