Advent: Herr ivalo las

Flöliche Weihnacht

und

Nicht mit mir!

Flöliche Weihnacht

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Nicht mit mir!

Diesmal nicht. Nicht mit mir. Ich mach da nich mehr mit. Ich bin raus, vergesst mich, nich mein Verein! Schluss aus.
Mitte August, gerade aus dem Urlaub zurück und im Supermarkt stehen Schokoladenweihnachtsmänner. Das ist ja noch völlig okay. Muss ich ja nicht angucken, gehe ich vorbei, nehm ich keine Notiz.
Kann ich: ich bin nämlich ein Mann. Ich kann meine Aufmerksamkeit fokussieren. Auf Käse. Oder auf ganz normale Schokolade. Zur Not auf die Lenkstange meines Einkaufswagens.
Und meine Mutter, die fragt mich immer Mitte Oktober: Junge, was wünscht Du Dir zu Weihnachten. Völlig okay! Ich sach dann, ach Mutter, weißichnochnich. Aber wenn ich was weiß sachiches. Zwei Wochen drauf: Geld auf meinem Konto. Ein lieber Weihnachtsgruß von Deiner Mutter! Sach ich gar nichts, find ich nicht schlimm. Völlig okay!
Schlimm wird’s sobald das erste „last Christmas“ im Supermarkt läuft, so geht das Übel nämlich los. Ende Oktober, garantiert. Keine zwei Tage später: „Heilige Nacht“. Da hört der Spaß bei mir auf. Auf Käse hören kann ich nämlich nicht.
Ich will noch ganz entspannt meine Novemberdepression genießen! Nix Heilige Nacht. Ich will auch keine Weihnachtsfilme, sehen, ne! Auch keine Weihnachtsfolgen von irgendwelchen Fernsehserien. Will ich nich! Auch nicht die Top 100 der besten Weihnachts-Pop-Songs kommentiert von allen deutschen Comedygrößen, die mal wieder ins Fernsehen müssen. Nicht mit mir. Weihnachtsmarkt bei 18° Außentemperatur, nicht mit mir. Da krieg ich Zimtallergie!
Boykott! Jawohl, das schreit nach Boykott! Krieg dem Vorweihnachtsterror.

Rote Zipfelmütze im Fernsehen: zack, umschalten! auch wenn Bart Simpson die trägt! Oropax in die Ohren, wenn ich die Mecklenburgstraße überqueren muss. Sobald Jingle Bells im Supermarkt läuft lasse ich meinen Einkaufskorb stehen und bin weg. Doch, da bin ich konsequent. Kann ich, ich bin ja ein Mann. Zwei Monate lang, wenn’s sein muss, wir haben Vorräte!

Wenn ich in meinem Stammitaliener sitze und am Nachbartisch wird gewichtelt, geh ich einfach raus. Kenn ich nix! Zahlen, gehen. Hab ja Vorräte!

Ich lasse frühestens am 24. einen Weihnachtsbaum in meine Wohnung. Wenn meine Frau mich losschickt einen zu kaufen simuliere ich auf der Stelle Wadenkrämpfe — und einen Hexenschuss. Kann ich, glaubhaft! Ich bin nämlich ein Mann!

Ich kenne inzwischen die besten bedudelungsfreien Schleichwege und Abkürzungen durch die Stadt. Mein Rekord ist in 17 Minuten mit dem Fahrrad vom Dom bis zum Capitol, ohne ein einziges Weihnachtslied. — Möwenburgstraße, sag ich nur! Und sollte aus einem Auto mit geöffnetem Fenster doch mal eins zu mir durchdringen, singe ich ganz laut „Wann wird es mal wieder richtig Sommer?“

Ich bin übrigens nicht der einzige, der das so sieht! Meinem Verein gegen den Vorweihnachtskommerzterror VG VW KT e.V. schließen sich immer mehr Menschen an. In Schwerin haben wir bereits 50.000 Mitglieder. Die stehen alle am Obotritenring und sammeln Unterschriften gegen den Weihnachtsmarkt vor dem 4. Advent und gegen sämtliche Weihnachtslieder in der Öffentlichkeit vor dem 1. Dezember. Listen liegen da drüben aus.

Seitdem muss ich allerdings noch weitere Umwege fahren. Ich müsste an jedem Infostand stehen bleiben. Das schaffe ich einfach nicht mehr. So viele motivierte Menschen, — meinetwegen — an denen kann ich doch nicht einfach vorbeigehen! Eine riesige Bewegung, die ich da losgetrampelt habe. Ich fühle mich schuldig! Man ist schließlich verantwortlich für seine Ideen und deren Folgen.

Der Trick mit dem Oropax und der Mecklenburgstraße klappt jetzt auch nicht mehr. Die Händler erkennen mich inzwischen alle. Ich hänge als Fahndungsfoto an jedem Stand. Sobald mich einer sieht gibt er Alarm und alle bewerfen mich mit Schmalzgebäck. Uäh!

Neuerdings habe ich immer diesen blöden amerikanischen Schlager „Good morning America, how are you?“ als Ohrwurm. Keine Ahnung woher ich den hab. Das gehört wohl zu den ungelösten Rätseln dieser Zeit!

Ich gehe jetzt auch kaum noch raus. — Vor meiner Haustür lauern Reporter und Kamerateams der nationalen und internationalen Presse.
Ich habe die Türen verschlossen und die Vorhänge heruntergelassen. Meine Frau schafft es manchmal noch, sich unerkannt rauszustehlen.
Aber: ich habe es geschafft! ich klopfe mir stolz auf die Schultern: ich hab es geschafft, bis zum Mittag des 24. Dezember nicht in Vorweihnachtsstimmung zu kommen. Dank meiner Konsequenz! Ich bestreiche den letzten Zwieback mit Honig, beiße in meine Essiggurke und schaue Zoogeschichten auf dem NDR.

Gleich kommen die Schwiegereltern. —- Schwiegereltern!

AAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHH!

15.00 Uhr, meine Frau legt mir den Einkaufszettel hin — jetzt ist Schluss mit lustig. Den Blick kenne ich. „Um 6 will ich das Essen fertig haben, und bring bitte noch einen Baum mit“, ruft sie mir hinterher.

Was wünscht sich Katrin eigentlich zu Weihnachten, überlege ich so beim Einkaufen. DVD mit Robin Williams? Oder war es eine CD von Robby Williams? Parfum! Den Mantel, den sie mir letztlich gezeigt hat? Harry Potter 7? Ich sollte ihr doch die Urlaubsbilder groß abziehen und einrahmen.

Hm, wie lange haben heute eigentlich die Geschäfte auf?

Im Supermarkt erstehe ich einen roten Umhang und kann so unbemerkt Geschenke kaufen. Glück gehabt!
Und der Weihnachtsmarkt hat sogar bis 18.00 Uhr auf.

Ich schmeiße meine Oropax weg und grabsche, was ich bekommen kann, geschmiedete Kerzenständer in Form von Orchestermusikern, Suppentüten in Jahresvorratsgröße, bunte Vogelhäuser, CDs mit Countrymusik und Tigerfellplüschhausschuhe. Ich überbiete einen Mann, der am Kerzenstand die letzte Kerze in Harry Potter Gestalt kaufen will. — Endlich ein Geschenk für Katrin. Ich tu alles in den großen Sack, der bei dem roten Umhang dabei war. So, Geschenke zusammen, ging doch!

Jetzt nur noch den Tannenbaum. Prompt werde von 15 Kindern umlagert, die mich für den Weihnachtsmann vom Schlossparkcenter halten. Ich kann sie doch jetzt nicht enttäuschen? Also gebe ich ihnen alles was ich habe. Harry Potter scheint schon wieder out zu sein. Zumindest bei dieser modesensiblen Gruppe Jungkonsumenten. Na Katrin wird sie schon noch gefallen.

Zur Sicherheit gehe ich auf dem Nachhauseweg an einer Tankstelle vorbei und kaufe das komplette Blumenlager leer. 2 ganze Sträuße. Besser als nichts. Beim Bezahlen erkennt mich der Tankwart und wirft mir einen alten Straßenatlas an den Kopf. Mann, ein echter Glückstag, für meinen Schwiegervater hatte ich nämlich noch nichts!
Ich lege den Atlas und die Blumen einzeln eingepackt unter den Weihnachtsbaum und verspeise genussvoll eine ganze Packung Dominosteine.
Sehe ich bekomme kein Geschenk. „No, wir ham von Deinor dollen Aktion in dor Leipzscher Zeitung gelesen, do konnd ma doch nicht“ … „schon gut.“ Meine Frau grinst. Ich glaube sie rächt sich gerade ganz gewaltig. Ich denke: mir doch egal. Öffne noch eine Packung Dominosteine. Esse alle innerhalb von 5 Minuten auf. Das kann ich, ich bin nämlich ein Mann.


 
 
 

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