Sehen und Ernten: Herr thom* las

Jolanda

I
Als Jolanda Hochzeit hielt, spannten die Kinder Seile quer über die Dorfstraße, so dass Jolandas Gemahl Bonbons spendieren musste, um weiterfahren zu dürfen. Er tat das, weil er einer aus der Stadt war, sagte man, mit säuerlicher Miene. Aber er hatte keine Wahl; Jolanda fauchte, wenn er Anstalten machte, die Spendierhosen auszuziehen. Sie wäre sicher gnädiger mit ihm gewesen, wenn sie gewusst hätte, dass er bereits Tage nach der Hochzeit von einem Pferd in den Zustand völligen Schwachsinns verbracht werden würde.
Jahre später sagte Jolanda allerdings, dass sie dem Pferd eigentlich dankbar gewesen sei, denn sein aufbrausendes Wesen hätte sich nach dem Unfall in nichts aufgelöst.

II
Jolanda ist sehr zufrieden. Sie hat ausgiebig gebadet, das beste Kleid aus dem Schrank genommen und es übergestreift. Ein wenig schwerer ist es schon, jetzt, da sie kleine Metallplättchen in den Saum genäht hat. Aber das mußte sein, sonst wäre die Magnetsalbe auf dem Fußboden komplett verschwendet. Als Jolanda ihr Häuschen zum ersten mal auf den Kopf gestellt hatte, gab das ein heilloses Durcheinander. Alles das, was sie vergessen hatte, was sie verloren wähnte oder auf Nimmerwiedersehen verbannt, war nun wieder da und flog unkontrolliert in den sieben Zimmern umher. An diesem Tag machte Jolanda keine gute Figur. Sie stand ausgesprochen wackelig auf dem Fußboden, der jetzt die Decke war. Ihr Kleid war zum Leben erwacht und verdeckte die Sicht. Da sah sie ein, dass man nicht so einfach den Antigravitationskuchen aufschneiden, das Haus drehen und sich wohlfühlen konnte. Heute hingegen ist Jolanda zufrieden, denn sie hat alles bedacht. Die drei Schornsteine schnurren wie zufriedene Katzen, die Dinge behalten dank der angeklebten Metallsplitter ihre Plätze, Jolanda ist gebadet und ihr bestes Kleid sitzt gebügelt der Decke zustrebend, die einst der Fußboden war. “Manchmal muß man eben die Dinge auf den Kopf stellen” denkt sie und winkt ein letztes Mal der tintenspritzergroßen Menschenansammlung am Boden, bevor ihr Häuschen endgültig hinter den Wolken ist und dann im weiten Weltraum verschwindet und “Im Sommer bin ich zurück!”

III
“Ach Jolanda,” sagte ich in den Himmel. “Jolanda, lass uns durchbrennen. Wir gehen weg, nach Panama, nach Lummerland, nach Südfrankreich oder wenigstens an die Küste.” Jolanda guckte ein bisschen, erst auf den Himmel, dann auf ihr Kleid, dann auf ihre Füße. “Warum?” “Na, weil es Zeit ist Jolanda, weil die Zugvögel schon längst weg sind und weil man Dinge auf den Kopf stellen muss, dann und wann.” “Und in Panama, Lummerland, Südfrankreich oder wenigstens an der Küste stehen die Dinge auf dem Kopf?” fragte sie ungläubig. “Nein” gab ich zu “stehen sie nicht.” Jolanda ging wortlos ins Haus und kurz danach roch es nach Kaffee. Ich folgte ihr, wir saßen um den Kühlschrank, aus dem sie die dampfende Kanne nahm, dann holte sie die Milch aus dem Herd, den Zucker aus dem Salzfach und die Löffel aus dem Kleiderschrank. Sie lächelte, wie sie immer lächelt, wenn sie stocksauer ist. “Du kommst auf Ideen” sagte sie, umarmte und küßte mich und ich wußte, es war Zeit zu gehen.


 
 
 

Ein Kommentar zu “Sehen und Ernten: Herr thom* las”

  1. ivalo
    14. Oktober 2007 um 18:06

    Dazu stelle man sich jetzt die wunderbare, improvisierte E-Pianountermalung von Boris vor. Herrlich! Zum Mitdavonschweben.

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