“Großes Kino”: Frau nadine las

Cineast

Laudatio für Bärbel Naedler

Laudatio für John R. Carlson

Cineast

Nun, liebes Publikum, als der ausgewiesene Cineast dieses Lesekollektivs komme ich natürlich nicht umhin, Ihnen auch noch einen Film Text zum Thema zu präsentieren und mit Ihnen ein wenig über die Faszination der bewegten Bilder zu plaudern.

Zum Beispiel darüber, wie man ein guter Cineast wird.
Zuerst einmal wird man Cineast nicht bewusst. Man wacht nicht eines Tages auf und sagt: ab heute bin ich Cineast! So, meine Damen und Herren, funktioniert das vielleicht im Film…

Der Zauber der bewegten Bilder packt einen irgendwann oder er packt einen eben nicht. Mich hat er sehr früh gepackt. Mein großer Bruder war – ohne es zu wissen oder zu behaupten (und das unterscheidet ihn von vielen anderen heutzutage) – ein Cineast. Meine frühesten Filmerinnerungen schlängeln sich um die großen Blockbuster der späten Siebziger und frühen Achtziger Jahre. ‘Späte Siebziger?’ Mögen Sie jetzt ausrufen und sagen ‘Pah! Da war sie doch noch viel zu jung!’ Aber nun gut, wir dürfen nicht vergessen, dass hinter dem eisernen Filmvorhang eine andere Kinozeit tickte. Unter Einberechnung einer relativen Raum-Zeit-Verzögerung von ca. 2 Jahren, in denen die Streifen dann endlich irgendwann auf dem schwarzen Kanal liefen, kommt es mathematisch dann wieder hin, dass ich als Kind in den Genuss von „Star Wars“ kam oder „Saturday Night Fever“. (Apropos schlechte Musikfilme, ganz groß auch „Xanadu“, 1980). Die frühen Helden meiner Märchen hießen nicht König Drosselbart oder Prinz Eisenherz. – Meine trugen gold-glitzernde Anzüge und hießen Buck Rogers oder kamen in plusternden Hosen dahergeritten und hörten auf den Namen Sindbad. Natürlich in der Variante mit den Special Effects von Ray Harryhausen. Meine Helden schwangen Lichtschwerter und flogen von Dächern.

Allerdings ist der Weg, ein echter Cineast zu werden, ein steiniger und vor allem ist er mit vielen Irrtümern gespickt.
Eine ganz frühe Perzeption habe ich z.B. von „Some like it hot“ / “Manche mögen’s heiß”. Aber a) heißt dieser wunderbare Streifen in meinem mentalen Firmarchiv „Josephine und Daphne“ und b) war er zwischen meinem 8. und 12. Lebensjahr unter der Rubrik Tragödie abgespeichert, da ich mich in all meiner kindlichen Naivität nur daran erinnern konnte, dass zwei Männer ständig und in allen nur erdenklichen Situationen ihres Lebens demütigenderweise gezwungen waren, Frauenkleider zu tragen.
Erst als ich den Film einige Jahre später erneut sah, erschloss sich mir sein wahrer komödiantischer wie filmgeschichtlicher Wert. Ein Meilenstein.

Ein weiterer großer Irrtum meiner frühkindlichen cineastischen Bildung war „La Boum“.
Da die jugendlichen Protagonisten die meiste Zeit des Filmes über damit beschäftigt sind, ihre Eltern loszuwerden und mein großer Bruder und meine ältere Cousine von den Implikationen des Films auf ihr Leben nur unter vorgehaltener Hand sprachen, hielt ich „La Boum“ lange Zeit für einen Skandalfilm. Heute finde ich eher skandalös, dass Schulen, Landesmedienzentren oder auch der Jugendschutz das Material nicht im Unterricht einsetzen um der Generation Flatrate aufzuzeigen, wie es auch geht.

Nach der filmwissenschaftlichen Forschungsphase mit dem Trial-and-Error-Prinzip ereilte mich als nächstes Entwicklungsstadium hin zum vorbildlichen Cineasten die Klugscheißer-Phase.
Während Mitte der 80er der Rest der Welt noch darüber sinnierte, wer wohl nach dem in meinen Augen unterschätzten aber dafür herrlich britischen Roger Moore den Geheimagenten im Dienste Ihrer königlichen Majestät würde geben dürfen, argumentierte ich bereits mit voller Inbrunst und nach Leibeskräften, dass der damals durch die Detektiv-Romanze „Remington Steele“ bekannte Pierce Brosnan einen wunderbaren Bond abgeben würde. Aber United Artists bzw. MGM hörten nicht auf mich. Sie hätten eine Menge Geld sparen können. Heute – nachdem Dalton beim Publikum kläglich durchgefallen ist, behaupten sie gern, Brosnan sei damals schon im Gespräch gewesen. Lügen und lügen lassen.

Nach der Klugscheißer-Phase, die bis Ende der 80er dauerte, machte sich Anfang der 90er nicht nur in den Bond-Filmen die Beendigung des kalten Krieges bemerkbar sondern trat auch ich eher unsanft in die vom klassenfeindlichen Kommerz dominierte, die Videothekenphase, ein. Da ich in Ermangelung eines eigenen Einkommens auf das Filmkonsumverhalten meines großen Bruders angewiesen war, der glaubte, alle schlechten Filme aus den 80ern nachholen zu müssen, erspare ich Ihnen an dieser Stelle Einzelheiten über diese Phase meiner filmographischen Metamorphosen.

Eine bewusste Rezeption von mir höchstpersönlich ausgewählter Streifen setzte 1991/92 mit der Blending-Phase ein. Diese Phase ist dadurch gekennzeichnet, dass aufgrund eines zu intensiven Medienkonsums auf der einen Seite bei gleichzeitiger Hinzunahme bewusstseinserweiternder Drogen auf der anderen Seite die Grenzen zwischen Leinwand und Kinosaal anfingen zu verwischen. Schuld war u.a. Oliver Stone. Ich kann Ihnen bis heute nicht mehr genau sagen, ob meine erste große Jugendliebe wirklich aussah wie Jim Morrison oder doch eher wie Robby Krieger. Ich weiß nur, dass wir „Love Street“ singend durch die Straßen zogen und bei mir aber Schluss mit lustig war, als er drohte noch vor seinem 30. Geburtstag in einer Badewanne sterben zu wollen.

Nach dieser Phase ereilte mich endlich die Phase der cineastischen Adoleszenz und begann ich, einen eigenen, sehr intensiv ausgeprägten Filmgeschmack zu entwickeln. Verstärkt achtete ich darauf, wer das Drehbuch geschrieben oder die Musik zum Film komponiert hatte. Noch heute führt dieses Hintergrundwissen zu von Freunden verhassten Impulsreferaten im Foyer.
Welche filmischen Leckerbissen ich seit dieser Phase allerdings konsumiere oder wessen Musik ich mittlerweile ohne Abspann zu erkennen in der Lage bin, das allerdings verrate ich Ihnen ein anderes Mal, denn a) müssten wir Ihnen heute sonst wegen Überlänge eine größere Spende abverlangen und b) macht einen guten Cineasten nicht aus, dass er anhand einer Checkliste abhaken kann, welche Filme, die gemeinhin als Muss gelten, er gesehen hat. Einen guten Cineasten erkennt man daran, dass ihn sein eigener, individueller Geschmack – oder wahlweise der Auftritt einer aufstrebenden Lesebühne – in den kuscheligen Kinosessel treibt.

Laudatio für Bärbel Naedler
(Oscar für das beste Catering am Set – und weil unsere Lesebühne ohne sie wohl “Würstchen und Kekse” hieße…)

Hast uns Obst jeflückt
un Erdbeeren jesucht
un de Gläsa jefüllt.
un jeschnippelt und jeschält
un jefüllt und jefahrn….
alles mit dein’ Auto.

Hast det Kind jehüt’
Uns Töppe jebracht
Un Schmalz ausjefahrn
Hast ‘n thom groß jemacht
Uns Applaus jeklatscht
Alles dank deine Hände.

Da stehn wa nu hier,
in den jroßen Saal
und sagen ganz doll Danke.

Laudatio für John R. Carlson
(Oscar für die beste Filmmusik)

You god of sound that thou comest from afar.
The waves have brought you hither
Through storms and rain right from across the world
To flatter us with music sweet and glistenting.


 
 
 

3 Kommentare zu ““Großes Kino”: Frau nadine las”

  1. maschi
    13. November 2007 um 19:50

    ich frage mich seit sonntag immer wieder was das genau für bewußtseinserweiternde substanzen waren, die frau nadine in ihrer blending phase, sagen wir mal, gebrauchte… und welche davon diese charmante langzeitwirkung hatte.

  2. aba
    13. November 2007 um 21:24

    in der tat. und frau nadine hat ein ganz aehnliches talent wie ich: sie kann so wunderbar furchtbar schnell sprechen ;-) )

  3. Frau nadine
    14. November 2007 um 09:41

    @aba: oh, und dabei krichte ich doch just von den lesekollegen das feedback, dass ich dieses mal “schön langsam” gelesen hätte. nun ja, alles ist relativ und wahrscheinlich sind die 3 schon so an mein high-speed-reading gewöhnt… ;-)
    herr aba, ein wunderbares, feines interview haben Sie da geführt mit dem herrn thom, danke!

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