Lies die Stadt! Andersen Storm las
Nackt in Schwerin
Da steht sie nun, die Stadt, und glotzt mich an. Sie glotzt nicht nur, die Stadt, nein, sie lacht. Sie lacht mich aus, die Stadt. Tränen lacht sie und macht mich nass damit.
Oder sind es Regentropfen? Nein! Die Stadt lacht Tränen über meine unbeholfenen Versuche mich effizient in ihr zu bewegen, ohne den Weg zu kennen. Ich könnte fragen. Ich frage viermal. Bedenkenlos schicken mich die ersten drei Angesprochenen durch die Straßenzeilen irgendwohin. Dann frage ich eine Frau Mitte 50, die mir auch prompt den richtigen Weg weist.
Der Weg! Der Weg ist das Ziel – erst jetzt verstehe ich.
Zu spät. Hoffnungslos verfranzt zwischen Besichtigungs- und Reisetermin, beide werden nicht warten, stehe ich ohne den in Schwerin notwendigen Schirm, ohne Regenumhang oder dergleichen, quasi nackt, unter einem der wenigen, für den Regenschutz viel zu kleinen, viel zu hoch hängenden Balkone. Ein Bild zum Lachen.
Da lacht sie auch, die Stadt. Und als der Platzregen abzuebben scheint, regnet sie fröhlich weiter, vor Lachen. Dabei pustet sie ein bisschen, so dass die Tropfen sich fast horizontal bewegen und ich einseitig ganzkörperdurchnässt aufgebe. Unter anderen Umständen hätte ich sie dafür bewundert, die Stadt.
Dieser Auswärtige ist aber auch ein zu komischer Kauz, denken vielleicht auch die Leute, die mich resignierend zum Bahnhof ziehen sehen. Bei diesem Wetter ohne Schirm und Regenmantel, nackt quasi in Schwerin?! Ich aber habe schon zu viel Zeit beim Suchen und Unterstellen verbraucht, ich muss weiter sonst versäume ich auch noch meinen Zug. Was ist das nur für eine Stadt, die ihren Häusern keine Vorsprünge in den Fassaden erlaubt, so dass der Fremde ohne Schutz vor Regen und ihren Schaden-Freunde-Tränen den abschätzigen Blicken der Passanten ausgeliefert ist?!
Du Schwerin, denke ich, nun ist es aber genug. Ich friere zusehends. Einseitig.
In diesem Moment habe ich das bestimmte Gefühl, sie wolle mich nicht. Sie führt mich vor und lacht mich aus und alle sehen: Dieser Fremde gehört hier nicht her. Sieh doch, sie hat ihn gebranntmarkt, die Stadt, mit Wasser (, wenn das überhaupt geht). Nass hat sie ihn gemacht und durch ein Spalier Bei-Regen-gassigehender-Rentner und Autofahrerinnen zum Bahnhof gejagt.
“Regnet draußen?”, fragt der Baguette-Verkäufer als ich ihm den Verkaufsraum voll tropfe. Für den Spott hat sie also auch gesorgt die Stadt.
Auf dem Bahnsteig stehe ich im kalten Wind und fühle mich derart nass bis auf die Knochen – nackt. Der Zug fährt heute aufgrund von Bauarbeiten früher ab. Ja, Sie haben richtig gehört, nicht später, früher. Fuhr, muss es heißen. Der Zug fuhr heute früher ab. Ich stehe pünktlich, also zu spät auf dem Bahnsteig. Mir ist, als könnte ich sie lachen hören, die Stadt.
Schwerin, denke ich mit gefährlichem Unterton in den Gedanken, wir beide haben noch eine Rechnung offen.

