Sehen und Ernten: Frau nadine las

Erntedankfest

und

Lebensernte

Erntedankfest

Es gibt kaum etwas Typischeres für die menschliche Seele als dieses Fest.

Ernte, wie demütigend, impliziert mit aller Konsequenz, wohin wir verkommen sind: von den stolzen Jägern, die mit ihren Speeren den Tigern durch die Steppen nachjagten zu vermeintlich aufrecht gehenden Menschen, die es nicht aushalten, sich auf ihre eigenen Fähigkeiten zu verlassen, auf ihren Instinkt des Jagens, auf ihre Schnelligkeit, ihre Treffsicherheit und die Gewissheit, dass es ihnen auch gelingen wird, die Beute zu erlegen. Jäger, die sich bewusst sind, dass es von ihnen abhängt, in ihren Händen liegt, ob die Sippe überlebt.
Stattdessen sind sie zu Jammerlappen in vorausschauendem Gehorsam verkommen. Die stolze Sippe Jäger, die sich nahm, was sie brauchte, baut nun an, in weiser Voraussicht, sät, damit geerntet werden kann. Nur wer sät, wird ernten. Und hält sich dabei für so schlau. Wir sind die Herren dieser Welt. Wie viele Missernten müssen noch über uns hereinbrechen, wie viele Schädlingsplagen, Dürren und Fluten, damit der Mensch versteht, dass auch das ihn nicht vor dem Unvermeidlichen bewahrt. Der Mensch erfand den Ackerbau, das Säen und Ernten, um nicht mehr abhängig zu sein, von der Gnade des Schicksals, das ihm die Jagdbeute vorbeischickt. Der Mensch dachte, er kauft sich damit frei. Stattdessen begibt sich der arme Tor in die viel größere Abhängigkeit. Während der Mensch denkt, eine bedacht gesetzte und gehegte Saat bewahrt ihn vor dem Hungertod, treibt er die Natur zu immer ausgefeilteren Tricks, ihm diese Ernte zu nehmen.

Erntedank. Nur wer sät, darf auch ernten. Dem Müßiggänger sei es nicht gegönnt. Danken darf nur, wer auch geackert hat.
Von der Jagd zum Ackerbau – mit diesem Wandel in der Nahrungsbeschaffung vollzog sich auch der religiöse Wandel. Vor der Jagd bemalten sich die Krieger, sprangen um das Feuer, um sich aufzuheizen für die Hetzjagd nach dem Tier. Den Göttern wurde nicht gedankt, mit den Göttern maß man sich, als man ihren Kreaturen nachstellte.
Mit dem Ackerbau kam der Dank. Denn der Mensch gab es aus der Hand, sein Schicksal. Mit jeder Ernte dankt er nun aufs Neue, dass es ihm gnädig war. Dass es seine Saat verschonte, von Fluten aus der Erde gespült zu werden, von Heuschrecken geplagt zu werden, von Dürren vertrocknet zu werden. In aller Passivität ist er den Naturgewalten ausgeliefert und verneigt sich zutiefst und in Demut, wenn sie ihn verschont haben. Unterwürfig. Der stolze Jäger wich dem dankbaren Bauern auf dem Schachbrett von Fressen und Gefressen werden.

Und da der Mensch umso exstatischer wird, je mehr er sich vor einem Herrn verneigen darf, wird diese Dankbarkeit gehörig gefeiert. In Kirchen stößt der Mensch Gebete gen Himmel, in Zelten windet er Kränze, tanzt, lacht und trinkt, fährt seine neue Art von Beute stolz auf Traktoren durchs Dorf.
Es entspricht seiner neuen Natur, immer dankbar zu sein für alles. Statt mehr zu fordern, badet er in der mittelmäßigen Glückseligkeit über das, was er hat. Er feiert den Spatz in der Hand.
„Wir sind Herren dieser Welt“, singt derweil die Knef im Radio.
Der dankbare Mensch.

Lebensernte

Der Raum war klein, klein und kalt. Ein Gemäuer wie an einem eisigen Donnerstag in einem Januar, dessen klirrende Kälte nicht schneidig genug war, um einem den Atem zu nehmen. Auf der linken Seite zwei Bankreihen. Davor die Blumen. Auf der rechten Seite noch mehr Bänke. Und Stühle. In der Mitte, der rote Läufer. Wie oft hatte sie hier gesessen, bevor dieser Tag gekommen war. Dieser eine, von dem sie wusste, dass er eines Tages kommen würde, dieser eine unausweichliche. Nicht eine Minute hatte sie geglaubt, dass sie dem entgehen würde.
Sie sah sich um. Die Menschen waren festlich gekleidet. Blumen hielten sie in den Händen für diesen besonderen Tag. Links sah sie ihre Familie sitzen. Die Enkelkinder in der ersten Reihe, die Kinder in der zweiten.
Langsam, ganz langsam glitt ihr Blick über jedes einzelne Gesicht, jedes einzelne. Wie eine blasse Perlenkette auf schwarzem Samt sah sie die Gesichter aufgereiht unter ihren dunklen Hüten, zwischen ihren dicken, wollenen Schals und Jacken. Da saßen sie und versuchten zu verbergen, dass sie nicht damit gerechnet hatten. Nicht jetzt. Und schon gar nicht auf diese Art und Weise.
Sie drehte sich um, als ob sie dann besser erkennen könne, was hinter ihr lag. Blickte zurück. Der Krieg lag hinter ihr. Einen der beiden Männer hatte sie ihm lassen müssen. Die große Liebe ihres Lebens. Aber die zweitgrößte tut es ja auch. So war es gewesen. Nach einem Krieg hat man nicht mehr die erste Wahl. Schon gar nicht, wenn man ihn angezettelt hat. Schuld. Zufrieden sein. Zufrieden sein, über das Davongekommensein. Das war es gewesen. Immer schon. Immer hatte man zufrieden sein müssen. Zwei Männer hatte sie gehabt. Den einen nie wirklich, den anderen nie ganz. Aber sie hatte zwei Mädchen. Immer schon hatte sie eine Familie haben wollen und Kinder. Nun hatte sie zwei, und eine kleine Schwester an der Hand dazu. Als die Mutter starb, hatte sie plötzlich auch eine Stiefschwester. Das Leben hatte es gut mit ihr gemeint, dieses Mal hatte sie mehr bekommen, von dem, was sie sich so sehnlichst gewünscht hatte. Die Flucht, vereitelt, wäre nun sowieso nicht mehr möglich gewesen. Es gibt Puzzleteile des Schicksals, die passen fast immer.
Wieder konnte sie zufrieden sein. Man hatte sein Leben. Man war gesund. Hatte die Kinder. Noch bevor sie die Chance gehabt hatte zu begreifen, dass all das vielmehr war, als ihr zugestanden hätte, vielmehr gar, als anderen zuteil wird, kam der Tod. Dieser große schwarze, der sich wie eine Wucherung durch den Körper frisst. Heute, ja heute hätten sie ihn noch Jahre am Leben erhalten können, aber damals? Und so entriss ihr das Leben auch ihre Liebe zweiter Wahl.
Sie liebte nie wieder. Keinen Mann.
Sie sah sich um. Es kamen gute Jahre. Sie verzichtete darauf, auch die dritte oder vierte Wahl zu haben. Sie hatte lieber keine Wahl mehr. Das war sicherer. Zum ersten Mal wieder Jahre des Glücks. Des Glücks, dass sie bis dahin nur in ihrer Kindheit gekannt hatte. Blessed is he who expects nothing for he shall never be disappointed. Endlich, das funktionierte. Den Kindern ging es gut. Die Enkel kamen, dann die Schule. Keine Krankheiten, keine Kriege. Selbst als das System verschwand, das ihr so oft in die Suppe gespuckt hatte und dem sie sich verweigert, brach kein neues Unglück über sie herein. Auch dieses Mal ergab sie sich. Keine Wahl mehr zu haben, ersparte ihr, den Kampf zu verlieren oder die falsche Wahl zu treffen.
Wieder, Jahre des Glücks. Sie war zufrieden, die Semipermeable zwischen Glück und Zufriedenheit hatte sich vollends aufgelöst, sie war aufgeweicht im Sud der nicht mehr gehegten Erwartungen.
Es hätte noch Jahre so weitergehen können. Sie hatte es doch endlich verstanden, dieses große weite Leben durchschaut, von dem man nicht allzu viel verlangen konnte, wie sie dachte. Sie hatte sich ergeben, nun könnte sie endlich die Früchte ihrer Einsicht ernten. Ein Leben ohne enttäuschte Erwartungen, ohne die zweite Wahl oder die dritte, ohne Unzufriedenheit. Aber das Leben lässt sich nicht austricksen. An dem Punkt, an dem sie glaubte, das Spiel durchschaut zu haben, schlug das Leben zu, in all seiner finalen Wirkung und riß sie mit sich.
Es war die Ironie des Schicksals, dass es die gleiche Krankheit gewesen war wie bei ihrem zweiten Mann. Eine Krankheit zweiter Wahl. Nicht mal einen eigenen Tod hatte sie haben dürfen. Durfte ihren eigenen Weg nicht gehen.
Langsam verließ ihre Familie das Gebäude. Sie sah die Kinder. Die Enkelkinder. Die Saat, die Frucht ihres Lebens. Zum Grab folgte sie ihnen nicht mehr. Sie wartete am Ausgang auf die, die sie nicht sehen konnten.


 
 
 

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