Kunst der Stunde: Frau jules las

Günstling

Heimatheim

Märtyrermaus

Günstling

Es ist 6 Uhr 25 als er im Neonlicht der Küchenlampe seinen warm gespielten Teelöffel im kalten Kaffe kreisen lässt, die andere Hand flach auf dem Tisch liegend, vor dem offenen Fenster sitzend, rauchend.

Es ist 6 Uhr 28 als sie im Neonlicht der Küchelampe einen Letzten Kaffee kocht, wortlos, durch ihn hindurch sehend und nachfolgend den Raum verlassend.

7 Uhr 10 würde sie mit gerade einem Bein auf seinem Bahnhof mit dem anderen schon halb in waswussteerschonwo sein.

Fahr doch, sagt er, fahr doch, den warm gespielten Teelöffel klirrend in den kalten Kaffee fallen lassend. Aber nimm mich mit. Komm wieder, ja?

Nichts, sagt sie, nichts, letzte Kleider, Bücher und Journale für die Fahrt, Zahnbürste und Handtuch für die erste Nacht in waswussteerschonwo mit waswussterschonwem zusammen zu kramen.

Es ist 6 Uhr 43 als er durch die Stube hindurchgehend einen kontrollierenden Blick in das Zimmer der Kinder wirft, die schlafend in einem schmalen Lichtstreifen zu sehen sind.

Es ist 6 Uhr 43 als sie sich räumend, kramend und packend, durch ihn hindurch sehend fragt, ob er seit gestern Abend Kaffe trinkend und rauchend darauf wartet ihre Tasche die Treppen runter und die 600 Meter zum Bahnhof zu tragen.

Ja, sagt er.

6 Uhr 50 würde sie sagen, dass sie dass nicht wollte und dass es ja nicht weit sei zum Bahnhof.

7 Minuten.

Gerade genug zeit für ihn, um festzustellen, dass ihre, präzise und penibel und planend wie sie war, Tasche, nicht bis zu letzt gepackt schien und eine Tasche viel zu wenig war um 18 Jahre Gelebtes mitzunehmen. Schließlich passte er auch nicht in eine einzige Tasche.

Gerade genug Zeit für sie, um ins Kinderzimmer zu gehen, präzise und penibel und planend wie sie war, die Bettdecken zu Recht zurücken und auf dem Schreibtisch ein erklärendes, tröstendes Briefchen zu hinterlassen.
Ich helfe dir tragen, sagt er.

6 Uhr 50 sagt sie, dass sie dass nicht will und dass es ja nicht weit ist zum Bahnhof.

Es ist 6 Uhr 53 als sie geht, während er seinen warm gespielten Teelöffel im kalten Kaffe kreisen lässt, die andere hand flach auf dem Tisch liegend, vor dem offenen Fenster sitzend, rauchend.

Vielleicht würde sie in waswussterschonwo mit waswusssteerschonwem unglücklich sein. Vielleicht käme sie wieder. Vielleicht wartete sie vor der Tür, auf dass er hinterher kommt und fleht.

Vielleicht würde sie in waswusstesieschonwo mit waswusstesieschonwem unglücklich sein. Vielleicht käme er hinterher. Vielleicht sollte sie warten, auf dass er hinterher kommt und fleht.

Sie geht nicht zurück.

Sie hört nicht, wie ihr Erinnerungsstück durch den kalten Lauf kriecht und weich landet.

Heimatheim

A sagte sich schlechten Gewissens von der unbedingten Gemeinschaft mit B und nachfolgenden in F los, um sich später mit anderen in M wieder zu finden.

A war es nicht leicht gefallen, denn schließlich war F sein zu Hause gewesen, der Ort, von dem A mit fünf Jahren gesagt hatte: Hier geh´ ich niemals weg.

A war zum Rückenkehrer geworden, dessen Kontur im Objektiv von B und nachfolgenden im milchiger zu werden schien, aber ungeachtet dessen nicht ganz von der Bildfläche verschwand. Die Grenzen von F überschreitend, auf dem Weg nach M, ohne B und nachfolgende, allein und ein wenig zerknirscht über die Abwesenheit der unbedingten Gemeinschaft. A schien sich nicht im Klaren darüber, dass keine Gemeinschaft, keine mit B und nachfolgenden, keine in F, unbedingt ist.

B und nachfolgende ebenso wenig.

A war an den Rand der objektiven Bildfläche verschwunden, mit milchigen Konturen, beobachtbar, uninteressant. Nur eben nicht verschwunden. Man war bemüht. Gab sich höflich. Sprach nur das Nötigste. A musste ersetzt werden. Wenn jemand geht ist das traurig aber ersetzt werden muss er. So schwer kann das ja nicht sein. War es auch nicht. B und nachfolgende haben versucht, F und der Instandhaltung der unbedingten Gemeinschaft treu zu bleiben. Während A in die große weite Welt ging um antworten zu suchen auf Fragen, die es noch nicht gab. Die in M, also dort wo A nun war, sind zum Putz auf den schönen neuen heimatlichen Fassaden geworden, Putz der so schnell nicht abbröckeln würde.

In M fand A ein neues zu Hause. Ein zu Hause mit subjektiven Objektiven und scharfen Konturen. A hatte die Möglichkeit bekommen, die Blickrichtung und deren Einfallswinkel auf das Geschehen zu verändern. Wichtig. A, dessen Augen mittlerweile ganz verklebt sind, von subjektiver Objektivität, haben sich für den Blick gen Heimat, Richtung B und nachfolgende geöffnet. A hat sich vom Sockel des „B und nachfolgende nicht mehr Brauchens“ herunter begebe, die Sicherheit in einem zweiten neuen zu Hause zwar gefunden, aber die nachfolgenden und erst recht B nicht vergessen.

Die unbedingte Gemeinschaft hatte mit A einen Teil verloren. Sie war dem Fernweh, der Sehsucht nach anderen unbedingten Gemeinschaften und der Suche nach Antworten auf Fragen, die es noch nicht gibt, hilflos ausgeliefert. Sodass diese Gemeinschaft nur im Kopf seiner Bestandteile hin und wieder liebevoll getätschelt wurde. Gut so. Schließlich hatte man Prioritäten gesetzt. Das ist wichtig. Prioritäten setzen. Hat Mama früher zu Hause in F schon immer gesagt, Prioritäten setzen, das ist wichtig. Man spricht vom Weggehen. Drama. Wenn man vom Weggehen spricht ist man oft viel zu traurig um daran zu denken, dass der gehende vielleicht irgendwann wiederkommt. Und man bis dahin vielleicht selbst schon weggegangen ist. Oder jemand ganz anderes wiederkommen wird. Und wenn dann einer wiederkommt, ist die Überraschung groß. Oder zumindest so was Ähnliches. Da lernt man draus. Und manchmal, da besuchen B und nachfolgende A in M, der guten alten Zeiten wegen, im subjektiven Heimatheim.

Märtyrermaus (3min)

Zwei Mäuse sitzen auf dem samtigen Bezug der Brüstung im dritten Rang während sie unten drei Spieler die Bühnenbretter bespielen sehen und einen Mann in schwarz mit käselochrunder Brille im Zuschauerraum und eine Dünne im Kleid daneben, die mitschreibt im Schein eines käsigen schmalen Lichts einer Klemmlampe. Oft sitzen sie so da, wenn nicht die Zuschauer raunend und hustend die Ränge und Reihen befüllen und sie klatschend und amüsiert oder betrübt verlassen. Wie gerne würde die eine nur einmal mittanzen, wie gerne würde sie einmal sein oder nicht sein, wie gerne würde sie von Bagaluden und Räubern singen. Aber Maus bleibt eben Maus. Und ganz besonders diese beiden. Während sie unten Spieler die Bühnenbretter bespielen sehen und einen Mann in schwarz mit käselochrunder Brille im Zuschauerraum und eine Dünne im Kleid daneben, die mitschreibt im Schein eines käsigen schmalen Lichts einer Klemmlampe, sitzen sie auf dem samtigen Bezug der Brüstung im dritten Rang. Denn Maus bleibt Maus. Und ganz besonders diese beiden.

Am schönsten finde ich wenn die Spieler sind wie Hefeteig… Wie? Wie Hefeteig, wenn sie immer mehr werden. Wie? Wenn ein Stück mit einem nur beginnt und im Verlauf die Gesichter aus den Nischen kriechen und am Ende alle spielen. Das ist schön. Schöner wäre, wenn ich einmal mittanzen, einmal sein oder nicht sein, einmal von Bagaluden und Räubern singen könnte. Wenn ich ein Spieler wäre. Aber du bist eine Maus und Maus bleibt Maus. Auf die Bühnenbretter schaffst du es nie… Ich glaube doch. Nee. Doch. Wette? Wegen mir… Ich wette um vier Zwiebelringe, dass du mich morgen Abend auf dieser Bühne siehst. Nie. Gut, gilt, sagt die eine und pest über den samtige Rand des dritten Ranges davon. Am darauf folgenden Abend positioniert sich die andere im Kronenleuchter in der Saalmitte um das gesamte Bühnengeschehen zu überblicken. Letzter Akt, letzte Szene. Nie, denkt die andere muxmäuxchenstill vor sich hin. Nie. Bis plötzlich im letzten Akt, in der letzten Szene, die eine in der finalen Rangelei, im finalen brutalen Getümmel auftaucht und inmitten des Geschehens aus ihrer vollen Mäusekehle laut zu singen beginnt. Laut und so laut. Mit gen Traversen gerichteten Pfoten laut zu singen beginnt, sodass die andere kaum ihren Sinnen trauend, hastig zu klatschen und von einem auf das andere Mäusebein zu springen beginnt. Bis in der finalen Rangelei, im finalen brutalen Getümmel einer fehl tritt.

Märtyrermaus (1min)

Es sind zwei Theatermäuse. Proben besehen sie vom samtigen dritten Rang, die Stücke vom Kronenleuchter in der Mitte des Saales. Die eine wünscht sich um Himmels Willen einmal selber die Bühnenbretter besingen, bespielen, betanzen zu dürfen. Die andere liebt es wenn Minute um Minute Schauspieler um Schauspieler auftauchen, sie neue Gesichter sieht, neue Figuren hinzukommen, das Spiel wächst, sie was zum Gucken hat. Nie, so sagt sie, schafft ´s die Eine auf die Bühnenbretter. Doch, so sagt die Eine. Sie wetten um vier Zwiebelringe. Am Abend danach, betritt die Eine im letzten Akt, in der letzten Szene, inmitten der finalen Rangelei, in mitten des finalen brutalen Getümmels, die Bühne und wird zertreten.

Märtyrermaus (30s)

Zwei Mäuse sehen sich Theaterproben vom dritten samtigen Rang aus an. Vorstellungen vom Kronleuchter in der Saalmitte. Die andere Maus liebt es, wenn in Stücken die Zahl der schauspielenden Gestalten und Gesichter wächst und sie was zum gucken hat. Die eine will lieber selber auf die Bühne. Eine schauspielende Maus sein. Und mischt sich eines Abends hoffnungsvoll unter die finalen Kämpfenden und wird zertreten.


Märtyrermaus (15s)

Zwei Mäuse gucken immer Theater. Die eine will schauspielern, die andere nur gucken. Die eine, sich ihren Traum erfüllend, auf der Bühne stehend, singend wird tot getrampelt.


 
 
 

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