Lies die Stadt! Herr thom* las

Herr Hanke kommt an

1
Wie Algen schwebten die Haare des Herrn Hanke im trüben Badewannenwasser. Mit jedem Jahr musste er seinen Kopf weniger weit in den Nacken legen, um alle Strähnen zu benetzen. Mit Mitte 20 war ihm dies zum ersten Mal aufgefallen. Danach hatte er begonnen, im Stadtbild junge Männer zu fotografieren, am besten modische Jünglinge, deren Haarausfall oben auf dem Kopf begonnen hatte. Für diejenigen, die versuchten, die Platte mit Farbe und Frisur zu verdecken hatte er einen extra Ordner auf seiner Festplatte angelegt. Vielleicht würde er mal eine Ausstellung machen.

Heute war Herr Hanke entgegen aller Gewohnheiten seines früheren Lebens um 5.30 Uhr aufgestanden, hatte sich mit Kaffee, einem Notizbuch und einem Bleistift in die Wanne gelegt. Als er sie um 8 Uhr verließ, löste sich Horn von seinen Hacken und der Abfluss in der leeren Emaille sah aus wie silbrige Kopfhaut. Notizbuch und Bleistift lagen unberührt. Um 8.20 Uhr verließ Herr Hanke das Haus, um mit 29 Jahren ein Leben als angestellter Berufsschreiber zu beginnen.

Am Abend hatte Herr Hanke viel zu erzählen und seine fleischfressende Pflanze hörte geduldig zu. Einer Mitarbeiterin des städtischen Altenheimträgers hatte er heute von seiner Mutter vorgeflunkert, die heimtückisch sei und diebisch und immerzu betrunken. Und dass es nun genug sei, hatte er erzählt, die Alte müsste weg am besten ins Heim und ob das ginge. Und weil die Dame gesagt hatte, das geht und gleichmütig und ruhig geblieben war, erhielt sie im ersten bezahlten Text seines Lebens die Note „sehr gut“. Das Ganze erschien als Freundlichkeitstest der Zeitung, die er fortan seine nannte, mit einer Sonnenblume im Layout und wurde, so hoffte Hanke wenigstens, von den meisten Lesern überblättert.
Später schraubte Hanke noch ein Ikea-Regal zusammen, aß eine Stulle mit Butter und Salz und dachte, dass, wenn alles gut ging, er bereits in 36 Jahren Anspruch auf Altersrente hatte. Wo war eigentlich dieser seltsame Zwischenbescheid, dachte er, vergaß es und schlief ein.

2
Hanke drückte den Wecker aus und drehte sich zur Wand. Als eine Stunde später der Traum, in dem er vor der Altersheim-Mitarbeiterin seines ersten Arbeitstages im Stringtanga getanzt hatte, zu Ende war, blieben noch exakt siebzehn Minuten, um pünktlich zu sein. Bis ins Büro an den altersschwachen Computer brauchte er 15.
Hanke stierte auf die digitale Sanduhr. In den vergangenen zweieinhalb Monaten hatte er sich etwa 900 Euro Zeilenhonorar erschrieben und zusammen mit dem Wohngeld und einer bescheidenen Lebensführung reichte das. Er dachte, dass es so etwas, wie eine Prüfung sei und in zwei Wochen würde er bestanden haben und statt des mageren Zeilenhonorars gäbe es dann Gehalt.

Hanke feilte an einem Stadtrundgang. Hatte sich ein Kollege ausgedacht, es ging um Blatt-Leser-Bindung und darum, möglichst viele Leute an möglichst vielen Einkaufscentern vorbei zu führen. Die nämlich bezahlten die Aktion großzügig mit drei Anzeigenseiten in den drei Blättern des Verlags. Hanke hatte sich noch gewundert, dass Konkurrenten zusammen arbeiten, doch sagte sich schließlich, dass eben einiges anders sei hier und dachte nicht weiter darüber nach. Am Schlossparkcenter sollte die Tour beginnen.

„Wie ein Spiegel eingefasst in Stahl unter dem stahlblauen Himmel Mecklenburgs liegt der Kern, liegt das Herz seiner Perle – das Schlossparkcenter“, schrieb Hanke. Perle war wichtig, als Zitat, denn den Spruch mit Schwerin als Perle im Spiegel der Seen hatte sich die Frau des Uhrmachers ausgedacht, für den sie gerade eine Kampagne entworfen hatten. Um auf die Tradition des Unternehmens hinzuweisen, war eine der Anzeigen mit „Uhrviech“ überschrieben.
In der Straßenbahn las Hanke von der Rente mit siebenundsechzig, zu Hause fütterte er die Pflanze, schnitt Zwiebeln in die Tütensuppe, aß und schlief bei der Deutschlandradiodiskussion „Die jungen Alten“ nach etwa zehn Minuten ein.

3
Hanke stand unentschlossen vor dem Bügelbrett und schob das Eisen hin und her. Die Jeans war frisch gewaschen und klamm und machte kalte Oberschenkel, das Hemd hing wie ein Faltenrock vom geblümten Bügelüberzug. Den hatte Hankes Mutter neulich aufgezogen, „Damit kann ich besser plätten“, hatte sie gesagt, aber das einzige Hemd vergessen, dass Hanke zu diesem Zeitpunkt noch passte. Deshalb stand er unentschlossen am Bügelbrett und schob das Eisen hin und her.
Und weil er gestern Nacht von den Besuchern einer Stadtführung gefilmt wurde, als er ihre als Petermännchen verkleidete Vorausfrau angefallen und gedemütigt hatte. Über einen Papierkorb hatte er die verschreckte Dame gelegt und rythmisch die Hüfte bewegt. Was genau er dazu geschrieen hatte, wusste Hanke nicht mehr, er wusste nur, dass es Zitate aus Stücken eines Berliner Proleten-Rappers waren. Ganz stimmig als Gesamtkunstwerk, aber juristisch durchaus relevant. Er hatte die Nacht in einer Zelle in der Graf-Yorck-Straße verbracht und war erst am Morgen entlassen worden. „Wie ein Spiegel eingefasst in Stahl unter dem stahlblauen Himmel Mecklenburgs liegt der Kern, liegt das Herz seiner Perle – das Schlossparkcenter“, krächzte Hanke in den Spiegel und zog das Hemd an, das nun statt vieler kleiner nur noch drei große Falten hatte. Er verließ das Haus eine halbe Stunde zu spät.

Und? Gut nach Hause gekommen?, flötete es ihm im Verlag entgegen und Hanke sagte wahrheitsgemäß, Ich trinke sonst nicht.

Chef wartet schon.

Mh.

Na von Ihnen hört man ja Sachen, sagte der Chef in den Handschlag hinein und Hanke schwieg. Hören sie, ich will ehrlich sein, der Chef schob die Schultern nach hinten und spreizte die Beine, sie machen gute Arbeit. Wäre schade, wenn Ihnen so ein Dummerjungenstreich das Kreuz brechen würde. Vorschlag. Ich regel dass, wir nehmen Sie erstmal aus der Schusslinie, dann wird die Anzeige zurück gezogen und in ein paar Wochen ist das durch.

Geht schon, sagte Hanke.

Auf dem Heimweg stellte er sich vor das Schlossparkcenter. „Wie ein Spiegel eingefasst in Stahl unter dem stahlblauen Himmel Mecklenburgs liegt der Kern, liegt das Herz seiner Perle – das Schlossparkcenter.“ Über die Herrmann-Matern-Straße ging Hanke nach Hause, kündigte die Wohnung, baute das Ikea-Regal ab und lochte seine Rentenbescheide zu Konfetti, das er ordnungsgemäß im Papiermüll entsorgte.


 
 
 

4 Kommentare zu “Lies die Stadt! Herr thom* las”

  1. Christoph Wesemann
    2. Oktober 2008 um 22:06

    Maladjez! Hanke ist Tragöde und Komödiant in Personalunion, Wahnsinn!

    Ich kenne nur zwei Menschen auf dieser Welt, deren Gedanken ich nahezu uneingeschränkt mit Genuss lese. Der erste ist…nein, das kann ich sagen, es wäre arrogant und unverschämt. Der zweite ist Herr thom*.

  2. thom*
    5. Oktober 2008 um 23:42

    Zuviel der Ehre…

  3. Christoph Wesemann
    6. Oktober 2008 um 21:29

    Wie funktioniert der Text live?

    “Zuviel der Ehre…”
    Ich widerspreche.

  4. thom*
    8. Oktober 2008 um 14:20

    Live funktionierte er (mein Eindruck) nur mäßig, was, glaube ich, mit dem Stadtrundgang zu tun hatte. Da hätte es doch noch etwas flockiger, noch etwas leichter sein dürfen, um die ausgelassene Stimmung zu füttern. Es ist vielleicht eher ein Text für die klassische Leseathmosphäre.

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