Nebenan: Herr thom* las

Verlegenheitstext

In der Nachbarschaft

Verlegenheitstext

Mir fällt nichts ein. Mir fällt nichts ein. Mir fällt nichts ein. Mir fällt nichts ein. Nebenan… Nachbarschaft… Nachbarländer… Das hab ich schon im Pressetext verwurstet, was solln denn die Leute von mir denken. Dem fällt auch nüscht mehr ein? Solln die denken, dem fällt auch nüscht mehr ein? Was erlauben die sich überhaupt von mir irgendwas zu denken. Als ob die irgendein Recht hätten…. Werfen sie einen Euro ein, ziehen sie an der Strippe und lehnen sie sich zurück… Das hätten sie gern. Jaaa natürlich, ich weiß, wer Wind sät, …, wer sich in Gefahr begibt …. Wir habens ja nicht anders gewollt… Aber man muss das doch auch mal in Frage stellen dürfen… Dieses ganze Konzept ist doch Unfug. Unfug, Blödsinn. Schnappsidee, Stammtisch. So was von 90er… Dieses ganze Konzept – ich Bühne Du Klatschen – so ein, so ein, so ein … hirnverbrannter Unfug. Son Lagerarbeiter, der Kisten stapelt wie keiner, sone Kindergärtnerin, die aus den verzogenen Blagen meiner Nachbarn Menschen macht, son Rettungssanitäter, der das Blut von der Straße kratzt… das sind Leute…und nich sone Spaßmacher… Generation Werbewirtschaft…Wo issen da der Mehrwert, bitte schön? Mir fällt nichts ein, mir fällt nichts ein mir fällt nichts ein…. Jetzt weiß ich, warum so viele mit Kissen am Fenster sitzen. Das sind alles verhinderte Poeten, Dichter, die was zum Thema nebenan schreiben sollen, denen aber nichts einfällt. Was für ein Scheißkonzept. Vor allem wenn nichts passiert. Ist ja wie Mathematik. Leerer Kopf + leeres Umfeld = leere Seiten….

Mir fällt nichts ein, mir fällt nichts ein, nichts… nichts, gar nichts. Was für eine Scheißsituation. Kann ich morgen machen, hab ich auch schon dreimal gesagt. Über die Staus am Bürgermeister-Bade-Platz kann ich was schreiben. Bisschen rumkotzen, dass die da oben doch nicht alle Latten am Zaun haben. Planen was und vergessen ein paar Millionen. Da kannste immer gut drauf rumtrampeln. Sogar die Fahrradfahrer freuen sich – wennse schon frieren und sich anstrengen müssen, habense heute wenigstens den bühnenseits bestätigten Triumph der effektiveren Fortbewegung. Was machtn die Nörlinger-Elsterbach da? Die will ihre Karre doch wohl nicht so stehen lassen… Als ob ihr die Straße gehört, als ob ihr die Straße gehört. In die Parklücke krieg ich zwei sone Familienkutschen. Das ne Schnepfe. Deren Kinder haben sogar die strammen ostdeutschen Kindergärtnerinnen nicht mehr hingekriegt. Der Mann ist beim Bildungsministerium und die Kinder fahren morgens inne Privatschule. So sieht Kapitulation aus. Kann ich mir jeden Morgen angucken. Das sind so Leute, die bleiben extra etwas länger aufm Klo, und atmen immer gaanz tief ein. Ja natürlich sind das nette Leute. natürlich sind die hilfsbereit… Natürlich, gaaaanz liebe Nachbarn. Gaanz lieb. Und ganz vernünftig. kaufen beim Biohof, die haben Geschmack. Ich bin der Stoffel. Die sind gaaanz lieb. Aber weißte, was das Schlimmste ist? Manchmal guckste in Spiegel und fragst Dich, ob andere nicht zurecht genauso über Dich reden. Und denn biste sooo klein mit Hut und nüscht fällt dir mehr ein nüscht. Und denn willste auch keine Späßchen mehr machen über sowas. Denn suchste nur noch nach einer schönen kleinen Geschichte mit Anfang Mitte und Schluss.

Das mit dem Griebner kanste auch keinem erzählen. Den hab ich regelrecht aus dem Haus gebrüllt. Dabei war der hier der Blockwart. Aber der ging einfach zu weit. Der hat die Sicherung rausgedreht, um zu gucken, ob tatsächlich mein Computer seine Frau am Schlafen hindert. Und weils ganz still wurde, als die Sicherung raus war, hatter beschlossen das ja und wollte mir verbieten, nach zehn den Rechner zu benutzen. Der hat mir das Leben zur Hölle gemacht. Obwohl… wenn ich heute drüber nachdenke, hatte der wohl genauso viel Angst vor mir wie ich vor ihm und seinem Genörgel. Mit sowas kann ich ja nicht.. Aber da bin ich auch zu nah dran. Sowas kann man nicht verbraten, wo bleibt da die lässige Souveränität. Aber mir fällt auch nüscht anderes ein.

Vielleicht kann ich ja einfach die Geschichte von Opa und seinem Maurer erzählen. Die hab ich ja in der Mail extra nicht zu Ende gebracht. Der Maurer hat sich an das laufende Notstromaggregat gestellt und wollte Steine aus seinen Sandalen schütteln. Und da hat mein Opa gedacht, der stünde unter Strom und hat ihm eine Schaufel vor die Rippen gehaun, um den Kontakt zu unterbrechen. Aber das ist auch so schnell auserzählt.

Und was ich ja besonders dämlich finde, sind Geschichten, die ausschließlich geschrieben werden, weil dem Autor nüscht einfällt. Selbstreferentielles Gedöns, Ichpoesie. Wenns soweit ist, gehste besser ins Altersheim und liest den Damen und Herren die Zeitung vor.

Wartmal… ich hab doch da noch so ein Gedicht…

Fensterexistenzen brauchen Polsterfensterbänke
Polsterbänke fensternah der Polsterfensterbänke
fensternah, dem Polster nah an Polsterfensterbänken
sitzen Fensterexistenzen
und das Leben quirlt vorbei

In der Nachbarschaft

In der Nachbarschaft
In der Nachbarschaft
In der Nachbarschaft

…hatte sich Horst entschieden alles ganz anders zu machen. Er verließ unsere Gegend mit den Stadtpalästen, verließ seine Mutter, bei der er seit 45 Jahren gelebt hatte, verließ seine 20 Jahre Lagerhaltung in einem Blumengroßhandel, verließ sein Abo im Sieben-Seen-Sportpark, gab seinen Videotheksausweis zurück, schrieb der Stadtverwaltung, bei der seine Name in der Querulantendatei stand, einen letzten Brief, kaufte sich eine starke Taschenlampe und wurde ein Leuchtturm. An Großmutters Loch im morastigen Grund drehte er sich hin und her und kein Schiff kam fortan dort zu schaden.

In der Nachbarschaft
In der Nachbarschaft
In der Nachbarschaft

…wohnte die schmale Frau Keller. Frau Keller war traurig, denn sie hatte keine Kindheit gehabt, war ein Wunderkind gewesen… Klavier spielen, Verträge erfüllen, PR-Termine wahrnehmen. Mit 20 war Frau Keller ein Wrack. Psychisch. Am Ende hat sie den Flügel mit Schmackes in die ersten Geigen gerollt und so einige vielversprechende Musikerkarrieren beendet. Im Buch, das sie in der Psychiatrie schrieb erklärte Frau Keller, so wolle sich an der Musik rächen. Seit sie wieder draußen ist, unterrichtet sie an der Musikschule und wer ihre Schüler kennt, weiß, dass Frau Keller ihrem Ziel schon sehr nahe ist.

In der Nachbarschaft
In der Nachbarschaft
In der Nachbarschaft

…war allen klar, dass es aus unserem Städtchen niemand wirklich nach oben schaffen würde. Über Platz 136 in der Hitparade oder einen Posten als Unterstaatssekretär hinaus hat es noch keiner geschafft. Kein Bundeskanzler, kein echter Star, kein Ausnahmeathlet, kein Geistesriese ist je den Mauern hier entstiegen. Dann wuchs hier plötzlich einer auf, der das nicht wusste und wurde vom Nobelpreiskommitee bedacht. Den finden wir jetzt nicht mehr so toll.

In der Nachbarschaft
In der Nachbarschaft
In der Nachbarschaft

…wurde dem kinderhassenden Friseur eine Tochter geboren. Ungewöhnlich war das dichte dunkle Haar des Mädchens. Der Mutter wars recht – so beschäftigt sich der Zausel wenigstens mit der Kleinen, pflegte sie im Mütterkreis zu sagen und das folgende Schweigen überspielte sie mit dem Witz vom Fußball-Torwart, der ein herabfallendes Kind erst auffängt und so vorm Tode rettet, dann aber zweimal aufprallen lässt und abschlägt. Da die Friseursfrau fortan in keinem Mütterkreis der Stadt mehr geduldet wurde, wuchs die Kleine in einer Osteoporosesportgruppe auf dem großen Dreesch auf.

In der Nachbarschaft
In der Nachbarschaft
In der Nachbarschaft

…leuchtet Horst den Paddlern heim, am Schweriner See, Frau Keller begleitet die Sachbearbeiterin eines großen Stromversorgers in der Rolle der Evita Peron, unser Nobelpreisträger hat viel Geld ausgegeben, um Schwerin aus seiner Geburtsurkunde zu tilgen und die Tochter des Friseurs macht ihren Trainerschein für Osteoporosesport. An der Straßenbahnhaltestelle sagt jemand, Provinz, das ist doch ein Zustand im Kopf.


 
 
 

2 Kommentare zu “Nebenan: Herr thom* las”

  1. der maschinist
    14. April 2008 um 23:12

    Oh Mann – is das gut!

  2. Martin
    17. April 2008 um 16:37

    Bürgermeister-Bade-Platz – drauf rumtrampel? Ja, das haben wir jetzt auch – und zwar auf Schwänen! Tretboote im Schwanenformat! Am Bürgermeister-Bade-Platz!

    Schöne Grüße (in die Runde – auf Schwänen)

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