Neue Nachbarn: Lesebühne “Wortreich” in Wismar

Wenn nebenan neue Nachbarn einziehen, dann geht man ja mal rüber, vielleicht Blümchen vorbeibringen, mindestens aber Guten Tag sagen.
In Wismar hatte gestern die Lesebühne “Wortreich” Premiere. “Weiber & Helden” war das Thema. Ich bin einfach hin und wollte mir anschauen, wie unsere Nachbarn aus der Hansestadt Lesebühne machen. In der hiesigen Presse stand gar nichts, ich hatte lediglich in einem Kulturnewsletter den Veranstaltungshinweis erhalten, Ort, Titel, Anfangszeit, fertig.
Vielleicht war es der Schreibkreis des Seniorenstifts St. Antonius, die in ihrer Lieblingsapotheke lesen? Ne, dann wäre der Titel nicht “Weiber und Helden”. Vielleicht der Chaos-Club der Studentenkreativabteilung die in ihrem Hardrockkeller existentialistische Texte zelebrieren? Die würden eher “Blutreich” heißen. Also hin und schauen.
Bei strahlendem Sommerwetter und 33° Außentemperatur hatten sich schon einige Gäste in der Alten Löwenapotheke eingefunden. 300 Jahre Apotheke, knapp ein Jahr ein wunderschönes Caféhaus, sehr schönes Ambiente. 5 € Eintritt.
“Anspruchsvolle Unterhaltung zum Wochenendausklang” wurde versprochen, ein Klarinettist begrüßte mit Tango Etüden von Astor Piazolla und ein echter Kultursenator gab das Grußwort. Wie immer bei Politikern: als er sagte, er wolle aber gar nicht viele Worte verlieren, da war es schon zu spät.
Endlich Text: Birgit H. Lohmeyer-Hölscher, Krimiautorin mit gefülltem Büchertisch, gab das Startsignal und gleich einen blutrünstigen Bericht aus dem Millieu. Weiber und Helden eben. Gänsehaut. Vera Doneck enthüllte die Wahrheit über die Weltenformel. E=m*c2 ist nur anders formuliert für: beeil Dich, ich muss auch ins Bad. Dafür habe ich also 14 Semester Physik studiert! Schmunzeln, Lachen.
Die Männer waren für die Lyrik zuständig, Steffen Czech und Hartmut Lüke mit beziehungsreichen und fatalen Miniaturen der Zwischenmenschlichkeit.
Als Gast, “Wortreich” lädt sich in jedem Monat zum gewählten Thema einen Gast ein, war die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Wismar Evelyn Untrieser eingeladen. Ein kurzes Interview, dann las sie Texte von Regine Gisland-Krüger aus Dortmund (!) vor. Sehr nahe gehende Texte vom Überleben in gesellschaftlichen Nischen, mit Freundschaft und wenig Geld und von dem was die Straße bietet.
Schöne Idee: alle Autoren präsentierten ein Buch, das sie selbst gelesen hatten als Literaturtipp. Auch schön: zum Abschluß durften die Zuschauer je ein Wort aufschreiben und in einen Zylinderhut werfen. Ein Wort wurde gezogen, Vollrausch, darüber schreiben die Autoren zur nächsten Lesung einen Text.
Noch mal Klarinette, Roman Samsovici, diesmal mit Mozart.
Der Besuch hat sich gelohnt, sehr sogar, ich werde ganz sicher wieder mal nach Wismar fahren, wenn Wortreich liest. Und wenn ich dort bin, wenn gerade keine Lesung ist, ins wunderschöne Café Alte Löwenapotheke gehen.
Die weiteren Termine von Wortreich 2008: 6. Juli (nur ein Spiel), 3. August (Hoffnung. Los), 7. September (was zählt), 5. Oktober (das Wissen im Herbst), 2. November (nach Süden) und 7. Dezember (Zweite Ankunft).


 
 
 

3 Kommentare zu “Neue Nachbarn: Lesebühne “Wortreich” in Wismar”

  1. Birgit Lohmeyer-Höls
    3. Juni 2008 um 11:42

    Lieber Herr Ivalo,
    die Freude ist ganz auf unserer Seite. Herzlichen Dank für den Besuch, den Bericht und das Angebot der friedlichen Koexistenz.
    Auf gute Nachbarschaft!

    Das WortReich Wismar
    E-Mail: wortReich-wismar@arcor.de

  2. ivalo
    4. Juni 2008 um 14:10

    Ah, hallo, Frau Nachbarin! Danke für die Rückmeldung. Ich vergass zu schreiben, dass die anspruchsvolle Unterhaltung nicht nur versprochen, sondern auch geboten wurde!
    Auf gute und nachbarschaftliche Zusammenarbeit!

  3. harDi
    6. Dezember 2009 um 16:25

    macht wirklich neugierig, dein Bericht! Ich kann nur bestätigen, dass allein die Veranstaltungshinweise sich immer sehr originell lesen! lg hardi

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