Frau nadine las: Minutentext

Vernissage

“Noch eine Minute” sagte er zu ihr, als sie den Lippenstift zur Seite legte, sich noch einmal eine Haarsträhne hinterm Ohr zurechtzupfte und den perfekten Sitz der Spange prüfte. “Noch eine Minute, dann ist das Taxi wieder weg, weil der Typ denkt, wir verarschen ihn. Und wir kommen zu spät. Er hupt schon.” Er ging ans Fenster, um dem Taxifahrer zu winken, doch der sah nicht hoch. – “Dann kommen wir eben zu spät.”, sagte sie. “Die Dinger hängen auch morgen noch.“ Er blickte nervös auf seine Armbanduhr. “Du verstehst das nicht.”, sagte er und ging aus der Tür ohne sich umzudrehen. Sie nahm ihren Mantel und folgte ihm. “Doch,” sagte sie, “natürlich verstehe ich: wir stehen da rum und du willst nicht zu spät kommen, um mit all den wichtigen Menschen zu reden, Hände zu schütteln und Smalltalk zu machen.” Sie stiegen ins Taxi. Der Fahrer blickte grimmig in den Rückspiegel: “Dacht’ schon…”, murmelte der Fahrer. “Zur Kunsthalle”, sagte er nach vorn und tippte dem Fahrer leicht auf die Schulter. Er wusste, wen er dort alles treffen wollte. “Ich möchte ganz einfach nicht zu spät kommen.”
“Es ist Kunst.“, sagte er. – Sie hasste Ausstellungseröffnungen.
“Es ist eitel.“, sagte sie.


 
 
 

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