Kunst der Stunde: Galerie Molter

Tierisch menschlich geht es zu in der Galerie Molter. Die Lesebühne Schmalz und Marmelade hat sich an die Bildbesprechungen gewagt.

Frau jules – Schwein gehabt

Es ist Nacht im Bauer Masts Torgelower Schweinstall. Alle Schweine schlafen. Ein gleichmäßiges Grunzen erfüllt den mit Stroh ausgelegten hölzernen Torgelower Verschlag. Nur zwei kleine Schweine entziehen sich des Sterneguckens wegen der Nachtruhe. Unweit des Verschlages am Waldrand auf einem Stein, sitzen die schweigenden Schweinchen, die Köpfchen gen Himmel gerichtet. Da fragt das eine Schweinchen: Glaubst du wir kommen da mal hin? Schneller als du denkst. Darauf das andere Schweinchen: Wer hat das gesagt?

Frau jules – Katzenwäsche

Es ist ein sonniger Morgen auf Bauer Masts Torgelower Hof. Langsam erwachen er seine Frau und andere Tiere des Hofes. Aus dem hölzernen Verschlag grunzt es munter, hinter dem rostigen Maschendraht gackert und quakt es fröhlich, müde wirft Bauer Masts Hund einen Blick aus der Tür. Ungewöhnlich jedoch, dass keine der Katzen erwartungsvoll miauend und jaulend vor dem Milchtöpfchen am Schuppen sitzt. Bauer Masts Enkel ist da. Fritz. Fritz ist ein Stadtkind und verzogen bis zum Himmel hoch und besaß bis vor kurzem einen Goldfisch, dem er erst am Ende den Namen Rückenschwimmer gab. Nachdem es gestern so regnete in Torgelow und Bauer Masts Frau die Kätzchen samt ihrer samtigen Samtpfötchen ins Haus und zu Fritz ins Zimmer lies, der diese noch jungen Kätzchen mit einen karierten Handtuch aus Frottee trocken rubbeln sollte, fand dieser eine andere Lösung.

Frau jules – Wetterfrosch

Die anderen sagten er sei ein Rebell, einer mit dem man besser keine Kirschen aß, weil er einem die Kerne in die Augen spuckte, wenn es darauf ankam. Und das bewies er einmal mehr als er einem heran nahenden Storch ein Schenkel stellte, der zu Boden fiel, der Frosch mit seiner Zunge – zack – den Storchenschabel umschlang. Sodass dieser weder schnappen noch los fliegen konnte, dank der Modder in die er gefallen war, die, die Flügel zäh und schwer machte. Einen Hüpfer hoch lies sich der Frosch dann auf den Magen des Storches plumpsen, sodass dieser erbrach, davon krauchte und sich nur mühsam einige Schilfbreiten weiter aufrappeln konnte… „Und das war erst der Anfang!“

Herr ivalo – Auf den Hund gekommen

Es waren einmal zwei Tiere. Die hatten einander so lieb. Sie konnten zueinander nicht kommen. Ihr Größenunterschied war nämlich so gewaltig. Dabei wollte der eine, der Kleinere der Beiden, doch nur in der Nähe des anderen, des Großen, sein. Egal, ob an seinem Bauch rumkrabbeln, oder an seinem Kinn. Küssen war nämlich nicht. Oder nur sehr vorsichtig. Also baute er sich ein Hilfsmittel. Er kletterte auf den Großen rauf und fühlte sich in seinem dichten Fell pudelwohl. Er hatte einen Beschützer. Und einen Ernährer. So vergingen in erfüllter Liebe die glücklichsten Jahre im Leben der beiden Geschöpfe. Wärme bekam der eine und immer Mal ein Zwicken der andere. Das sagte ihm, ich bei Dir und hab Dich lieb.

Herr ivalo – Von der Tarantel gestochen

Skat ist ne ernste Sache. Wer das Gegenteil behauptet hat noch nie Skat gespielt. Maximal Mau-Mau. Die arme Tarantel. Verlieren oder sich für jede Skatrunde neue Mitspieler suchen. Blöd auch.

Frau nadine – Keinen Bock mehr

Wir schrieben das 23. Jahr der neuen Zeitrechnung in dieser kleinen Stadt. Die neue Zeit, sie hatte begonnen, als die Menschen dieses Fleckchens Erde angefangen hatten, sich zusammenzurotten, um zu lesen, zusammenzurotten um zu fotografieren, zusammenzurotten um zu malen. Die Stadt hatte sich aufgemacht zu ihrem unaufhaltsamen Aufstieg. Seit 23 Jahren nun gab es keine wechselnden europäischen Kulturhauptstädte mehr. Vor 23 Jahren war es gewesen, dass die EU-Kommission beschlossen hatte, diesen Titel dauerhaft an die kleine Stadt im Norden Deutschlands zu verleihen.
Ich zog mir meine Laufschuhe an, an diesem klaren Januarmorgen des 23. Jahres. Der kalte Ostwind schlug mit seinem eisigen Atem auf mein rechtes Ohr. Der Boden unter meinen Füßen, eisig und tief gefroren, gab nicht nach, als ich meine turnschuhgedämpften Schritte im Rhythmus meines Atems gedankenversunken durch den Wald zählte. ‚Eins, zwei, drei, vier einatmen, eins, zwei, drei, vier, fünf, ausatmen.’ Der Wind schnitt mir den Atem ab. Noch wenige Schritte bis zur Lichtung, der Lichtung mit der steil aufsteigenden Weide am Ende der Stadt, dort, wo das Ufer des Sees eine Biegung macht, so als wollte der See doch nicht hinausziehen in die große weite Welt, sondern sich lieber umdrehen, über seine wässrige Schulter schauen und sich zurück zur Stadt wenden. Oft war ich hierhin gelaufen, zu der steil aufsteigenden Weide mit ihrem kleinen, elektrisch geladenen Zaun. Jedes Mal hatte ich mich gefragt, für welche Art von Tieren diese Weide wohl sein möge. Kühe? Ich hatte nie auch nur eine einzige Kuh gesehen dort. Doch immer wieder diesen Zaun. Waren dort irgendwann mal Tiere gewesen? Seit 23 Jahren nun schon, ging mir diese Frage nicht mehr aus dem Kopf. Und als ich an diesem kalten Januar-Morgen mit seinem schneidenden Ostwind die Lichtung erreichte, sah ich sie, die Tiere. Sie standen auf dieser Weide. Und ich begriff. Hier muss er gestanden haben. Ich sah, und ich sah die Welt mit den Augen des Künstlers…

Frau nadine – Der Hahn tropft

Sie denken, Herr Molter hat sich inspirieren lassen von Redewendungen? Von Phraseologismen, diese jeden Sprachenlerner an den Rand der Verzweiflung treibenden feststehenden Wortgruppen, die – völlig ihrer ursprünglichen Bedeutung enthoben und enthauptet – wie einst Störtebeker an seinen Kumpanen vorbei durch die Welt taumeln?
Nein. Das denken Sie.
Aber zum Glück gibt es ja uns – Ihr nimmermüdes Lesekollektiv auf der Suche nach der literarischen Wahrheit.
Es war einmal ein Komponist. Ein Liedermacher. Er lebte in einem Land, einem Land, das uns heute so fremd und sonderbar erscheint, ein fremdes und geheimnisvolles Land, ein Land, nun ja, fast vor unserer Zeit. Aber nicht ganz. Man schrieb das Jahr 1978. Der Liedermacher, dessen Nachname fast ein bisschen wie “lakonisch” klang, reiste aufs Land. In diesem Sommer hatte er beschlossen, seine Ferien auf einem Bauernhof zu verbringen, einem Bauernhof weit im Norden dieses kleinen fremden Landes. Auf dem Hof lebte auch die kleine Martina der kleine Martin, der so gern malte. Schon seit Tagen hatte er den Künstler beobachtet in seinem Tun. Ihn gesehen, wie sinnierend er über den Hof spazierte. Der Liedermacher war fast fertig mit seinem neuen Album; eine Schallplatte für Kinder sollte es werden mit lustigen Geschichten, Geschichten zum Lachen und zum Weinen, zum Fürchten und zum Freuen. Geschichten in Liedern, die Mut machen und Angst nehmen. Ihm fehlte noch ein einziges Lied zu seinem musikalischen Glück in Dur.
Eines Morgens, nachdem er wieder einmal die Nacht hindurch komponiert hatte, ohne zu einem zufrieden stellenden, wohlklingenden letzten Lied gekommen zu sein, trat unser Komponist ans Fenster und öffnete die Fensterläden seines holzdielenknarksenden Ferienzimmers auf dem Bauernhof. Er sah hinaus und dort stand er – majestätisch, mit buntgeschwungenem Schwanzgefieder, unantastbar, Herr über seine Schar von 25 treu ergebenen Hennen, Herr über den Stall, den Hof, die Welt – und den Misthaufen. Auge in Auge sahen sie sich an, der Hahn auf seinem Berg umgeben von seinem treuen Gefolge schmachtender Hühner und der Liedermacher am geöffneten Fenster. Und da durchzuckte es ihn wie ein Blitz, durchfuhr es ihn wie Donnergrollen und Getöse – der Komponist eilte zurück in sein Zimmer, griff seine Gitarre, schnappte sich den Bleistift und das erste Blatt Papier, das er im Chaos der letzten, uninspirierten Nacht zu greifen bekam. Er zupfte die ersten Akkorde, schrieb, kritzelte die Noten hin, klampfte, schrieb, klampfte, schrieb, klampfte.. und dann. Fertig! Der kleine Martin wurde noch am gleichen Tag sein erstes Opfer. Der Liedermacher griff sich das Kind und sang es ihm vor, das Lied, das noch Jahrzehnte später Kinderherzen höher schlagen und Kinderohren schlackern lassen sollte: „Da sprang ein Hahn aufs Fensterbrett, das machte er recht selten, er fand den Eierbecher nett, drum fing er an zu schelten…“
Der kleine Martin war begeistert, der Komponist veröffentlichte eines der berühmtesten Kinderalben der Welt und der Hahn, der Hahn jedoch musste so sehr lachen, als er das Lied zum ersten Mal hörte., dass er… Sehen Sie selbst!

Herr thom* – Zur Sau gemacht

Dann ist der Schlachthof meine letzte Chance, sagte der schmutzigweiße Heinz und küsste Elli mitten auf die schwarze Schnauze. Mit großen Augen sah sie ihn an und ihre Stacheln funkelten im Mondlicht. “Ich schau Dir in die Augen, Kleines”, raunte er und verschwand im Dunkel der Brombeerhecke. Wann hatte das begonnen? Warum war es so weit gekommen? Elli schnäuzte sich. Wie hatte sie ihm nur die Geschichte so lange glauben können. Ausgerechnet Heinz der Inhaber einer Fabrik für Igelit… Undenkbar eigentlich. Aber sie war so verliebt und er so ein charmanter Plauderer.

Bis eines Tages die Eichhörnchen vor der Tür standen. Die Eichhörnchen. Die Russenmafia unter den Tieren. Der schmutzigweiße Heinz hätte Schulden gemacht, erzählten sie und er solle sich gut überlegen, wie lange er noch mit der Rückzahlung warten wolle… Als sie Heinz damit konfrontierte, brach er zusammen. Unter Tränen gestand er ihr, mit einer anderen Frau Dinge angestellt zu haben, die sich Elli mit ihrer bürgerlichen Fantasie nicht einmal vorstellen könnte. Dummerweise hätte die Frau Geld dafür gewollt und das ließ sich mit den kleinen Drogengeschäften, die Heinz in Wahrheit über Wasser hielten, nicht mehr auftreiben. Also hatte Heinz Schulden gemacht, sogar den Laptop verpfändet, den Elli ihm überlassen hatte.

Nach dem Abschied im Garten sah Elli Heinz noch einmal nahe der Fußgängerzone. Offenbar hatte er im Schlachthof gefunden, wonach er gesucht hatte: Er war untergetaucht und lebte nun als Schwein. Für ein paar Jahre dachte Elli, dass sei ein guter Plan gewesen, aber nur so lange, bis sie auf dem Kompost eine Zeitung fand, in der von einem Schlachter berichtet wurde. Auf dem Foto erkannte sie neben einer Schweineschnauze und einem Ringelschwanz Heinz schmutzigweiße Stacheln

Herr thom* – Zwei Fliegen mit einer Klappe

Zwei fiese Metzger-Fliegen
die zogen in den Krieg
sie griffen sich die Klatsche
und träumten von sicherem Sieg

Über die anderen Fliegen
die aus der Bäckerei
doch ich kam dazu, griff mir die Klatsche
und haute die beiden zu Brei

Herr thom* – Elefantenrunde

Neu Dehli – Archäologen melden, dass nach neuesten Erkenntnissen die Inder noch vor etwa 500 Jahren ihre Straf- und Kriegsgefangenen auf eine ungewöhnliche Art beseitigten. Sie setzten die Gefangenen auf verschiedene Felder eines riesigen Schachbretts und ließen Elefanten solange im Kreis laufen, bis den Tieren schwindelig wurde. Dann ließ man die Elefanten aufs Schachbrett, wo sie auf einen der Gefangenen fielen. Beim Volk soll diese Art der Hinrichtung angeblich sehr beliebt gewesen sein, es konnten sogar Wetten abgeschlossen werden, auf welches Feld der Elefant fällt. Dass RTLII eine entsprechende Show plant, ist derzeit noch nicht mehr als ein Gerücht.


 
 
 

5 Kommentare zu “Kunst der Stunde: Galerie Molter”

  1. Marko
    13. Januar 2008 um 19:46

    mein Junge will jetzt auch malen! mochte er bis heute gar nich, war ihm ein Grauen. Nun also auch Vorfreude auf den Kunstunterricht! … Vielen Dank liebe SchmalzundMarmeladler für diesen Beistand in Sachen Erziehung.

  2. thom*
    13. Januar 2008 um 20:28

    Immer wieder gern!

  3. Martin
    14. Januar 2008 um 13:59

    Ich muss mich nochmals recht herzlich bei euch für die schönen Gedanken zu den Bildern bedanken – kam bei der Veranstaltung gar nicht dazu. Schön, dass es Menschen gibt, die so toll mit Worten und Gedanken umgehen können – tiefe Verneigung! Und schöne Grüße und weiterhin toi, toi, toi…

  4. thom*
    14. Januar 2008 um 15:33

    Du hast diese Frühlese zu einer wunderschönen Veranstaltung gemacht. Ich habe hinterher von vielen Leuten gehört, dass sie es unglaublich faszinierend fanden, Dir bei der Arbeit zuzusehen. Insofern: Gern geschehen, sehr gern geschehen, danke für die freundlichen Worte und Deine Aktion gestern.

  5. ivalo
    14. Januar 2008 um 16:32

    Ebenfalls vielen Dank. Und ich habe bereits lobende Stimmen zu Deiner Geschichte gehört ;-)

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