Lies die Stadt! Frau jules las

samstag

und

Löwen, fast weiße, sind gut


samstag

sie
sie wartet
sitzt an der straßenbahnhaltestelle
straßenbahnhaltestelle

familie
mutter vater kind
kind vielleicht acht
vater die bahn fährt in sieben minuten
kind nein, schon in drei
läuft zum fahrplan
behält recht
mutter vater lachen
lachen

er
ein typ
gummibadelatschen
gelbe füße
blasse jeans
hochgekrepelt
unterhemd weiß
feingerippt
die blonden haare
nass zurückgekämmt
am arm tätowiert
an beiden
rotes gesicht
rotes gesicht aus schleifpapier
blaue augen
blaue augen aus glas
bier
zigarette
eine CD
zwei

er töchter sind klug
er töchter sind klug
er da muss man aufpassen
lacht
sie lacht
er lacht
er lacht
er meine tochter ist auch klug
er weißt du warum
sie nein
er als ich zur arbeit wollte
sagte meine tochter
papa du hast doch urlaub
er hab kaffe gekocht
gerade aufgestanden
er weißt du warum sie
sich gemerkt hat
dass ich urlaub habe
sie schüttelt den kopf
lächelt
er weil ich gesagt habe
wenn ich urlaub habe
gehen wir auf den spielplatz
sie lacht
er lacht
er aber jetzt habe ich keine familie mehr
sie wie lange her?
er sechs jahre
sie nickt
er bin dann hier her gezogen
wegen der arbeit
sie von wo?
er halle
wegen der arbeit
er meine familie da unten
ich hier
c´est la vie
wegen der arbeit
er aber ich bin ihr lieblingspapa
hat ja auch nur einen
sie lacht
er lacht

die straßenbahn kommt
die türen öffnen
öffnen

er lässt ihr den vortritt
mit gestrecktem arm
mit flacher hand
hand

er setzt sich
er zieht die gummibadelatschen aus
er klemmt die füße unter den sitz
sitz

unter den sitz gegenüber
er tippt auf seinem telefon
telefon

sie zieht einen fahrschein
sie will sich zu ihm setzen
er nimmt die füße vom sitz
sie setzt sich
sich

er lacht
sie lacht

sie greift in die tasche
ringbuchblock füller
füller

er was schreibst du
sie so tagebuch
er kannst schreiben
jemand in der bahn sagt zu mir
du bist süß
sie lacht
sie schreibt es auf
er lacht
er ich laufe nicht immer so rum
bringe meinem kumpel seine schrottCDs
er schaut auf die schrottCDs
er meine freundin
vor dreißig jahren
hat auch tagebuch geschrieben
tagebuch mit schloss
lag immer offen rum
er wollte gar nicht reingucken
er da waren fotos von ihm
als wir uns kennen gelernt haben
hatte ich das schon alles wieder vergessen
sie lächelt

sein telefon klingelt
klingelt

er ruf in einer viertel stunde noch mal an
er ruf in einer viertel stunde noch mal an

kleiner junge hinter ihm
ihm

sagt hallo

kleiner junge hinter ihm
mit mama und kinderkarre
kinderkarre

er selber hallo
er lacht
er ich sitz grad in der straßenbahn
hinter mir ist so ein niedlicher junge mit seiner mama
vor mir sitzt eine hübsche junge frau mit der ich gerade erzähle
sie lacht
er lacht
er ruf in einer viertel stunde nochmal an

er legt auf
auf

er nur stress

er findet gut dass ich tagebuch schreibe
schreibe

er ich fahre nur am wochenende straßenbahn
er ich lauf auch nicht immer so rum

er findet gut dass ich mit füller schreibe
schreibe

er ist ja wochenende
sie lacht
er arbeite hier in einer firma
modellfirma
bevor in dubai einer einen wolkenkratzer baut
baue ich das modell dazu
mit jedem kleinen plasterstein
sie sowas gibt es hier
das habe ich nicht gewusst
sie lächelt
er er lächelt
sie ich steige aus
er schade
sie lacht
sie alles gute
er du bist echt in ordung
sie lacht
sie wiedersehen
er tschüss

wieder samstag
samstag

Löwen, fast weiße, sind gut

Der Schweriner kennt ihn, kennt ihn gut. Sei es weil er nahe bei wohnt. Sei es weil Dinkelbrötchen, Blumen und Frischfisch auf den Wochenmarkt locken. Sei es weil der Weg zur Arbeit an ihm vorbei führt. Der Schweriner kennt ihn, kennt ihn gut.
Jeder, der Schwerin besucht, kennt ihn, denn kein Fremdenführer wird ihn auslassen, beim Gang durch die Schweriner Straßen und Gassen. Er ist Stein, Geduld, Wache.
Das Petermännchen allein, als zu oft verscherbeltes Wahrzeichen der Stadt und als Spielpuppe der Kinder, allein das Petermännchen bändigt ihn,
wenn zur Nacht sie beide durch Straßen und Gassen streifen. So wird gesagt. So wird auch gesagt auch, dass Schwerin deshalb niemals Nachtwächter brauchte. Weder als die Stadt, damals zwölfhundert, noch Burg war, noch heute.
So steht er tags starr, dass niemand ahnt, dass er still wacht, auf dem Sockel am Marktplatz. Der Löwe, der fast weiße.
Der Schweriner kennt ihn. Jeder, der Schwerin besucht, kennt ihn. Den Löwen, den fast weißen.
Nur fragt jeder nach den Geschichten, die in Sockel gehauen sind, dem Löwen auf der Spur, den Bildern. Nur fragt jeder, nach einer ganz speziellen Geschichte, die in den Sockel gehauen ist, dem Löwen auf der Spur, einem Bild.
Einem Bild, das einen Fürsten zu Pferd zeigt, der den Weg durch einen unbequuemen Spalier nehmen muss. Ihm wird nicht hofiert, ihm wird nicht gehuldigt, er wird nicht gewollt. Der Spalier: kein Respekt, kein Anstand, kein Dank. Der Spalier: eine Reihe sauber aufgefädelter nackt geputzter Hinterteile. Popos. Ärsche. Pöker.
So erzählt das Bild, welches in den Sockel gehauen ist.
Der Schweriner kennt ihn. Jeder, der Schwerin besucht, kennt ihn. Den Löwen, den fast weißen. Nur jeder fragt, welche Geschichte hinter genau diesem Bild steckt. Historiker meinen ja, der Fürst genannt „Heinrich der Löwe“ habe die Burg Schwerin, damals zwölfhundert, noch „Burg“, irgendeinem Slawenvolkfürsten abgekämpft, dann aber irgendwann lokalpolitischen Mist gedreht und habe deshalb die Gunst seiner Bürgerinnen und Bürger verspielt.
Heinrich der Löwe. Deswegen der Löwe. Aber das ist Unfug. Völliger Unfug.
Die hauen doch nicht eine so ehrliche Geschichte in einen Sockel? Der Löwe, der fast weiße, hat nichts mit den Bildern, die in den Sockel gehauen sind, zu tun. Die Geschichten und er haben rein gar nichts miteinander zu tun. Unfug. Völliger Unfug. Die existieren sozusagen parallel. Wenn dann haben die einen Sockel sparen wollen. Der Löwe, der fast weiße, war nicht dieser Fürst. Unfug. Völliger Unfug. Er ist so was wie das Haustier vom Petermännchen. So eine Art Wahrzeichen. Nur ohne, dass jemand bisher Schweriner Spielzeuglöwen in Serie produziert und verkauft hat. Wie das Petermännchen eben. So ein nettes Wahrzeichen halt. Ein Löwe, ein fast weißer, als Wahrzeichen, der nur auf einem historischen Sockel steht. Weil die sparen wollten. Mehr nicht. Der Löwe, der fast weiße. So steht er tags starr, dass niemand ahnt, dass er still wacht, auf dem Sockel am Marktplatz. Der Löwe, der fast weiße. Obwohl. Immerhin ist er nur fast weiß. Aber nein. Unfug. Völliger Unfug. Nicht jeder der Schwerin erst erobert und dann lokalpolitischen Mist dreht bekommt einen Sockel. Erst recht nicht am Markt. Außerdem: Löwen, fast weiße, sind gut.


 
 
 

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