Sehen und Ernten: Herr ivalo las
Sehen und Ernten
und
Sehen und Ernten
Sehen und Ernten
Den einen lockt nichts weg von seinem Sessel
Der andere hockt an einem Hang
Dem einen ist ein Blatt wie eine Fessel
Die Frucht des anderen Verlang
Schwarz auf weiß, der eine kennt die Welt
Weiß und rot dem andren sie gefällt
Der eine hat ein Buch mit Staben
Den andren mag sein Rücken plagen
Doch sind sie gleich in ihrem Wesen
Denn beider Schaffens Kern ist Lesen
Sehen und Ernten
Bauer Johannsen steuerte seinen Trecker über den Acker, hinein in die goldene untergehende Oktobersonne. Furche für Furche zog die Maschine ihre Bahn und Rübe für Rübe lief über das Fließband und fiel mit einem dumpfen Bumm in den Anhänger.
Der Acker war fast abgeerntet, das Tagwerk bald vollbracht.
Johannsen hatte die Mitte der vorletzten Bahn erreicht da stoppte er ganz plötzlich seinen Trecker. Eine Wolke war wie aus dem nichts aufgetaucht und hüllte ihn mitsamt seinem Trecker ein. Johannsen traute kaum seinen müden Augen. Auf der Kühlerhaube sah er eine zierliche, leicht gekleidete Person. Eine Frau, eher ein Mädchen, das ihn sanft lächelnd ansah.
„Ich bin eine Fee, Du darfst Dir von mir etwas wünschen.“ sagte die Fee. Johannsen traute seine alten Ohren kaum. Er sah die Fee an und errötete, denn eine Fee, eine leicht bekleidete noch dazu hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen.
„Etwas wünsche, hm, was ich will?“ fragte Johannsen ungläubig. „Ja, was Du willst, Du hast einen Wunsch frei.“ antwortete die Fee. „Ich bin zufrieden.“ sagte Johannsen. „Na, irgendeinen Wünsch wirst Du doch haben.“ bestand die Fee auf ihr Angebot. „Hat man bei Feen nicht 3 Wünsche frei?“ dachte Johannsen laut und bereute gleichzeitig seinen dummen Satz, denn undankbar wollte er nicht scheinen. „Das ist ein dummer Satz, Bauer,“ sagte die Fee, „mir scheint Du bist undankbar. Außerdem ist das der übliche Trick. Nein, Du hast nur einen Wunsch. – Aber lass Dir Zeit damit.“ „Kann ich mir den Wunsch auch aufsparen, für später?“ versuchte er. „Auch nicht, Du musst ihn hier und jetzt äußern, sonst verfällt er.“ „Dann wünsche ich mir, dass alle meine Rübenfelder abgeerntet sind und ich für den Rest der Woche frei habe.“ Johannsen schaute die Fee an, die Fee schaute Johannsen an. „Hast Du Dir das auch gut überlegt, Du darfst Dir alles wünschen, was Du nur willst, alles, was Du Dir vorstellen kannst!“ „Hm,“ sagte Johannsen und hatte auf einmal ein Funkeln in den Augen „alles, was ich mir nur vorstellen kann? Dann wünsche ich mir eine Millionen Euro und dass ich ewig lebe.“ „Ein Wunsch.“ beharrte die Fee. Johannsen dachte nach und er sah angestrengt aus, wie er so auf dem Fahrersitz seines Treckers saß und nachdachte. „Also nur ewiges Leben.“ sagte er entschlossen. Doch er grübelte erneut. „Also ich kann mir nicht ewiges Leben und noch etwas dazu wünschen?“ „Nein.“ „Hm.“ „Du kannst es natürlich geschickt in einen Wunsch packen, aber willst Du Dir wirklich etwas so eigennütziges wünschen? Du kannst Dir auch etwas zum Wohle aller Menschen wünschen!“ „Dann wünsche ich mir, dass Bürgermeister Krüger endlich verreckt.“ grummelte Johannsen. „Und dass es auf seiner Beerdigung viel Bier zu trinken gibt. Und ich dann eine Liebschaft mit seiner Tochter habe.“ Aber das waren ja gleich Wünsche auf einmal und das ging nun wirklich nicht. „Hm, wie wär’s denn damit: ich wünsche mir, dass ich ab sofort und noch für sehr lange Zeit bis zu meinem Tod selber Bürgermeister bin.“ Ein überlegenes Grinsen überzog Johannsens Gesicht. Das waren doch fast alle Wünsche, die er hatte in einen gefasst. Frei von Donnerstag bis Sonntag, viel Geld, Bier und erhöhte Flirtchancen bei den ganzen Bürgermeisterempfängen.
„Aber denk daran, dass ein Bauer ein Bauer bleibt, auch wenn er Bürgermeister ist!“ entgegnete die Fee. Und wer sich etwas wünschen darf, hat auch Verantwortung! Wie wär’s denn mit dem Ende des Treibhauseffekts? Oder Weltfrieden oder Verständnis zwischen den Völkern und den Religionen?“ schlug die Fee vor. „Aber das sind ja wieder drei Wünsche.“ wusste Johannsen der zwar ein Bauer aber nicht auf den Kopf gefallen war.
„Also ich wünsche mir jetzt, dass unsere erste Mannschaft in die Oberliga aufsteigt und Schluss ist. – Nein halt, ich wünsche mir lebenslang Freibier im Dorfkrug und dass meine Frau mich jeden Abend hingehen lässt, ach Mist, wieder zwei Wünsche! Also doch die Millionen, aber bei Günther Jauch, dann bin ich reich und berühmt und dass meine Frau dann mit Jansen durchbrennt! Nein warte: nur ein Verhältnis mit der Tochter vom Bürgermeister, nein, dass meine Frau so schön ist, wie die Tochter vom Bürgermeister – sie aber nicht mit Jansen durchbrennt, nein, dass sie so schön ist wie Du, nein eine Liebschaft mit Dir, nein, einen neuen Trecker, nein, dass die Strasse nach Neustadt endlich ausgebaut wird. Nein, ein Swimmingpool in unserem Garten, dass der alte Krüger so richtig neidisch wird, nein, dass der Eismann zweimal die Woche kommt. Nein, sofortige Rente und ein Haus mit Swimmingpool auf Mallorca …“ „Äh, hallo, …“ sagte die Fee. „deine Bedenkzeit ist jetzt um Du hast noch 15 Sekunden Deinen endgültigen Wunsch zu äußern.“ Johannsen schaute etwas verwirrt, sah in die Wolke hinein, sah die Fee an, sah seinen Trecker an und stutze für 12 lange Sekunden. „Ach nimm Deine scheiß Wolke und geh mir aus dem Weg! Ich will wieder meinen Acker sehen und ernten.“ Diesen Wunsch erfüllte die Fee Johannsen umgehend.

