Herbststürme – Herr ivalo las
Kalle – Herbstmeister
und
Lieber Herbst
und
Bauer Johannsen – Alles im Wind
Kalle – Herbstmeister
Au, Mann, wird Zeit dat Schalke ma wieder Herbstmeister wird.
Aber bei dem Sturm?
Lieber Herbst
Lieber Herbst,
Du, ich weiß gar nicht, ob ich Dir aufgefallen bin, also gestern, da saß ich auf der Bank im Park und habe mein Brot gegessen. Da kamst Du um die Ecke und hast mir ein Blatt ins Gesicht geweht. Da war es echt um mich geschehen. Seidem kreisen meine Gedanken nur noch um Dich. Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich bin den ganzen Abend durch die Stadt gelaufen, und habe gehofft, Dich nochmal zu sehen. Aber ich glaube, du warst nicht da. Ein kleines Zeichen hätte mir schon gereicht! Eine Aster in einem Balkonkasten, ein Igel, der sich bereit macht für den Winterschlaf, eine kaputte Martinslaterne im Altpapier oder das satte Prasseln von Winterreifen auf leicht feuchtem Asphalt. Nix dergleichen. Wo warst Du? Ich hoffe, Du hast Dich nicht absichtlich vor mir versteckt. Du, Herbst, ich habe sogar von Dir geträumt.
Jetzt sitze ich hier an meinem Schreibtisch und schaue die ganze Zeit aus dem Fenster. Wo wohnst Du eigentlich? Blöd, Dir zu schreiben, wo Du doch bestimmt keine Post bekommen kannst, oder?
Ich esse schon den ganzen Abend Bratapfel weil mich das so an Dich erinnert! Ich kann gleich nicht mehr, aber bei jedem Bissen denke ich an Dich und dann geht es wieder.
Ob Du wohl auch an mich denkst? Was gäbe ich dafür, zu wissen, ob Du mich auch gesehen hast, gestern im Park! Und ob Du mich vielleicht auch magst.
Weißt Du, eigentlich heißt es ja „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Meinst Du, wir sind zu verschieden? Ich bin immerhin Skorpion! Und ich trage gern erdfarben! Das sagt man doch sind Herbstfarben, oder? Und als Kind ließ ich gern Drachen steigen und ich mag Windjacken total.
Ich mache jetzt mein Fenster einen kleinen Spalt auf, dann kannst Du vielleicht ein bisschen hereineinziehen, dann spüre ich einen Hauch von Dir. Das ist aufregend, Herbst.
Ich freue mich schon auf morgen, auf den Park, wenn Du dann wieder da bist und mir vielleicht wieder ein Blatt zuwehst. Das wäre ein bisschen so, wie ein Kuß! Vielleicht wehst Du mir ja sogar mal meine Mütze vom Kopf. Das fände ich nicht schlimm, im Gegenteil, das ist ja Dein Temperatment und deshalb mag ich Dich so.
Ich weiß, eigentlich geht das schlecht, Du und ich, ich weiß. Halt nix zum Anfassen und so, nix zum Festhalten. Aber ich glaube ich kann damit gut leben.
In meinem Traum, da ging es auch: ich lag auf einer Wiese nur zugedeckt mit Laub. Und wenn ich nur sage, dann meine ich nur, verstehst Du? Und dann kamst Du mit Deiner ganzen Kraft und bliest alle Bläter weg! Was für ein Sturm, der da über mich kam und das war gewaltig. Wer so einen starken Freund hat, Du, der braucht gar nicht mehr, ehrlich.
Bitte versprich mir, dass Du morgen wieder im Park bist, bitte.
Hoffnungsvoll,
S.
Bauer Johannsen – Alles im Wind
Bauer Johannsen fuhr auf seinem Trecker über den Acker. Furche um Furche fuhr er ab. Eine Furche hinunter zum Waldrand, Wenden, dann die nächste Furche hinauf zur Hof. So machte er das Jahr für Jahr. „Klonck! Klonck!“ machten die Rüben, wenn sie auf den Hänger fiehlen. „Klonck! Klonck!“ Rübe auf Blech, später bloß ein dumpfes „Pumm“, Rübe auf Rübe.
Johannsen fuhr in die vorletzte Gerade und der Wind rüttelte an der Kunststoffplane, die das Dach der Fahrerkabine seinesTreckers war. Jedes Jahr dasselbe, dachte Johannsen. Wenn es Frühling wurde, holte Johannsen seinen Trecker aus dem Schuppen und sähte, wenn es Sommer wurde, holte Johannsen seinen Trecker aus dem Schuppen und düngte, wenn es Herbst wurde, holte Johannsen seinen Trecker aus dem Schuppen und erntete.
Der Wind blies das Laub über den Acker und wehte es vor seinem Trecker hoch, wo es sich in einer Windhose fing, kreiselnd nach oben getragen wurde und feucht an der Windschutzscheibe bappte.
Johannsen zog den Hemdkragen hoch, ihm fröstelte. Johannsen dachte an die warme Stube, er dachte an seine Frau und nahm einen Schluck aus dem Flachmann.
Der Wind rüttelte an der Kunststoffplane, die das Dach der Fahrerkabine seines Treckers war. Er rüttelte anders als in den anderen Jahren, dachte Johannsen, energischer, bestimmter. Er zog seinen Schal fester und es schnürte ihm fast den Atem ab. Er schnürte die Riemen der Plane fester und drehte die alte Gebläseheizung seines Treckers auf Voll. Noch immer fröstelte ihm und der Wind, er wehte durch die Plane hindurch, wie durch Papier.
„He, Johannsen!“ sprach da eine Stimme zu ihm. Johannsen schaute sich um, doch es war niemand zu sehen.
„He, Johannsen!“ sprach die Stimme erneut, „was fröstelst du?“ Und es wehte ihm ein Blatt direkt ins Gesicht.
„Was soll das?“ fragt Johannsen eher skeptisch, denn wenn er niemanden sah, der zu ihm sprach, glaubte er auch nicht, dass ihn jemand hören könnte.
„Hier bin ich!“ sagt die Stimme von direkt über ihm und diesmal wehte ihm ein kalter Luftzug direkt durch den Hemdkragen.
Johannsen sah den Flachmann an und warf ihn aus dem Fenster. Besann sich, stieg aus, holte den Flachmann zurück schnürte die Kunststoffplane wieder fest zu und fuhr weiter.
„Was bist du doch für ein armer Wicht, Bauer“ sprach die Stimme, „Was seid ihr doch für ärmliche Wesen, Ihr Menschen!“
Johannsen grummelte etwas in seinen Hemdkragen hinein und fuhr weiter
„Ich bin es, ich bin der Wind!“ sagte der Wind.
„Ach lass mich in Ruhe, verschwinde, laß mich meine Arbeit tun!“ doch es half nichts.
„Ich bin nicht mehr als ein klitzekleiner Ballon, ein Molekül aus Gas, was störst Du Dich an mir?“
„Lass mich in Ruhe, ich habe zu tun“, grummelte Johannsen
„Ich bin doch ein Nichts? Du armer Mensch, brauchst einen Schal, sobald ich Dich stubse! Ein kleines Molekül ein Gas, sonst nichts!“
„Na, dann hau halt ab du Nichts!“ bestand Johannsen auf seinem Recht.
Und wieder stieß eine heftige Bö ins Fahrerhäusschen hinein und diesmal blies es die Kunststoffplane, die das Dach des Fahrerhäusschens des Treckers war, einfach weg und auch Johannsens Hut. Johannsen konnte ihn nicht halten und im Herunterklettern fiel er von der Leiter und landete auf allen Vieren auf seinem Acker.
„Ha, ha, sieh nur, ein kleines Teilchen Gas und sieh, welche Macht ich über Dich habe!“
„Okay, na, gut, warte“ sage Johannsen, „was muss ich tun, damit Du mich in Ruhe läßt?“
„Ha, wußt ich’s doch, ein Bauer bist Du, aber schlau genug um zu erkennen, wer hier Oberwasser hat!“
„Grmgrmgrm!“ grummelte Johannsen in sein Hemd, als er erneut in die Fahrerkabine stieg.
„3 Windräder auf Deinem Acker und unverminderter CO2-Ausstoß in den Industriestaaten!“ sagt die Stimme mit einem triumphierenden Unterton.
„Grmgrmgrm!“ grummelte Johannsen, der wieder auf seinem Sitzplatz Platz genommen hatte, die Kunststoffplane, die jetzt nicht mehr Dach war, in der Hand, „Wieso kommst Du damit ausgerechnet zu mir?“, wollte Johannsen wissen.
„Weil mir Dein Acker gefällt, hier will ich meine Windräder! Und weil ich eh in der Gegend war.“ entgegenete der Wind.
„Was kann ich tun, für die ollen Abgase, geh doch zu Bürgermeister Krüger oder gleich zur Merkel, und jetzt hau ab, ich hab zu tun!“
Eine Böh wehte Johannsen die Kunststoffplane aus der Hand auf den Acker zurück, sein Hemd flatterte lose wie eine Fahne im Wind und es zog es ihm fast aus.
„Schon, gut, schon gut, ich mach ja, was Du willst!“
„Na, also geht doch!“ sagte der Wind, und ließ Johannsen aus seinem Griff.
„Die Windräder bis zum 1.3. nächsten Jahres und den CO2-Ausstoß ab sofort!“
„Sag mal, Wind, oder wer immer Du bist oder glaubst zu sein, wenn Du wirklich so schlau bist, und wenn du wirklich bloß ein Moledingsda bist, dann müsstest Du auch wissen, dass hier auf meinem Acker gewaltige Kapillarkräfte wirken, die dich innerhalb von 3 Sekunden bis zu meinem Hof da blasen!“
„So?“ fragte der Wind und sah sich unsicher um!“
„Und dort, da wartet meine Biogasanlage und verwandelt Dich in stinkende Gülle!“
Ab sofort war es windstill.
Johannsen hatte nur geblöfft, er basaß keine Biogasanlage. Doch schien es, der Wind war ein recht einfältiger Gesell.
Bauer Johannsen packte das Dach der Fahrerkabine auf den Rübenanhänger, wendete und fuhr in die letzte Gerade, die allerletzte, hinein in den Abendnebel. Pumm, Pumm, machten die letzten Rüben, als sie in den Hänger fielen. Es war dieses Geräusch, das ihn glücklich machte, das sein Herz erwärmte und das ihn den Trott der Jahre erträglich scheinen ließ.


10. November 2008 um 13:37
Kalle is genial!
12. November 2008 um 23:04