Advent: Frau jules las

Emma und Geschenke, Baum und Weihnachtsbraten

Emma

Sauber in Holz gekantet, aus Metall und in der Form eines Engels ohne Flügel bin ich. Ich kann nur immer warten, weg kann ich nicht. Wenn Weihnachten ist, kann ich mehr, seit Emma auf meiner Höhe ist. Das ist sie, wenn sie die Zehen streckt. Sie streckt die Zehen um mit den Augen hundertzwanzig Zentimeter über dem Boden, auf meiner Höhe zu sein. Denn wenn am Abend zuvor das Holz mit einem dumpfen Klack in den Rahmen fällt und die Eltern Emma zu Bett bringen zuvor mit einem leisen „Einmal schlafen nur noch“ und einem zarten Kuss auf die Stirn, ist für Emma lange nicht Schluss. Bevor das Wohnzimmer hinterm Holz nach dem dumpfen Klack verschwindet, sind es die Eltern die vom Kinderzimmer durch den Spalt der Tür nicht mehr zu sehen sind.

Leise, sehr leise tapst Emma zur Wohnzimmertür. Ihre Füße sinken mit jedem Schritt langsam in den weichen Teppich. Ihr Hemd schleift auf dem Boden. Ihr Hemd ist zu groß. Das Stört Emma nicht. Was Emma stört ist Unwissenheit am Abend zuvor. Sie streicht sich ihre Haare weg und presst ihr Ohr an das Holz. Sie streckt die Zehen um mit den Augen hundertzwanzig Zentimeter über dem Boden, auf meiner Höhe nämlich, zu sein. Ein Blick. Einblick. Sauber in Holz gekantet, aus Metall und in der Form ein Engels ohne Flügel bin ich die einzige Möglichkeit Emmas Unwissenheit zu verwischen. Emma. Ein Blick. Einblick. Emma ist blass. Emma überlegt. Emmas Stirn legt sich in Falten. Leise, sehr leise tapst Emma ins Kinderzimmer. Ihre Füße sinken mit jedem Schritt langsam in den weichen Teppich. Ihr Hemd schleift auf dem Boden. Ihr Hemd ist zu groß. Das stört Emma nicht. Was Emma stört ist Unwissenheit am Abend zuvor. Die Kinderzimmertür fällt mit einem dumpfen Klack in den Rahmen. Der Flur bleibt dunkel. Bis die Eltern alle Geschenke für Emma und sich, die Familie verpackt und mit Namen versehen haben, müde sind und prall voll mit weihnachtlicher Sinnlichkeit ihr Schlafzimmer begehen. Der Flur bleibt dunkel, bis in den Morgen, als Emma Frühstück macht, Brötchen aufbäckt, jeden der drei Plätze mit einem Schokoladenweihnachtsmann besieht, Mandarinen pellt und Marmelade auftischt. Mir gegenüber in der Küche. Emma kocht Tee. Es der 24. Dezember. Emma kocht Tee. Die Eltern entkriechen verknautscht ihrem Schlafzimmer, setzen sich mit sonntäglicher Ruhe an den Küchentisch. Worauf ich Emma sagen höre: „Guten Morgen. Fröhliche Weihnachten. Wisst ihr was? Zuerst war ich…ein wenig traurig und dachte irgendwie…, aber wisst ihr? Ich finde es gut das ihr dem Weihnachtsmann helft, wo er so viel zu tun hat.“

Geschenke, Baum und Weihnachtsbraten

Die Familie verziert gemeinsam und stolz den großen Christbaum, der zuvor auf dem Balkon ruhte und jetzt mit einem Platz in der weihnachtich christlich behellten Stube besehen wird. Süßigkeiten, getrocknete Orangen, Strohsterne und zierliche tiefrote Kerzen wollen mit Sorgfalt und Liebe und Gleichmäßigkeit von Kinderhänden platziert werden. Die Großen helfen beherzt und man lauscht gemeinsam Frank Schöbel im Plattenspieler.

Sie lauert im Klüngel mit ihren gierigen Mäulern hinterm beschlagenen Doppelglas in der Küche und lechzt nach ranzigen Fett, nach braunschwarzer Kruste, die knirscht und kracht und bricht zwischen den tropfenden Zähnen, giert nach dem gegarten knochiget n Federvieh welches sie zuvor auf dem Markt gekauft, mit triefiger Suppe dazu und darüber.

Die Familie erwartet mit sehnsüchtger Freude und schillernden Augen den zarten goldbraunen Braten in süßlicher goldgelber Soße am weihnachtlich christich bekränzten Tisch in der weihnachtlich christlich behellten Stube in feiner Besinnung, auch die fleißige Köchin, die seit Tagen sich schon ein fürstliches Festmahl zu kredenzen bemüht.

Die Familie wickelt mit Sorgfalt die mühevoll verzierten Päckchen aus, die mit Namen versehen und mit Nüsschen und Bonbon und allerlei zauberhaftem Schmuck behangen jedem gerecht in die Hände gereicht werden. Man freut und lacht und bedankt sich, umarmt und segnet einander. Die Kinder spielen beherzt mit dem neuen Bären, der Puppe und dem kiefernen Menschärgerdichnicht unter dem strahlenden Baum, Eltern und Großeltern, Tanten und Onkel stöbern in neuen Büchern, stellen eine Armbanduhr lassen Brandy in birnenförmigen Gläsern klirren.

Sie reißen das Papier runter, schupsen und drängeln um den kahlen Baum, denn jeder will seins möglichst schnell und allein. Wieder hält eine jeder Gerümpel und Schrott den keiner will in den Händen, was falsch und zu groß und zu klein und zu doof oder übel gegen den eigenen Sinn geht. Man versucht ein Lächeln, ein knarrendes Danke, sodass keiner ahnt was nicht gefällt. Die Kinder plärren und beschimpfen einander zwischen i-phone und Action Man, wer mehr oder gar das Schönste abkriegt muss Nüsse mit Schale schlucken und für den Nachtisch zahlen. Eltern und Großeltern, Tanten und Onkel beschwören Rache und dieses als das letzte Mal Weihnachten, Gerümpel und Schrott unterm Sofa verscharrend, und im Suff im Plüsch versinkend.

Im engen Wohnzimmer kratzt ein gelber Plastestern mit abblätterndem Lack an der Decke. Die kreischenden Kinder interessieren sich nicht, rangeln, hören laut die Weihnachtsschlümpfe. Klebrige Süßigkeiten bammeln an dünnen Fäden und die viel zu vielen Kugeln spiegeln die gierigen Fratzen in grellem bunten elektronischem Licht. Der Baum war einer der Letzten, ist grau, ist krumm und kahl, und wegen des vielen Gedöns schleifen und streifen die unteren Äste die kalten weißen Fliesen, hastig und lieblos verziert und zuvor aus dem Keller hervorgezerrt.


 
 
 

3 Kommentare zu “Advent: Frau jules las”

  1. Frieder
    12. Dezember 2007 um 17:45

    Guten Abend,

    ich kam Ahnungslos auf Schmalzundmarmelade.de und dachte mir so: “Schreib ich Euch mal eine E-Mail, und frage nach den gelesenen Geschichten.” Und siehe da, brauche ich sie nur noch zu drucken.

    Die Adventslese war Wunderbar. Ihr habt sehr gute Werke geschrieben und diese genial präsentiert.

    Es grüßt Euch

  2. Frieder
    12. Dezember 2007 um 17:46

    …Frieder

  3. thom*
    13. Dezember 2007 um 22:42

    Ja, das ist ganz einfach bei uns ;-)

    Danke!

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