Großes Kino: Herr Ivalo las

Das Mädchen mit dem roten Reiterhut

Da liegt es endlich vor uns: Los Angeles, die tobende Metropole an der Westküste Amerikas, dem gelobten Land, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Stadt mit seinen Bars, Saloons und Kaschemmen, gefüllt mit Menschen, Gestrandeten, so wie wir, die der Welt etwas zu erzählen haben.
Es ist der 85. Tag unserer langen und beschwerlichen Reise. Mittwoch, der 11. November 1807, ich gehe mit Jakob direkt in den ersten besten Schuppen, dort wird man uns weiterhelfen können.
„Entschuldigung, wo finden wir denn die Warner-Brüder?“ fragte ich den, der mir unter den verlorenen Seelen am wenigsten jämmerlich scheint. „Ha-ha, habt Ihr das gehört?“ Seine Stimme, tief wie ein Kontrabass, brachte unsere Unterleiber zum zittern. Er hätte uns stattdessen auch in den Magen boxen können und damit das gleiche bewirkt. Der Barkeeper, eine Lady und zwei Gestalten, die ihre zotteligen Bärte in ihre Whiskey-Gläsern tauchten, sahen kurz auf. „Die beiden komischen Gestalten mit dem komischen Akzent wollen zu den Warners!“ Und zu uns gerichtet: „Neu im Westen?“ „Aus Deutschland.“ wollte ich sagen, doch Jakob stieß mir in die Seite. Es gibt Momente, da ist es für einen Mann einfach besser zu schweigen. „Viele vor Euch wollten zu den Warners und einige sind da drüber gelandet.“ sagte der Mann und deutete auf die Gestalten an der Theke. Ein Grummeln hörte man aus ihrer Ecke. „Na, probiert Euer Glück, die haben ihren Schuppen drüben am Stechpalmenwald.“
So zogen wir also zum Stechpalmenwald, bereit uns teuer zu verkaufen, denn was wir wert waren, das wussten wir ganz genau. Sämtliche Theater in Wien und Berlin, in London und Paris würden unsere Story mit Kusshand nehmen und Operetten und Theaterstücke draus machen. Doch seit wir von der Erfindung der Warner-Brüder gehört hatten waren wir wie versessen. Wir wollten unseren Stoff in die Lichtspielhäuser des Westens bringen.
Der Wald bestand aus genau 5 kargen Palmenbüschen und der Ort, wenn man es denn so nennen konnte, bestand aus einem Bürogebäude und einem Holzschuppen, nicht größer als der Lagerschuppen der Universität Göttingen.
Dennoch war in Lettern, von denen jeder einzelne so groß war, wie eine Kutsche ein Schriftzug an die Hütte angebracht.
„Time-Warner, AOL, World Wide Media Enterprises“
Einige Minuten blieben wir ehrfürchtig stehen. Die heilige Hallen der Warner Brüder. Mutig, wie zwei, die nur gewinnen können und nichts zu verlieren haben klopften wir an. Vier Männer saßen im Innern, jeder hinter einem Schreibtisch, die Beine gekreuzt, die Stiefel auf dem Tisch, den Hut tief ins Gesicht gezogen, Kautabak kauend.
„Guten Tag, äh, wir kommen aus Deutschland. Wir möchten Ihnen gern eine Geschichte anbieten, für einen Film. Sie handelt von einem Mädchen, das seine Großmutter besuchen will. Unterwegs wird sie von einem Wolf gefressen, aber wieder gerettet. Hier ist das Skript.“ Ich legte die Seiten auf den Schreibtisches des Mannes, der zuerst reagierte. Er nahm es tatsächlich in die Hand und las es vom Anfang bis zum Ende.
Wir standen die ganze Zeit wir angewurzelt stehen.

„Whot?“ Sagte er endlich.
„Ein Mädchen mit einem rotem Hut besucht ihre Oma? Das soll eine tragende Story sein? Da muss ich mindestens 10.000 $ Produktionskosten für Special Effects reinstecken? Soviel hat mich noch nie ein Film gekostet! No way! Go home you two German bastards! Euer Skript ist Bullshit“

Wir zogen enttäuscht doch nicht mutlos ab. Wir wollten nicht aufgeben und wussten, was wir zu tun hatten. Wir gingen direkt in den Saloon in Los Angeles und trafen den Kauz, der uns den Weg zu den Warners verriet.

Wissend war sein Grinsen, als er uns sah. Er streckt uns seine Hand entgegen und deutete zum Tresen. Jakob brachte drei Whiskey und ich gab dem armen Teufel unser Skript.
„Ein Mädchen mit einem roten Hut, … nicht schlecht“ murmelte er in seine Zigarette, da lässt sich was draus machen. 30 $!“ Wir holten noch eine Runde Whiskey und besiegelten unseren Vertrag. Der Saloon wurde für die nächsten drei Tage unser zuhause. Jakob holte seine Reiseschreibmaschine heraus und tippte alles gleich mit.
„Erstmal,“ begann Steven, so hieß unser Kauz, „braucht Ihr einen guten Namen, am besten etwas reißerisches, darauf stehen die Warners, mal überlegen: Angstschweiß am Waldrand! Ne! Es muss ein Titel sein, der die Leute aus dem Sessel reißt: Rotkäppchen und der böse Wolf, völliger Quatsch, es braucht einen Hauch von Abenteuer und Gefahr und etwas, womit die Menschen sich identifizieren können: also: das Mädchen mit dem roten Reiterhut – hä, Pferde!? – und die wilde Bestie! wirst sehen, das reißt viel mehr. Ein Wolf ist viel zu niedlich. Okay und jetzt der PLOT, wir brauchen PLOT: hm, Kuchen und Wein zur Oma, Wein ist gut, Kuchen, Kuchen, wie wär’s mit Schokokeksen, das kennt man hier eher und Feuerwasser, lieber Feuerwasser dann haben wir gleich einen ethnischen Konflikt, das zieht Publikum! Also das Mädchen mit dem roten Reiterhut geht los, in den Wald? sie muss in die Wüste! da kann sie von dem Feuerwasser trinken, dann phantasiert sie und man weiß nicht, ob das Monster, also ich nenn es jetzt mal Monster, nicht nur eine Phantasie ist, das ist herrlich psychedelisch, da stehen die Leute zur Zeit drauf! Und wir haben eine große antagonistische Kraft mit viel Phantasiepotential! Passt auf: sie glaubt, dass sie phantasiert, dann sieht sie aber ein echtes Raumschiff hinter einem Sandhügel. Die Aliens sehen natürlich aus wie Wölfe, weil sie die Gestalt dessen annehmen was ihre Opfer am meisten fürchten. Hat die Mutter sie nicht vor dem Wolf gewarnt?
Okay weiter, Jäger, völliger Quatsch, wir nehmen einen Sheriff, so ne klassische Gutfigur, eine Art Mentor, besser ein Über-Ich im Sinne der Archetypen, der das bisher sehr schwache protagonistische Moment des Mädchens unterstützt. Der reitet einmal pro Woche Patroullie beim der Großmutter vorbei, sie hat den verlassenen Saloon, weit draußen, klar ne!
Der Sheriff sieht, wie die Aliens das Mädchen gerade aussaugen, da dreht sein Gaul durch, symbolisch als Verstärkung für die zweite initiierende Tat, ein geniales Stilmittel! und wirft ihn ab, die Indianer, die dem Mädchen auflauern, weil sei ihr das Feuerwasser abluchsen wollen, fesseln die Aliens und binden sie an den Materpfahl. Für sie sind es Bleichgesichter, Soldaten, Nordstaatler, Yankees, ha-ha-ha! Sie nehmen ja jede Gestalt an, versteht ihr? Dann haben wir auch das Problem gelöst, dass man heutzutage noch keine Aliens kennt, das Publikum könnte ja noch gar nichts damit anfangen, fehlender Assoziationsraum, andere Sehgewohnheiten, hm: vielleicht lassen wir die Aliens lieber in Kutschen kommen oder mit der Eisenbahn, als zeitkritische Andeutung mit aktueller politischer Relevanz, das wird ganz groß! Der Sheriff hört also das Mädchen im Magen der Aliens schreien und weiß, sie lebt! Er klaut das Sauggerät, das die Aliens, als sie von den Indianern überfallen wurden unaufmerksam liegengelassen haben und bohrt es ihnen von hinten, wie sie so am Materpfahl stehen in den Körper. Das Mädchen mit dem roten Reiterhut materialisiert sich augenblicklich und die Aliens stoßen qualvolle Laute in den Himmel, der auf der Stelle knalldunkel wird und blitzt. Gewitter. Höhepunkt des dritten Aktes, klar, oder? Die Großmutter kommt überglücklich und umarmt ihr Enkelkind und alle feiern, doch urplötzlich kommt aus einer Nebelwolke: der schwarze Reiter. Der Erzfeind des Sheriffs. Ne, warte, schwarz wäre zu banal, der grüne Reiter! Rot-Grün, ha-ha, genial! Der Reiter könnte ebenfalls ein Alien sein, da jetzt der Sheriff seine Vision hat! Das lassen wir aber nur angedeutet. Goldener Schnitt der Erklärungstiefe und so. Es kommt zum Duell, jetzt wieder unter gleißender Sonne. Nahaufnahme Sheriff, Nahaufnahme grüner Reiter, hinter einem Holzzaun: die Indianer, die Großmutter und das Mädchen. Keiner traut sich auch nur einen Laut von sich zu geben und dann: ein Schuss – wer ist getroffen – unendliche Spannung – ein jaulendes Wimmern und wieder Blitze am Himmel, ha-ha-ha. Jetzt: ein Schwenk: der grüne Reiter liegt am Boden. Der Sheriff nimmt seinen Stern und legt ihn auf den Toten. Ja, das ist eine feine, unerwartete Wendung und verstärkt die Person des Sheriffs. Er murmelt etwas unverständliches und reitet in die untergehende Sonne, jetzt muss einfach Sonnenuntergang sein, dramaturgisch völlig glaubwürdig. Die Indianer, die Großmutter und das Mädchen mit dem roten Reiterhut tanzen um ein Lagerfeuer und feiern was das Zeug hält. Die Kamera schwenkt weg, jetzt kommt noch ein Tag, also ein Ende nach dem Ende, passt auf: man sieht hinter einer dunklen Gewitterwolke zwei Lichtpunkte hervorschauen, kurz näher kommen und wieder verschwinden: Schluss. Das ist ein perfekter Cliffhänger und lässt die Option offen für ein Sequel.“

Jakob und ich standen verdutzt einige Minuten schweigend auf unserem Fleck. Der Mann grinste uns an. „Beverly, bring uns Whiskey“, sagte er. „Und grüßt die Warner Jungs vom alten Steven!“ Unverständlich brummte er noch etwas hinterher wie „Oscar ist fällig!“

„Das Mädchen mit dem roten Reiterhut und die böse Bestie“. Dass die Warner Brüder schnell überzeugt waren und alle großen Lichtspielhäuser an der West- und Ostküste einen Riesenerfolg einspielten muss ich ja wohl nicht mehr sagen.
Von unserem Anteil wollen wir jetzt das erste Kino in Göttingen bauen. 1811 wird es fertig gestellt. „Frogger – der König des Teiches“ ist dann abgedreht und Steven überarbeitet gerade „Hinter den sieben Sandhügeln – vergiftet im Zwergenland“.


 
 
 

3 Kommentare zu “Großes Kino: Herr Ivalo las”

  1. aba
    12. November 2007 um 11:56

    ich hatte ihnen ja schon eine lobpreisung fuer den klinsi zuteil werden lassen. ich moechte ja nicht versaeumen zu sagen, dass ich “die tussi mit der roten kappe” auch ziemlich… knorke fand. ;-)
    (knorke im sinne von echt schraeg – ich steh auf schraeg…)

  2. ivalo
    13. November 2007 um 07:35

    Vielen Dank, manchmal muss einfach schräg! Fein, dass Sie Ihr Sonntagsfamilienausflug ins Capitol geführt hat!

  3. Frau nadine
    14. November 2007 um 11:23

    herr ivalo, auch von mir nochmal: ich fand’s auch total gut! besonders dass sie das von mir heißt geliebte Western-Settig so richtig verbraten haben. :-) darauf einen “Rotkäppchen”!

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