Schall und Rausch – Herr thom* las und sang
Ich habe Modern Talking geliebt
In Gottes Eigener Bar
Ich habe Modern Talking geliebt
Ich habe Modern Talking geliebt. Ich habe Fotos gekauft, ganz kleine Fotos, die ein cleverer junger Mann vom Fernsehbild gemacht hatte, Da war Modern Talking drauf. Thomas Anders war noch jung und Dieter Bohlen noch nicht in Talkshows zu Gast und ich habe Modern Talking geliebt. Ich habe ihre Songs gehört und die selbstgemachten Karamellbonbons gelutscht, hab die Bilder angestarrt und war versunken. Cherry Cherry Lady Lalalalala…, eine einzige Single mit vier Liedern gab es im Plattengeschäft, und ich hatte ein Exemplar.
Von Depeche Mode, die es immerhin zu einer Amiga-Langspielplatte gebracht hatten, besaß ich keinen Original-Tonträger. Nur ganz viele Kassetten, die jemand in der Nachbarschaft für 5 Mark kopierte. 30 Mark kostete die Leerkassette – meine Depeche Mode- Sammlung war Millionen wert. Zu Depeche Mode gab es süßen Wein auf Spielplatzbänken und ein Mädel hat immer gekotzt. Und immer kam ich zu spät, immer hatte schon ein andere den Arm dran und brachte das geplagte Geschöpf nach Hause. Ich wär so gern Held gewesen. Wir wollten alle Martin Gore sein. Der war süß. Depeche Mode kamen ja kurz vor Ende nochmal in den Osten und die Melodie und Rhythmus jubelte sie zu klugen Gegnern des Kapitalismus, die zwar alles verfremdeten, nicht aber die menschliche Stimme. Wahrscheinlich hatte der Redakteur nie mehr als zwei Songs von Depeche Mode gehört,aber für mich war sein Wort Gesetz.
Mit dem Gesetz in Konflikt bin ich nie gekommen, mein Vater war ja das Gesetz und der jagte stets nur die Bösen. Und meine Freunde, die schwarz gekleideten Trauerklöße, das waren ja die Guten. Und als die mir sagten “Wenn ein Bulle kommt, Alder, schmeiß Deinen Ausweis weg und renn”, da hab ich noch gedacht, dass ein Ausweis ja nun wirklich nicht so schwer sei – jedenfalls nicht im Vergleich zu den Ketten, die wir so umhängen hatten. Von The Cure, Fields of the Nephilim und Sisters of Mercy gab es die Songs nur auf Tape – Platten wurden von so dekadentem Zeug nicht gepresst.
Spee und Cola, so hieß es, schluckten die schwarzen Jungs um aus der Stimmung zu kommen, wir haben nur Bier getrunken. In der Schuldisko lief Franky goes to Hollywood mit Rage Heart und wir waren nach zwei kleinen Pilsnern aus der Kaufhalle neben der Schule reichlich lustig. Aber lustig war nicht in und deshalb guckten wir nur so und wippten mit dem Oberkörper.
Jimi Morrison, der schwenkte seinen nackten Oberkörper ja schon Jahre vor uns über die Bühnen und wenn er die Hose öffnete, dann wurde er abgeführt – aber das brachte uns ja erst Oliver Stone bei. Und, dass es für Jimmi ganz schlimm war, dass Light my Fire in einer Werbung benutzt wurde.
Aber wer aus dem Rausch von The End ins Leben guckt, der hat eben andere Prioritäten. Als Konsumenten hingegen müssen wir ja nur zusehen, dass die CD nicht auf Repeat gestellt ist, dass nach dem Sonntag ein Montag kommt und nicht noch ein Sonntag.
In meinem Trabent war Tom Waits zu Hause, das Radio quetschte den Sound zu einer schmalen Röhre, kein Bass, keine Höhen, nur Geplärre. Wann immer es ging hatte ich die Scheibe unten, und hoffte insgeheim, jemand da draußen würde denken, der Typ da, der im Trabantmit den Rallystreifen, der hört aber coole Musik. Das hat aber niemand gedacht, jedenfalls hat es keiner gesagt und aus Enttäuschung habe ich angefangen mit Freunden Bier, Whisky und trockenen Wein zu trinken.
Im geborgten Golf eines Freundes, der mir etwas schuldig war, bin ich mit den Fantastischen Vier durch Berlin geumtst. Und auch da hat niemand geguckt. Und im gelben Käfer sind wir zur Bandprobe gefahren mit vier Leuten, zwei Gitarren und einem Bass.Und manchmal hats süßlich gerochen, ohne, dass einer von uns tot war.
Und nun stelle Sie sich mein Gesicht vor, als meine Tochter zum ersten Mal verzückt zu Rolf Zuckowski die Augen verleierte.
Andererseits. Ich habe Modern Talking geliebt.
In Gottes Eigener Bar
In Gottes Eigener Bar
läuft man Gefahr
einen Schlussstrich zu ziehn
Die Barfrau trinkt tatkräftig mit
und ein letzter Schluck Sprit
lässt die Leber verglühn
Die Liebe ist blau wie der Rausch
und nicht rot wie man meint
Was immer am Tag man getrennt
wird bei Nacht hier vereint.
In der Bar, an der Bar
da die Bardame träumt
und versäumt einen Gast im Gewühl
Sie rührt einen Drink,
senkt den Kopf und dann singt
sie unhörbar ein Lied mit Gefühl:
Die Liebe ist blau wie der Rausch
und nicht rot wie man meint
Was immer am Tag man getrennt
wird bei Nacht hier vereint.
In Gottes Eigener Bar
ist jedes Wort wahr
wenn die Nacht nur vegeht
die Zweifel, der Dreck und das Hirn
bleiben hinter der Stirn
bis der Rausch sich verweht
Die Liebe ist blau wie der Rausch
und nicht rot wie man meint
Was immer am Tag man getrennt
wird bei Nacht hier vereint.
In der Bar, an der Bar
da die Bardame träumt
und versäumt einen Gast im Gewühl
Sie rührt einen Drink,
senkt den Kopf und dann singt
sie unhörbar ein Lied mit Gefühl

