Nebenan: Frau jules las

Nebenan

und

Ungleicher Spielgefährte

Nebenan

Nebenan, da wohnt einer. Nebenan. Nebenan ist eine Wand weiter. Zwanzig Zentimeter Dämmstoff und Beton und metallene Streben. Nebenan. Nebenan, da wohnt einer. Nebenan, da wohnt einer, den kennt keiner.
Der Schulhof besaß die Form des Buchstaben G. So eine Art Halbkreis mit Strich sozusagen. Ein C mit Strich. Auf diesem C pflanzte man Stiefmütterchen und positionierte Bänke so, dass man im Sommer mit dem Gesicht in Richtung Sonne, mit Vorsütien im Rücken, saß. Sonne macht gute Laune, sagte Frau N. immer. Sonne setzt im Körper das Enzym Endorphin frei. Endorphin macht glücklich. Frau N. war Lehrerin für Biologie. Der Strich an diesem C war der krumme Plattenweg, der vom Hof in das Schulgebäude führte. Zweimal am Tag musste jeder den krummen Plattenweg gehen. Das erste Mal um halb zehn. Das zweite Mal neun Uhr fünfundvierzig. Große Pause: fünfzehn Minuten. 437 Schülerinnen und Schüler. 437. Ich war einer von ihnen. Ich kannte sie gut. Ich kannte das G, dieses C mit Strich, den Schulhof, die Schule. Ich kannte sie gut.
Am Ende des Striches von diesem C, also von dem Plattenweg, vom Strich stand ein Mülleimer. So einer mit Holzlatten. Große Pause: fünfzehn Minuten.
Immer steht da ein Junge. Mit käselochrunder Brille und Schirmmütze. Die Schirmmütze ist bestickt. „Sport 56“ . Er trägt einen blassen Rucksack über der Schulter. Diesen hält er mit beiden Händen ganz fest. Seine Hände greifen die Riemen des Rucksacks auf Höhe der Brust. Seine trübe Jeanshose ist zu kurz. Seine milchigen Socken sind zu groß. Vielleicht sechste Klasse. Siebente. Immer steht er da. Immer. Er guckt. Guckt. Er guckt immer gerade aus. Der Mülleimer, der mit den Holzlatten, steht der Schultür gegenüber. Auch er. Immer. Er guckt immer geradeaus. Er guckt nicht umher. Er redet mit niemandem. Er isst kein Pausenbrot. Er wird nicht geärgert. Er schnaubt nicht die Nase. Er guckt immer gerade aus. Immer. Er trägt einen blassen Rucksack über der Schulter. Diesen hält er mit beiden Händen ganz fest. Seine Hände greifen die Riemen des Rucksacks auf Höhe der Brust. Auch wenn ich ihn in der Cafeteria sehe. Sein graues Gesicht blickt freundlich. Er guckt wie ein Märchen klingt. Aber er guckt immer geradeaus. Ohne jemanden, der ihn dafür bös´ benennt. Ohne jemanden, der andere Gedanken fliegen macht. Ohne jemanden, der auch immer geradeaus guckt. Er guckt wie ein Märchen klingt. Er guckt. Er guckt immer geradeaus. Ich kenne ihn nicht. Er ist einer von 437 Schülerinnen und Schülern. Er guckt immer geradeaus.
(Er war einer von 437 Schülerinnen und Schülern. Ich kannte ihn nicht.)An den Schulhof erinnere ich mich. An das G, dieses C mit Strich. …der krumme Plattenweg in das Schulgebäude. Klassenarbeiten, Pausenbrote, Lehrer, erste Küsse auf der Schultoilette. Alles wieder. Jetzt wo ich höre, dass in dieser meiner Schule, die ich besuchte viele Jahre einer war letzte Woche… Am späten Nachmittag wohl: Einer, der die Putzwagen abwartete. Bis fünf Uhr am späten Nachmittag. Die Putzwagen. Toilettenreiniger, Chlorfix und Scheibenputzmittel, mehr und mehr Zeug dieser Art kippte er zusammen in einem Eimer. Dann Schnalzen und Gurgeln und Schlucken bis kein Halten und Zucken und Blubbern mehr war.
Nebenan, da wohnte einer. Nebenan. Nebenan ist eine Wand weiter. Zwanzig Zentimeter Dämmstoff und Beton und metallene Streben. Nebenan. Nebenan, da wohnte einer. Nebenan, da wohnte einer, den kannte keiner.

Ungleicher Spielgefährte

Als ich ein Kind war lag neben dem Hof meiner Großeltern ein kleines Gehöft. Das der Kinzels. Die Kinzels sind Herr und Frau Kinzel. Und Kotter. Kotter ist ein Mischling. Irgendwas mit Schäferhund und Rottweiler.
Herr Kinzel ist ein grünkariertes Hemd.
Herr Kinzel ist dünnes, nasses, nach hinten gekämmtes Haar. Herr Kinzel ist Gummistiefel. Herr Kinzel ist Schubkarre, Farbfleck, Schraubenzieher. Herr Kinzel ist Spaten, Maschenzaun, Kies. Herr Kinzel ist spackig, fast zart. Wäre ich ein gemeines Kind gewesen, hätte ich ihn „Rumpelzwerg“ genannt.
Frau Kinzel ist eine geblümte Nylonschürze.
Frau Kinzel ist fettiges, lockiges, in breiten Strähnen auf der Schulter liegendes Haar.
Frau Kinzel ist Korklatschen. Frau Kinzel ist Plasteschüssel, Gartenstuhl, Groschenheft. Frau Kinzel ist Hühnerstall, Besen, Unkrautvernichtungsmittel. Frau Kinzel ist rund, fast grob.
Wäre ich ein gemeines Kind gewesen, hätte ich sie Drangtonne genannt.
Frau Kinzel ist Herr Kinzel. Herr Kinzel ist Frau Kinzel. Die Kinzel sind seit ihrer Geburt ineinander verliebt und wohnen seit achtzig Jahren auf dem kleinen Gehöft neben dem Hof meiner Großeltern. Dieses kleine Gehöft verhielt sich wie ein richtiger Bauernhof.
In den verwinkelten weißgrauen kleinen Ställen mit bassgrünem Maschenzaun hielten die Kinzels Hasen, wenn die Ställe nicht mit Schrott und blechernem Kram zumgemöhlt
waren. Eine silberne Garage gegenüber. Ihr Sohn Hartmut machte was mit Autos. Neben diesen verwinkelten weißgrauen kleinen Ställen gab es hohen dichten Maschenzaun, der eine Schar Hühner rahmte.
Die Wege waren Beton und ein Haufen Kies war in der Ecke der Auffahrt mit gammeliger Plane darüber. Das kleinen Gehöft war schmal. Die Auffahrt gerade breit genug für ein Auto. Hinter einer tiefen Mauer aus Steinen und Draht gab es Möhren und Kohlköpfe. Auch Tomaten hinter schmierigem Glas. Als ich Kind war lief durch das kleine Tor in der Hecke vom Hof meiner Großeltern auf das Gehöft der Kinzels. Ich bekam Möhren, spielte mit Kotter. Die Hühner und Hand.
Was schlimm war: Einmal war Kotter und ich bei den Hasen in den verwinkelten weißgrauen kleinen Ställen. Er knurrte und kleffte, dass er einen kleinen Spatz aus seinem Nest fallen machten. Den Spatzen waren die verwinkelten weißgrauen kleinen Ställe Brutplatz. Herr Kinzel folgte dem Knurren und Kleffen Kotters. Herr Kinzel fing den Spatz mit seiner öligen Hand. Herr Kinzel zog Kotter an seinem Halsband zur Auffahrt. Herr Kinzel lies den öligen Spatz kurz über dem Boden los. Kotter war dem öligen Spatz ein ungleicher Spielgefährte.


 
 
 

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