Lohn und Brot: Herr ivalo las
Die Evolution des Bäckerhandwerks
und
Der letzte seiner Art
Die Evolution des Bäckerhandwerks
5681 vor Christus: Karlheinz und Bärbel sind Jäger und Sammler aus dem Nawambatal. Eines Tages verstauchte sich Karlheinz seinen Fuß. Er konnte nicht mehr jagen. Sie lassen sich häuslich nieder. Bärbel hatte zum Schmuck ihrer Wohnstätte Gräser gesammelt, Karlheinz hatte Heuschnupfen. Bärbel puhlte die Grassamen aus den Gräsern raus und gab die übriggebliebenen Halmfasern der Ziege Peter zum Fressen. Es gab noch keine Gitarren, Karlheinz konnte also keine Lagerfeuerelieder singen. Bärbel war es langweilig.
Sie hielt die Gräser in der Hand und spielte damit während sie so am Lagerfeuer saßen. Die Grassamen wurden vom Schweiß weich und lösten sich auf. Mit dem Salz wurden sie zue ienme klumpigem Etwas in Bärbels Hand. Bärbel verlor ihr Interesse an dem schleimigen Klumpen. Warf ihn in die Glut. Ging runter zum Nawamba, wusch sich die Hände und putzte sich die Zähne.
Am nächsten Morgen weckte Karlheinz Sie mit frischen Brötchen zum Frühstück.
2388 vor Christus: Der erste Versuch der Bäckerinnung ins Guinessbuch der Weltrekorde zu kommen wurde unternommen. Der höchste Brötchenturm der Welt sollte gebaut werden. Gott fand es zu früh, für derarite Spektakel. Er dachte, wenn nur alle ein unterschiedliches Wort für Brötchen haben, können sie sich nichts mehr zu Essen kaufen. Dann müssen alle hungrig nach Hause. Seither gab es Schrippen und Semmeln und Wecken und Rundstücke und Knauzen und Knüppel und Kipfen und noch so einiges mehr.
1622: dem französischen Bäcker Louie Croissant fällt betrunken eine Flasche Olivenöl in den Brötchenteig. Er hängt die Rohlinge über die Wäscheleine, damit das Öl raustropfen kann. Legt sie direkt in den Ofen. Schmecken gut. Zu Ehren des französischen Nationalfeiertages, an dem ihm dieses Mißgeschick passierte, dem 14. Februar, nenn er seine Brötchen Louie Quattorze. Der amtierende französische König Ludwig der 13. hält die Bezeichnung für anmaßend, Croissant wird geköpft. Das französische Volk nennt die gekrümmten Brötchen im Andenken an den Geköpften Guillotine. Erst mit der französischen Revolution wird der Irrtum entdeckt und das Hörnchen bekommt den Namen seines Schöpfers.
1888, der Deutsche Chemiker Albrecht Lidel aus Schkopau erfindet die verschweißbare Plastiktüte und mit ihr seine erste Anwendung: das Aufbackbrötchen.
1990 Lothar Matthäus kauf in der Leipziger Fußgängerzone ein Waldmeistereis. Er versteht Weltmeistereis. Er ist glücklich. Doch der Ruhm steigt ihm zu Kopf. Er geht in ein Bäckereigeschäft und verlangt ein Weltmeisterbrötchen. Nach kurzer Beratung gibt die Verkäuferin ihm ein mit Sesam und Mohn bestreutes Brötchen, für das es noch keinen Namen gibt. Matthäus ist glücklich. Und Erfinder des Weltmeisterbrötchens. Weltmeistereis hat sich nicht durchgesetzt.
2002, die USA fallen in Afghanistan ein. Bauer Jussif Al Brohot ist nahe der Insolvenz. Er bestreut mikt seiner Ernte die Brötchenteigbällchen seines Nachbarn Al Mohon. Die Amerikaner, die bei Mohon nur Donuts kaufen erkennen die Rauschmittel nicht, der weltweite Exportschlager Mohnbrötchen ist erfunden.
2003 Der türkische Bauer Erkan Ses’am will es seinem Kollegen Brohot gleichmachen und taucht Brötchenteigbällchen in seine Sesamkörner. Die Wirkung ist nicht berauschend, die welweiten Exportzahlen ebensowenig.
Variante für Kreationisten.
Am 12. Tage nach der Schöpfung: Adam und Eva waren gerade aus dem Paradies vertrieben, da sahen sie draussen einen Bäcker stehen, der ein reichhaltiges Angebot an Brötchen, Körnerbrötchen, Weltmeisterbrötchen, Stadtkrossern, Blätterteighörnchen und schokoglasierten Donuts bereithielt.
1,70 Euro sagte er und packte zwei knackfrische Mohnbrötchen in eine Tüte.
Der letzte seiner Art
Er lag auf der Straße. Tot. Fridolin P. Gelernter Bäcker. Jetzt war er tot, überfahren. In Gedanken gewesen, nicht geschaut, überfahren, auf der Graf-Schack-Allee. Fridolin P. Arbeitslos. Kinderlos, ledig. Überfahren. Man rechnet ja auch nicht einfach so mit einem Fahrzeug. In dem Tempo!
Individuell ist so ein Unfalltod ja eine schlimme Nachricht, vor allem für Fridolin P.. Doch für seine Heimatstadt Schwerin war es eigentlich eine gute Nachricht. P. war der letzte Arbeitslose, der Arbeitslose von Schwerin.
In Schwerin herrschte nun Vollbeschäftigung. Schwerin war die erste Stadt, die es nach der großen Wende geschafft hatte, die Vollbeschäftigung zu erreichen. Und alles nur dank Fridolin P., der nicht aufgepasst hatte. So tragisch das für ihn auch war.
Nach der BUGA 2009 war es stetig bergauf gegangen mit der Stadt an den vielen Seen. Menschen aus aller Welt hatten sich in dieses Idyll verliebt. Waren gekommen zuhauf. Rentner brachten ihre Pfleger, Apotheker und Schlagersänger mit, der ganze Wellnessbetrieb. Wohlhabende Menschen beflügelten die Bauindustrie, Junge Menschen forderten und bekamen endlich ihre Hochschule, Gastronomie und Tourismus blühten auf, Tretbootverleihe an jeder Bucht. Kurz: Schwerin und den Schwerinern ging es gut.
Doch Arbeitslose gab es noch immer. Gesellschaftliche Nischen, in denen sich einzurichten es bequemer war, als am aufstrebenden Gemeinwesen teilzuhaben.
So auch Fridolin P. Er war einer der Garantierten, wie man sagte. Gelernter Bäcker eben. Einer der letzten mit Garantie. Nachdem eine ganze Generation nur noch Aufbackbrötchen gekauft hatte, war der Bäckerberuf quasi ausgestorben. Backfactories an jeder Straßenkreuzung, doch keine Bäcker mehr. Als die Menschen diese Entwicklung erkannten und bereuten, war es zu spät, das Bäckereihandwerk war ausgestorben. Doch nun brauchte man sie wieder.
Man versuchte es mit Lockmitteln, lebenslange Arbeitsgarantie, Bootshaus an der Schloßbucht, Beamtenstatus mit wirklich ordentlichem Lohn, das ganze Spektrum! Hat auch funktioniert.
Einige Jahre später wollte ein rennomiertes Forschungslabor Viren züchten, zur Optimierung des UV-Schutzes von Sonnencreme, Schutzfaktor 100+. Man nahm zwei bekannte Virenstämme, kreuzte sie, erzielte erste vielversprechende Resultate und schwupps: einige Viren entschlüpften dem Labor, hängten sich an einen Schwarm Zugvögel und verbreiteten sich weltweit. Innerhalb von zwei Wochen starben alle Getreidesorten aus. Weltweit. Zum Glück nicht wirklich alle, nur alle, aus denen man Brot backen konnte. Nachzuchten blieben klägliche Versuche. Jetzt gab es 50.000 verbeamtete Bäcker, aber kein Mehl mehr, mit dem sie Brot backen konnten.
Alle Bäcker sollten zu Sojabrätern umgeschult werden. Aber sagen Sie mal einem Beamten, er soll sich umschulen lassen! Zumal einem Garantierten. Nicht wenige, so auch Fridolin P. machten sich ein gemütliches Leben mit Hartz 15b. Die Schloßbucht wurde zur verbotenen Zone, Farbbeutel zierten die Bäckervillen.Nach und nach gaben alle unter dem sozialen Druck auf, bis auf Fridolin P.
Nach der großen Flut sank die Arbeitslosenquote in Schwerin erstmals auf unter 1%. 1200 Schweriner Hochwasserkatastrophenschützer, damals die weltweit besten, wurden nach Bangla Desh abgestellt und gleich 2000 wurden neu ausgebildet.
Die Arbeitslosenzahl sank auf 1, als der Schweriner Hauke L. den Solarzentrifugalmotor erfand und mit seinem Fahrzeug kurz vor der Serienproduktion stand. Erstmals seit Ende der Ölversorgung dachten Politiker wieder über die Genehmigung des motorisierten Individualverkehrs nach. Schwerin wurde zur Hoffnung der jungen Erdgemeinschaft.
Zur Einweihung der neuen Fabrik war selbst Erdpräsident Kim-Il-Bank aus der Hauptstadt Singapur gekommen.
Vor seinen Augen geschah dann das unfaßbare: Hauke L. drehte eine Ehrenrunde auf der Graf-Schack-Alle und übersah einen Passanten, Fridolin P. Überfahren, tot. leblos. Der letzte Arbeitslose von Schwerin.
Hauke L. hatte in Schwerin für die Vollbeschäftigung gesorgt.
Nach einem kurzen Moment der schrecklichen Stille begriff die Menge, was passiert war und brach in Jubel aus.
Il-Bank war sich des historischen Moments für die ganze große Nation bewußt, doch wahrte er diplomatischen Respekt vor dem Toten.
Das vollbeschäftigte Schwerin war nun Leuchtturm der Nation, Delegationen aus allen Provinzen aller Kontinente besuchten die Stadt und machten sich einen Eindruck vom wirtschaftlichen Aufschwung. Die Menschen waren stolz.
Doch währte ihr Glück nicht lange! Denn nur einen Monat später schaffte die Erdregierung das Geld ab. Nicht nur den Terro als Zahlungsmittel, sondern auch Geldchipkarten und die CO2-Rationschipkarten wurden abgeschafft. Und damit zwangsläufig auch die Lohnarbeit.
Zunächst freuten sich die Menschen. Der nach der großen Wende ausgerufene globale Markt der Einsicht und der gerechten Teilung war wieder ein Stück näher gerückt. Und: es gab weltweit keine Arbeitslosen mehr! Alle bekamen, was ihnen zustand und was jeder begehrte, so es ausreichend produziert werden konnte.
Doch wofür hatte Schwerin dann die Arbeitslosigkeit aus eigener Kraft überwunden? Hatte man nicht vor über 100 Jahren für die Einführung des Kapitalismus demonstriert? Die Menschen gingen wieder auf die Straße.
Kim-Il-Bank wurde von einer Schweriner Guerilla-Einheit entführt und sitzt seitdem in einem Käfig in der Schloßgrotte. Die Graf-Schack-Allee wurde in Bäckermeister-Fridolin-Alle umbenannt. In Schwerin wurde jährlich das Bäckermeister-Fridolin-Gedenk-Solarautorennen abgehalten, mit einer Schikanerunde durch die Schloßgrotte und Zieleinfahrt auf dem Bertha-Klingberg-Platz vor dem Schloß.
Nicht dass Schwerin so den Gang der Welt aufhalten konnte, aber dank der vielen weltweiten Exporte der Solarautos ging es den Schwerinern sehr gut, auch wenn es sich nicht in Bargeldvermögen oder CO2-Emminssionsgenehmigungen ausdrücken ließ. Aber über die ein oder andere Gefälligkeit der Weltregierung und eine alles in allem zufriedenstellende Versorgungslage.

