Sportfest: Herr thom* las

Platsch! oder Der Sandmann beim Langstreckenschwimmen (Zum ersten Mal am 14. August 2005 bei Schwerin-Schwerin veröffentlicht)

Zu einer meiner großen Stärken gehört die Fähigkeit zur Verdrängung. Ja, liebe Spötter, Sie denken an Wasserverdrängung und auch das ist hier irgendwie gemeint.

Im April habe ich mich für das 1. Schweriner Langstreckenschwimmen angemeldet. Wohl wissend, dass meine letzten koordinierten Schwimmbewegungen Jahre her sind. Trainieren wollte ich deshalb vorweg, die Öffnungszeiten der Schwimmhalle hatte ich mir auch besorgt und mit Sprotte gesprochen, wegen der Alt-Herren-Bahn der Rettungsschwimmer in der Halle auf dem Dreesch. Das wars. Weiter bin ich nicht gekommen. Meine Anmeldung aber erhielt ich aufrecht und unvorsichtigerweise hatte ich es darüber hinaus zugelassen, dass auch Kollegen von meinem Plan erfuhren. Hier nun kommt Verdrängung im Freudschen Sinne ins Spiel. Ich hatte das Schweriner Langstreckenschwimmen schlichtweg aus meinem Hirn eliminiert.

Gestern dann schoss das Blut in den Kopf. Meldung bis 9 Uhr war auf der Internetseite der Organisatoren zu lesen, ok, dachte ich, haste ja noch die Chance zu verschlafen. Punkt acht an diesem Sonntagmorgen war ich wach. Die Badehose war auch nicht verschwunden, das Bad war frei – beste Bedingungen also für einen Start in einen sportlichen Sonntagmorgen.

Und nun, verehrte Leser, ab ins reportagenhafte Präsens:

8.45 Uhr
Anmeldung am Strand von Zippendorf. Zehn Euro – dafür gibts ne schicke orange Badekappe, eine Tüte des örtlichen Sportgeschäfts, ein T-Shirt (zu klein), einen Kabelbinder und etwas Werbematerial. Einige, die sich auf die Anmeldung vor Ort verlassen haben, dürfen in Wartestellung darauf hoffen nachzurücken. Das Limit nämlich liegt bei 200 Teilnehmern. Auf meinem rechten Arm prangt nun eine mit Edding aufgemalte Startnummer. Wassertemperatur: 17,1 Grad.

8.55 Uhr
Rumstehen. Zwischen lauter Menschen, die Schwimmhäute zwischen den Fingern und Schultern breit wie Kleiderschränke vorweisen können. Ich ziehe den Bauch ein und mich zurück. Dass so viele Kinder mitschwimmen, weckt die schon zum Schweigen gebrachte Angst vor einer Blamage. Zwei Müsliriegel sind auch ein Frühstück. Langeweile bis

9.45 Uhr
Einweisung und Belehrung durch den sportlichen Chef. Ich verstecke mich hinter meiner Kamera und höre klare Ansagen – schließlich organisieren hier Sportler mit antrainierter Disziplin: Gestartet wird aus bauchtiefem Wasser, wer drängelt, schubst oder sich sonst danebenbenimmt, fliegt raus. Zu Verdeutlichung werden gelbe und rote Karten gezeigt.

10.00 Uhr
Die ersten 100 Teilnehmer setzen mit der Weißen Flotte nach Kaninchenwerder über. Ich bleibe am Steg zurück.

10.20 Uhr
Jetzt darf ich auch mit – Startnummer über 100 halt. Niemand macht sich warm, dafür beginnen kleine Mädchen mit muskulösen Oberarmen Vaseline auf ihren Körpern zu verteilen. Wieder Angst. Jemand trägt einen Trainingsanzug in Hellblau mit DDR-Emblem.

10.35 Uhr
Auf der Insel dann endlich Aufwärmbewegungen, wie ich sie von früher kenne. Ich laufe kurz in den Wald, wieder zurück und mache die Übungen nach, die mir nicht allzu anstrengend erscheinen. Letzte Fotos. Langeweile mit flauem Magen bis

10.55 Uhr
Die ersten wagen sich ins Wasser. Da das Kamerateam nur mit einer Kamera da ist, muss der Chef schon mal vorab schießen. Für die Bilder. Denn geschnitten sollen ja Startschuss und die ins Wasser stürzenden Sportler direkt und ohne Schwenk aufeinander folgen.

10.59 Uhr
Ich taste mich ins Wasser. Um mich herum Badeanzüge mit der Aufschrift „Speedo“, professionelle Brillen und Leute, die ernste Gesichter machen.

11.00 Uhr
Startschuss: Wie erwartet gibt es drei Fraktionen. Die erste ist schon fast wieder am Ziel, die zweite beginnt mit zögerlichen Schwimmbewegungen, die dritte geht jetzt erst ins Wasser. Anders als gedacht gehöre ich zur zweiten Fraktion.

11.02 Uhr
Ich habe Mühe zu atmen. Die Kälte geht durch und durch, ich schlucke Wasser. Versuche in den vor Jahren bei Sprotte (er ist heute mit seiner Wasserwacht dabei und zieht mich raus wenns schlimm kommt) erlernten Freistil zu wechseln – für zehn Schläge, dann weiter Brustschwimmen. Die erste Boje scheint unerreichbar. Erstaunlicherweise plagen mich keine Schmerzen und auch die Temperatur wird von Zug zu Zug erträglicher.

11.10 Uhr
Die erste Boje. Minderjährige treiben scherzend vorbei. Das Feld ist in die Länge gezogen – keine Ahnung, wo genau ich bin. Aus dem Nichts taucht so etwas wie Rhythmus in meinen Bewegungen auf, ich fühle mich plötzlich ganz wohl und denke mir lustige Formulierungen für diesen Bericht hier aus. Ein Mann, Mitte 40, bleibt hinter mir zurück.

11.20 Uhr
Die zweite Boje. Ich kann das Tempo etwas forcieren, jedenfalls habe ich den Eindruck ich könnte. Ein schmächtiges Bürschlein unter 15 beginnt, mit mir Katz und Maus zu spielen. Er lässt mich ganz dicht herankommen, wechselt in den Freistil und schwimmt so in einem Affenzahn davon. Ich fühle mich nicht ernst genommen, spiele aber mit.

11.25 Uhr
Das Katz-und-Maus-Spiel dauert an. Ich denke darüber nach, ob die von mir unter Wasser ausgepustete Luft möglicherweise wie ein Gegenstoß wirkt und meinem Tempo schadet. Doch niemand überholt mich. Die dritte Boje ist echt weit weg. Dann plötzlich nicht mehr. Nun ist die vierte Boje echt weit weg.

11.30 Uhr
Die vierte Boje ist erreicht. Es geht gerade aufs Ziel zu. Zwei Drittel der Strecke, so schätze ich, sind geschafft. Noch immer Katz-und-Maus-Spiel. Erste Schmerzen im Rücken und an den Fingern. Nicht schlimm. So manchen Mitschwimmer kann ich hinter mir lassen. Es passiert, wovor ich die ganze Zeit Angst hatte – mein Ehrgeiz erwacht. Wieder bilde ich mir ein, das Tempo anzuziehen.

11.37 Uhr
Ich schwimme, als gings um etwas. Wie weit das Ziel genau weg ist, kann ich nicht sagen. Das Bürschlein jedenfalls habe ich überholt. Noch einmal Freistil probieren, die Arme sind schlapp. Die Schmerzen hingegen scheinen verschwunden. Mein Kopf hat – so wird mir später erzählt – die Farbe der Badekappe angenommen.

11.45 Uhr
Ich erreiche das Ziel in einer Dreiergruppe. Kurz nur plagt mich die Angst, nicht aufstehen, nicht gehen zu können. Klappt aber doch. Der Moderator nennt mich beim Namen der Firma, bei der ich angestellt bin. Keine Kraft, das gerade zu rücken. Bin schließlich privat hier. “Von den Dicken warst Du der erste”, erzählt man mir. Meine Lieblingsfrau nimmt mich in Empfang, der Tee ist heiß und tut gut. Die Mundwinkel werden magisch von den Ohren angezogen. Das muss der Grund sein, warum so viele Menschen Sport machen, denke ich. Der Glücksrausch mit einer Prise Selbstzufriedenheit hält aber nur zehn Minuten vor.

11.50
Meine Tasche ist tatsächlich im Ziel angekommen. Ohne mein Zutun. Die Jungs von der Organisation sind echt auf Zack. Auch von anderen höre ich nur Gutes – keine Klagen. Endlich eine rauchen…

12.11
Die letzten Schwimmer kommen ins Ziel. Tee trinken, plaudern, Danke sagen und rumsitzen bis

13 Uhr
Siegerehrung mit einer Horrorpuppe von Petermännchen. Ich bleibe, bis die Sieger meiner Altersgruppe das Treppchen besteigen. Bin erwartungsgemäß nicht dabei. Alle sagen, ich wäre im vorderen Mittelfeld durchs Ziel gegangen. In Wahrheit wars aber das hintere… Bin trotzdem ein wenig stolz. Habe schließlich bewiesen, dass man so was auch machen kann, wenn man seit zehn Jahren als Sportverweigerer aus Gewissensgründen gilt.

13.50 Uhr
Die Siegerehrung versinkt in Regen und ich mache mich auf den Heimweg.

Sonntag 15.00 bis voraussichtlich Mittwoch
Schmerzen.


 
 
 

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