Advent: jati las

Zuhause beim Weihnachtsmann und Klimakiller Weihnachtsfest

Zuhause beim Weihnachtsmann

„Ich bin wieder da-ha!“ rief der Weihnachtsmann gut gelaunt und ließ die Tür seines Hauses geräuschvoll hinter sich ins Schloss fallen. Kalt war es draußen und voller Schnee. Kein Wunder: Bekanntlich wohnt der Weihnachtsmann am Nordpol.

„Schuhe aus! Ich habe gerade frisch gewischt“, schallte es durch die geschlossene Küchentür zurück. Große Dinge schienen dahinter vollbracht zu werden. Es brummte, klapperte und zischte in einer Tour. Die Tür öffnete sich einen spaltbreit und der Osterhase schaute heraus. „Wo kommst Du jetzt erst her? Das Essen ist seit einer halben Stunde fertig!“ rief er durch den Flur zum Weihnachtsmann, der in voller Montur und ein wenig perplex im Eingang stand. Der Osterhase schaute kurz auf die kleine, schmutzige Pfütze, die geschmolzener Schnee bereits unter den schweren Schuhen des Weihnachtsmanns gebildet hatte. „Schuhe aus!“ rief der Osterhase noch, dann zischte es im Raum hinter ihm, sein Kopf verschwand aus der Tür, die klappte zu und der Weihnachtsmann hörte den Hasen wild herumhoppeln und undeutliche Flüche ausstoßen. Der Weihnachtsmann seufzte. „Schön, wieder zu Hause zu sein“, murmelte er in seinen Bart und zog die Schuhe aus, versuchte den Mantel so ordentlich er konnte an die Flurgarderobe zu hängen, um keinen weiteren Ärger zu provozieren. „Und häng Deinen nassen Mantel nicht wieder an die Garderobe“, rief ihm der Osterhase durch die geschlossene Küchentür zu. „Sonst stinkt wieder alles nach Rentier!“

***

Bald darauf saßen sie am Esstisch im Wohnzimmer und aßen schweigend. Im Kamin knisterte ein Feuer. Mit einem großen Löffel schaufelte sich der Weihnachtsmann das dampfende Gericht in den Mund und zerkaute es schnell und schmatzend. Der Osterhase schaute kurz auf und knabberte dann weiter an einer Möhre.

„Ich habe große Fortschritte gemacht“, sagte der Weihnachtsmann und löffelte weiter gierig das Essen in den bärtigen Mund. „Aha“, sagte der Osterhase. „Ja“, sagte der Weihnachtsmann euphorisch. „Ich habe einen Weg gefunden, Geschenke mit einer zwei Prozent höheren Effektivität einzupacken. Man muss nur…“ „Hast Du dabei zufällig einen Weg gefunden, Deine Sachen mal selbst wegzuräumen?“ unterbrach der Osterhase und schaute den Weihnachtsmann direkt an. Der geriet gedanklich vollkommen aus dem Tritt. „Was?“ brachte er gerade noch hervor.

„Du glaubst gar nicht, wo ich Deine Socken und Unterhosen heute überall gefunden habe“, sagte der Ostserhase und guckte. „Oh. Äh. Wo denn?“ fragte der Weihnachtsmann in einem etwas unbeholfenen Versuch, Interesse zu signalisieren. „Überall!“ warf der Osterhase zurück. „Überall!“ wiederholte er und guckte.

Bevor der Weihnachtsmann irgendetwas antworten konnte, fuhr der Hase fort: „Ich habe versucht, aus diesem Haus, in dem wir ja angeblich gemeinsam wohnen, wieder etwas zu machen, in dem man sich wohlfühlt.“ An der Haltung der Hasenohren erkannte der Weihnachtsmann, dass der Abend keine gute Wendung nehmen würde. „Ich habe aufgeräumt und gewischt. Ich habe Wäsche gewaschen. Ich habe das Wohnzimmer hergerichtet.“ Stimmt, dachte der Weihnachtsmann. Jetzt sah er es auch. Das Wohnzimmer war geschmückt. Es sah weihnachtlich aus. Er versuchte davon abzulenken, dass er das alles nicht bemerkt hatte und sagte: „Ja und Du hast den Kamin angemacht. Das finde ich sehr schön.“ „Ja und was meinst Du, wie lange ich gebraucht habe, bis ich den Kamin sauber hatte?! Hattest Du nicht gesagt, das würdest Du machen? Das sei Deine Aufgabe? ‚Natürlich‘ würdest Du das tun? Ich bräuchte mir da keine Gedanken zu machen? Hattest Du das nicht gesagt?!“ Der Osterhase hatte sich in Rage geredet. Die Ohren hingen links und rechts am Kopf herunter und seine Augen glühten. „Ich konnte es noch nicht, ich war doch den ganzen Tag im Büro…“, begann der Weihnachtsmann. „Eben!“ rief der Osterhase triumphierend. „Eben!“ wiederholte er. „Du bist den ganzen Tag im Büro. Von morgens bis abends. Und ich bin hier mit allem allein. Und dann soll ich mir abends noch anhören, dass Du Deine Geschenke jetzt fünf Prozent schneller verpacken kannst?!“ ereiferte sich der Osterhase. „Zwei Prozent“, korrigierte der Weihnachtsmann geistesabwesend, wollte eigentlich noch etwas anderes sagen, aber da war der Osterhase schon aufgesprungen, aus dem Zimmer gehoppelt und hatte die Tür hinter sich ins Schloss fallen lassen. Der Weihnachtsmann lehnte sich zurück, massierte seine Augen mit der rechten Hand und dachte: Dieser Abend wird kein gutes Ende nehmen.

***

Später saßen sie in ihren Sesseln und sahen dem Feuer zu. Sie schwiegen. Aus dem Augenwinkel sah der Weihnachtsmann, dass die Ohren des Hasen noch immer nach unten hingen. Er überlegte, was er sagen könnte. In einer solchen Situation musste er sehr behutsam vorgehen. Das wusste er. Nur kannte er sich damit leider trotzdem überhaupt nicht aus.

„Was ähm…“, begann der Weihnachtsmann vorsichtig und räusperte sich. Der Osterhase sah ihn feindselig an, was ihn weiter verunsicherte. „Was… hast Du denn heute so gemacht?“ fragte er schließlich schwach. „Was ich heute gemacht habe?“ fragte der Osterhase spöttisch zurück. „Da muss ich erst einmal überlegen. Diese Frage ist so ungewohnt, da habe ich jetzt gar keine Antwort drauf.“ Er tat so, als überlege er. „Mh. Ja, was habe ich eigentlich gemacht? Eigentlich nichts! Ist doch sowieso egal, was ich mache! Es interessiert Dich ja überhaupt nicht!“

Verdammt, dachte der Weihnachtsmann. Warum bekomme ich es nie hin, in solchen Momenten irgendetwas Versöhnliches zu sagen? Er versuchte die Wogen zu glätten. „Ja, aber jetzt bin ich doch da und höre Dir zu. Ich möchte es wirklich wissen“, sagte er und versuchte auf eine Art und Weise zu gucken, die nicht im Widerspruch zu dem stand, was er gerade gesagt hatte. Aber der Osterhase schüttelte nur den Kopf. „Ach, jetzt hast Du Zeit, ja? Das ist aber schön für Dich.“ Und nach einer kleinen Pause sagte der Hase enttäuscht und wütend zugleich: „Du verstehst es wirklich nicht, was?“ – „Was verstehe ich nicht?“ fragte der Weihnachtsmann verwirrt. – „Siehst Du! Das meine ich!“ rief der Osterhase. „Das meine ich!“ wiederholte er und schüttelte den Kopf. Seine hängenden Ohren schlackerten vor und zurück. Bevor der Weihnachtsmann seine herumschwirrenden Gedanken im Kopf einfangen konnte, fuhr der Osterhase fort: „Ich verlange doch gar nicht so viel. Ich will doch überhaupt nicht, dass Du mir so wahnsinnig viel hilfst. Mir reicht doch schon ein Signal, ein Zeichen, irgendetwas, damit ich weiß, dass ich Dir nicht vollkommen egal bin.“ Der Osterhase schluchzte leise.

Gerade als der Weihnachtsmann den Mut gefasst hatte, um aufzustehen und zu ihm zu gehen, rief der ihm entgegen: „Und mit den Eiern hast Du mich auch vollkommen allein gelassen!“ Der Weihnachtsmann sackte im Sessel zurück. „Mit den Eiern?“ fragte er hilflos und setzte hinzu: „Mit welchen Eiern?“ Zornig sah ihn der Osterhase an. „Du weißt es nicht einmal mehr, wie Du mich mit allem allein gelassen hast! Alle diese Eier musste ich bemalen! Ich musste sie verstecken! Ich musste die Schokohasen-Produktion überwachen! Und Du? Wo warst Du, als ich Dich so dringend gebraucht hätte?!“

Der Weihnachtsmann überlegte: Ja, wo war er denn gewesen, letztes Ostern? Da fiel es ihm wieder ein: Sein Rentier Rudolf war krank geworden. „Ja, aber da konnte ich doch nicht anders“, versuchte er sich zu rechtfertigen. „Rudolf…“ „Ja, Rudolf! Rudolf! Wenn Rudolf irgendwas hat, dann bist Du sofort da! Aber was mit mir passiert, ist Dir vollkommen egal! Ist es das, was Du Dir unter einer Partnerschaft vorstellst? Ist es das? Deine Vorstellung von Partnerschaft? Dass jeder seins macht und den anderen alleine lässt?“

Der Weihnachtsmann wusste, dass er ruhig bleiben sollte. Aber diese Frage ärgerte ihn. Natürlich war das nicht seine Vorstellung von Partnerschaft! „Natürlich ist das nicht meine Vorstellung von Partnerschaft“, sagte er ein wenig lauter, als er eigentlich wollte. „Meine Vorstellung von Partnerschaft ist es aber auch nicht, dass ich überhaupt nie darüber sprechen kann, was bei mir auf Arbeit passiert.“ So, jetzt hatte er es gesagt.

Verdattert starrte der Osterhase ihn an. Dann hoppelte er schluchzend aus dem Zimmer. Der Weihnachtsmann blieb sitzen. Wütend und verwirrt starrte er ins knisternde Feuer. Er ärgerte sich über den Osterhasen mit seinen Vorwürfen. Er ärgerte sich über sich selbst und dass er wieder laut geworden war. Er ärgerte sich, dass das alles jetzt passierte, so kurz vor Weihnachten, wo er doch nun wirklich schon genug Stress hatte. Er beobachtete das Feuer im Kamin und ärgerte sich. Die Flammen umspielten das Holz. Mit der Zeit wurden sie kleiner. Ein Glimmen blieb zuletzt. Dann verschwand auch das und ließ verkohltes Holz und Asche zurück.

***

Die Nacht auf der Couch war für den Weihnachtsmann nicht sehr bequem gewesen. Mühsam war er aufgestanden und zur Arbeit gefahren. Als er abends zurückkam, war eine seltsam ruhige Stimmung im Haus. Seine Stiefel hatte er draußen ausgezogen und sie vorsichtig auf die Lage Zeitungspapier gestellt, die im Flur bereitlag. Seinen Mantel hatte er zum Trocknen im Hauswirtschaftsraum aufgehängt. Nun ging er mit einem Geschenk in der Hand vorsichtig durch den Flur, als könne jederzeit überraschend ein hungriger Eisbär über ihn herfallen. In der Küche war niemand, aber es war alles blitzeblank aufgeräumt. Und es roch nach Keksen. Er ging weiter zum Wohnzimmer. Sacht öffnete er die Tür. „Oh, Du bist ja schon da!“ rief der Osterhase, hüpfte aus seinem Sessel und kam auf ihn zu. Verunsichert blieb der Weihnachtsmann in der Tür stehen. Auch der Osterhase hielt jetzt inne, vielleicht zwei Meter entfernt. Verschämt und unsicher standen sie da. Dann trafen sich ihre Blicke. Sie mussten lachen, weil sie sich so kindisch verhielten. „Ist das für mich?“ fragte der Osterhase und zeigte auf das Geschenk, das der Weihnachtsmann noch immer in Händen hielt. „Ja, habe ich Dir mitgebracht.“ sagte er. „Ich habe ganz viel an Dich gedacht.“ setzte er hinzu. „Ach, Du!“ wehrte der Osterhase ab. „Das brauchst Du doch nicht.“

Klimakiller Weihnachtsfest

Es reden doch jetzt alle über Zeh-Oh-Zwei. An das Ozonloch haben wir uns längst gewöhnt. Feinstaub ist gerade nicht mehr en vogue. Aber Treibhausgase sind der Hit.

Ich frage mich allerdings, warum wir trotzdem Weihnachten feiern. Unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes ist dieses Fest beim besten Willen nicht mehr zu verantworten.

Sie glauben es nicht? Dabei liegt es auf der Hand.

Es beginnt damit, dass wir uns einen Baum abholzen und zum Sterben ins Wohnzimmer stellen. Damit wir nicht darüber nachdenken müssen, dass dieser Baum nun kein CO2 mehr aus der Atmosphäre entnehmen kann, behängen wir ihn mit schachtelweise Kram, der unter ungeheurem Aufwand von Energie hergestellt wurde und zum Teil nach dem Fest einfach in den Müll wandert, wo er seine eigentliche Bestimmung findet.

Den Baum behängen wir zusätzlich mit einer Lichterkette. Ebenso schmücken wir das Fenster mit Lichtern. Eventuell sogar das Haus. Der Stromzähler dreht, die Kohlekraftwerke qualmen, das Klima geht den Bach runter. Dafür sieht’s in der guten Stube dann hübsch kuschlig aus und die Nachbarn sind neidisch, weil’s nebenan so viel weihnachtlicher zugeht als bei ihnen. Im nächsten Jahr haben sie die größere Lichterkette, das steht fest.

In den Wochen vor den Feiertagen kaufen wir haufenweise Dinge, die sonstwo in der Welt hergestellt wurden – meistens inzwischen in China, würde ich mal schätzen. Dieses in der Regel unnütze Zeug ist gemeinsam mit seinem dazugehörigen Verpackungsmüll quer über den Globus verschifft worden, damit wir es schließlich fürs Fest noch ein weiteres Mal einpacken und unter den sterbenden Baum mit seiner glühenden Lichterkette legen.

Unsere Einkäufe erledigen wir natürlich mit dem Auto. Klar. Dafür haben wir’s ja.

Nach dem gut geplanten weihnachtlichen Großeinkauf fahren wir regelmäßig erneut los, um dann alles das „noch schnell“ zu holen, was wir beim ersten Durchgang vergessen hatten. Und danach fährt „Vattern“ nochmal los, weil das Schmalz nicht für den Rotkohl reicht oder die Butter nicht für den Kuchen oder für die Kekse keine gemahlenen Haselnüsse im Haus sind. Er düst leise brummend los und packt das Plastiktütchen hinterher wortlos auf den Küchentisch, wo es vergessen wird.

Apropos Kochen: Es wird massenhaft gekocht zu Weihnachten. Alle Herdplatten glühen. Der Ofen geht gar nicht wieder aus, Braten wechseln sich mit Plätzchen ab, dann die Pizza für den Sohn, dem das alles auf den Geist geht und der sich genervt in sein Zimmer zurückzieht. Die Mikrowelle wird gebraucht, um alles das schnell aufzutauen, was im übervollen Gefrierschrank vergessen wurde, der ebenso wie der Kühlschrank auf höchster Stufe läuft.

Während der Feiertage steigt dann die gesamte Republik in ihre Autos, um woanders hinzufahren. Im Grunde ist Weihnachten ein Straßenfest, aber das sagt keiner, weil das unromantisch wäre. Nicht umsonst ist aber “Driving home for Christmas” einer der Klassiker der modernen Weihnachtsmusik: Alle fühlen sich befleißigt, den sonst im Jahr doch recht bewährten Mittelpunkt des eigenen Lebens hinter sich zu lassen, und die Mittelpunkte anderer Leute aufzusuchen, deren sterbende Bäume und glühende Lichterketten zu bewundern, in Verpackungsmüll versteckte überflüssige Dinge aus China entgegenzunehmen und irrsinnig viel zu essen.

Nach dem Fest setzt dann der Umtauschstress ein. Manch einer packt den ganzen Kram auch einfach ins Auto und vergräbt die unliebsamen Geschenke im nächstgelegenen Wald. Bleibt nur zu hoffen, dass die Präsente nicht zurückkehren wie die Katze in Stephen Kings “Friedhof der Kuscheltiere”.

Alles in allem haben wir ein paar schöne Tage gehabt und der Klimakollaps ist wieder ein Stück näher gerückt. Aber mal ehrlich: Wenn die Welt untergeht, können wir doch wenigstens noch schön feiern. Auf der Titanic hat die Band ja auch bis zuletzt gespielt.


 
 
 

3 Kommentare zu “Advent: jati las”

  1. Danijati » Blog Archiv » Zuhause beim Weihnachtsmann
    12. Dezember 2007 um 23:23

    [...] Geschrieben für und gelesen bei “Schmalz und Marmelade: Advent, Advent” am 9. Dezember 2007 im Freischütz, Schwerin [...]

  2. Danijati » Blog Archiv » Klimakiller Weihnachtsfest
    12. Dezember 2007 um 23:25

    [...] Geschrieben für und gelesen bei “Schmalz und Marmelade: Advent, Advent” am 9. Dezember 2007 im Freischütz, Schwerin [...]

  3. Andersen
    15. Dezember 2007 um 07:10

    nur gelesen, und zwar hier und mit Begeisterung.

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