Kunst der Stunde: Herr thom* las und sang

Dosensuche

ABCD

Sänger sind sensibel

Dosensuche – ein Text in drei Minuten, einer Minute, in 30 Sekunden, 15 Sekunden, einer Sekunde

Früher sind die Männer in den Krieg gezogen, sagt die Frau und guckt kopfschüttelnd zum Fenster. Am Fenster sind auf unserem kleinen Tisch versammelt: Taschenmesser, Zange, Kompass, Batterien, Spiegel, Draht, zwei Taschenlampen, ein Mobiltelefon, Proviant, Streichhölzer, Karabinerhaken, ein Notizbuch, Filmdosen, kleine Bücher, Stifte und ein blinkendes Ding . Alles verschwindet in meiner Tasche. Das ist, damit die Männer monogam bleiben, sagt der Lange, wennse schon keine Exeltabellle für ihre sexuellen Eroberungen führen können, wollnse wenigstens Funde zählen. Im Radio singt Rainald Grebe “Wenn die Liebe auch geht, die Hobbys bleiben”

Der Lange und ich, wir gehen regelmäßig gemeinsam in den Wald. Das sind ganz besondere Momente. Wir reden dann wenig und manchmal treffen sich unsere Blicke wie zufällig.

Und wenn ihr die Dose gefunden habt, dann versteckt ihr sie neu, oder wie?
Nee, sagt der Lange, wir schreiben da nur was ins Logbuch und packen die dann wieder genau da hin, wo wir sie gefunden haben.
Dann ist das wie…
Ja. Das ist wie Schnitzeljagd für Erwachsene. Geocaching ist wie eine Schnitzeljagd für Erwachsene.
Nur mit Technik.
Nur mit Technik
Das ist das blinkenden Dingens, da. Was hat das eigentlich gekostet. Die Frau schaut zu mir. Nun sag schon! hndt, sage ich., hndt. Hundert???? Du hast ja einen Knall.

Der Lange und ich, wir sind auch schon gemeinsam auf Berge geklettert, da war die Luft so klar und unser Atem Nebel. Das Logbuch wurde klamm in meinen Fingern als ich unter das Datum des Tages schrieb: Der Lange und Pitty auf Tour. Danke!

Warum hast Du Dir eigentlich so einen bescheuerten Namen gegeben? Bin ich jetzt Schnatterinchen, oder was? Nein Schatz, von Dir weiß doch gar keiner was Du verheimlichst mich? Nein, aber ich kann ja schlechtderdings ins Logbuch schreiben, war schön, meine Frau Schnatterinchen war übrigens nicht dabei. Das wäre ja auch eine Frechheit! Genau. Der Lange ist vorgegangen und hupt bereits.

Manchmal gehen der Lange und ich mit Freunden in den Wald. Wir stapfen hintereinander her und scherzen, wir schauen einander über die Schultern auf unsere Bildschirme, wir feuern einander an. Es ist so ein warmes Gefühl auch wenn wir kaum etwas voneinander wissen.

Komm nicht so spät, ruft die Frau mir hinterher, ja, sage ich, dann startet der Wagen, die Kompassnadel auf dem Bildschirm weist den Weg. Ich schalte das Telefon aus. Wir biegen auf die Autobahn nach Norden ab, die Fähre ist pünktlich. In Dänemark ein Regenbogen. Wir essen Fast Food an einer Raststätte, ziehen Filmdosen aus Leitplanken und schreiben ins Logbuch “Danke. Der Lange und Pitty auf Tour”. Im Autoradio singt Rainald Grebe “Wenn die Liebe auch geht, die Hobbys bleiben.”

Eine Minute

Ich habe ein Hobby. Ich erklärs von vorn. Menschen nehmen eine Plastedose, legen Spielkram hinein, ein kleines Büchlein und einen Stift und verstecken die Dose an einem interessanten Ort. Dort nehmen sie die Koordinaten auf – Länge und Breite, Sie erinnern sich, Geografie? – dafür benutzen sie so einen GPS -Empfänger, das ist so etwas ähnliches wie ein Navigationssystem im Auto, nur für draußen, genauer und robuster. Die Koordinaten veröffentlichen sie auf einer Seite im Internet. Andere Leute holen sich dort diese Koordinaten und gehen auf die Suche nach der versteckten Dose. Finden sie sie, tragen sie sich in das Büchlein ein. Ich war hier. Danke für den Cache. War lustig. Oder so. Und im Internet schreiben sie das alles nochmal, damit alle wissen, dass sie die Dose gefunden haben. Das ist mein Hobby. Dosensuchen.
Die Frau findet das nicht so prima. Da muss man im Dreck rumlaufen und da machtse sich schmutzig. Und den Langen mag sie auch nicht. Der Lange und ich, wir gehen stets zusammen Dosensuchen. Und heute machen wir uns davon. Auf nach Dänemark, ins Dosenparadies. Wir fahren heimlich, denn nur Männer verstehen, was Männer vereint, und kommen nimmer zurück.

30 Sekunden

Natürlich war es am Anfang schön. Aber dann nicht mehr so. Also nicht mehr sooo schön. Mehr so normal. Und dann fing sie an, diese Wellnesswelle zu entdecken. Und dann warse immer weg. Im Moorbad, zu Ayoveda, zur Klangtherapie. Einmal bin ich mit und hab die ganze Zeit vor der Tür auf sie gewartet . Und da kam dann der Lange vorbei. Und dann hab ich ihn gefragt, was er da macht mit dem Gerät und er hats mir erklärt und seitdem gehen wir zusammen Dosensuchen. Heute abend will die Frau ins Solebad. Und heute passierts: Wir gehen fort. Der Lange und ich. Für immer.

15 Sekunden

Der Lange und ich, wir gehen nach Dänemark, wir fahren zum Geocaching ins Dosenparadies, hast Du gehört? Ich verlasse Dich, Du Wellnesstrulla! Was meinst Du? Hat sie das gehört?

1 Sekunde

Hobbys bleiben.

Sänger sind sensibel

Erzähln Sie nichts – Ich weiss Bescheid!
Ich weiss doch wie es sich mit einem Sänger lebt.
Ein Sänger singt und tut sich leid
und hofft, dass sich um ihn die Erde dreht

Sänger sind sensibel
Sänger sind Musik –
ihr Körper singt mit ihnen
Sänger sind das schwächste
Glied der Kette
Sänger fallen von den Bühnen

Sensibel?! So? Erzählt man sich?
Verbrähmt im Schmutz der eignen Eitelkeit!
Sensibel nicht! Das wüsste ich!
Mein Sänger hat dergleichen nie gezeigt!

Sänger stürzen taktlos
durch die Terzen
im Tempo ihres Herzens
Sänger sorgen sorglos so
für Unmut stirbt ein Lied
an ihren Scherzen.

Taktlos stimmt! Und selbstgerecht!
Und faul! Sonst wärn sie keine Sänger nicht!
Sonderbar… . Und selbstgerecht!
Und ganz und gar beziehungsunfähig

Sänger sind besessen
von der Angst
der Applaus gälte nicht ihnen
Sänger suchen sichere Begleiter –
dass ihr Stern scheint
auf den Bühnen (neben ihnen)

Allerdings: Man weiss ja nie
ob man den nicht noch einmal im Radio hört
Außerdem: Man weiss ja nie
ob der, der heute noch den besten Nachtschlaf stört
nicht später mal – man weiss ja nie
freundlichen Blickes aus der Glotze glotzt
dann sagt man sich, ein wenig stolz:
„Wir haben mal dasselbe Bad benutzt“

ABCD

Vermutlich weil A
B nur noch bedingt liebte
floh er zu C
keine Kosten-Nutzen Rechnung
sondern eine riskante Kalkulation
B blieb bedingt geliebt
über die Situation im Unklaren

Vermutlich weil B
C zu ihrem
näheren Bekanntenkreis zählte
blieben die Folgen der riskanten Kalkulation im Rahmen
deren Aufdeckung – eine Kosten-Nutzen Rechnung
B zog bedingt geliebt
kaum Konsequenzen

Vermutlich weil C
für A der sie nur bedingt liebte
im Rahmen bleibende Konsequenzen
nach sich zog
investierte er alles in D
B schrieb nun bedingt geliebt
Rote Zahlen

Vermutlich weil D
bei B unabhängig von A
den Anschein einer sicheren Anlage erweckt hatte
fiel ihr Kurs bei B nach Aufdeckung der scheinbar risikolosen Kalkulation A´s
in´s Bodenlose
B konstatierte bedingt geliebt
den Bankrott

Vermutlich weil A
von B´s den Rahmen sprengender Konsequenz
als Folge seiner sich als riskant und nicht lohnend erwiesenen Investitionen
bei D nunmehr Kapital von D auf geradem Wege zu B abzuleiten vorbereitete
vermeldete B bedingt geliebt
Konjunktur
.
Vermutlich weil B
D von jeder Finanzierung ausgeschlossen hatte
war der Konkurs von D nur noch eine Frage der Zeit
C hingegen blieb für A durch Präsenz ein interessanter Markt für freies Restkapital
B blieb bedingt geliebt
darüber im Dunkeln

Vermutlich weil C
auf A´s unerwartete Offenlegungsabsichten
B gegenüber den Kapitalfluß zu C betreffend
keinerlei Beeinflussung der Entscheidung A´s anzudenken gedachte
wurden B alle Fakten über vorangegangene Kalkulationen exakt von A dargestellt
B zieht bedingt geliebt
entscheidende Konsequenzen

Vermutlich weil D
sich von B und A bereits abgeschrieben sah
blieb sie von den entscheidenen Konsequenzen B´s
d.h. dem völligen Transaktionsabruch vor allem gegenüber C
so unbeeindruckt wie C aus allerdings anderen hier nicht zu erwähnenden Gründen
B hielt bedingt geliebt
überraschend an A fest

Vermutlich weil A
B noch bedingt liebte
blieb er bei B
eine reine Kosten-Nutzen Rechnung
ohne riskante Kalkulationen


 
 
 

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