Schützenfest: Herr thom* sang und las
Der Fatalist, der Berliner und ich
Helga
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
Der Fatalist, der Berliner und ich
Prolog
Wir hatten zusammen sieben Kugeln in den Läufen, der Fatalist, der Berliner und ich. Eine Schildkröte trugen wir im Wappen, auf ihren Panzer hatten wir die Nacht gemalt.
Morgens um die Mittagszeit erzählten wir einer dem anderen unsere Träume. Wir blähten sie auf, wenn sie nicht genügten zu Geschichten, voller Farben und mit offenen Enden. Alles klang einfach und gut, denn wir hatten sieben Kugeln in den Läufen, der Fatalist, der Berliner und ich.
Als wir mit Blut, Wein und Zigarren den Kontrakt besiegelten, schossen wir aus Übermut einen Habicht vom Himmel, es mag auch ein Adler gewesen sein. Vögel waren unsere Stärke nicht. Unsere Stärke waren sechs Kugeln in den Läufen…
Sechs sollten genügen, meinten wir, auf dem Weg ins Schlaraffenland. Gebratene Tauben wie Wellensittiche in unseren Villen auf Hügeln am Meer und eine Erbförsterstochter für jeden von uns – deshalb waren wir aufgebrochen. Und hatten zuvor die Kugeln gegossen, der Fatalist der Berliner und ich. Aus Bleiresten – die sieben für drei.
Wir stapften Umweg über Umweg anfangs, wir nickten freundlich und verbargen die Revolver voreinander. Wir mieden die Gefahr und erzählten einer dem anderen unsere Träume am Feuer.
Doch die blieben fort irgendwann und die Geschichten waren auserzählt.
Mit der siebten Kugel zerschossen wir den Spiegel, dem wir lange schon nicht mehr ins Gesicht sehen konnten.
———————————
Das ist der Via-Bug, sagt der Berliner als mein Bildschirm schwarz wird. Ich hatte Space gedrückt zum Springen, hatte geschossen gleichzeitig und auf einmal war der Bildschrim schwarz. Wo bist Du, brüllt der Fatalist aus dem Nebenzimmer und ich sage Ganz unten. Neustart.
Der Via-Bug war ein Fehler, der auf bestimmten Mainboards mit einem Chipsatz der Firma Via auftrat, also auf den Hauptplatinen der Computer. Immer wenn Daten von einem Festplattenanschluss zum anderen transferiert wurden, rauchten die Kisten ab. Also nicht immer. Aber oft. Es war ein bekannter Fehler, aber aus irgendeinem Grund konnte man die Dinger nicht umtauschen. Weil man irgendwie selbst schuld war, weil man eine Festplatte rangesteckt hatte, oder weil man Windows benutzte oder so…
Diese Map hab ich noch nie gespielt. Dieses Spiel hab ich noch nie gespielt. Meine Erfahrungen mit Egoshootern enden bei Doom. Dem ersten Teil. Vor Doom saß ich damals in einem Berliner Zimmer zu ebener Erde im dritten Hinterhof und mein 386er funktionierte tadellos, solange ich davor saß. Ging ich aufs Klo, startete er neu. In diesem Zimmer war es auch sommers so kalt, dass ich den Drucker mit einem Fön erwärmen musste, damit die Tinte dünnflüssig genug aufs Papier kam. Aber das alles hatte mit dem Via-Bug noch nichts zu tun. Ich hatte mit der Computerwelt nichts zu tun. Ich konnte Doom starten und Word und Solitair.
Der Rechner ist hochgefahren, Explorer auf, die Crack.exe starten, die startet dann im Vordergrund die Raubkopie… einloggen. Heute heißt das Raubkopie. Als würde man eine Oma überfallen und klonen, um sie dann in die Schlacht zu schicken. “Da biste ja”, brüllt der Berliner. Er pendelt zwischen den Zimmern hin und her und bei mir ist es ihm wohl zu langweilig geworden. Nun sieht er meine Spielfigur auf dem Fatalistenrechner.
Weil der Berliner einmal mein Nachbar war, kennen wir uns. In einem Treppenhausgespräch hatte er unvorsichtigerweise zugegeben, sich mit Computern auszukennen. Ich ernannte ihn augenblicklich zu meinem persönlichen Administrator und er ertrug es mit mir heute unbegreiflicher Gelassenheit. Er zeigte mir, wie man sich auf den Senderechner von Jazzradio einloggt und die Playlist durcheinanderbringt. Wir haben “Ein bisschen Frieden” von Nicole hochgeladen – das hat fast zwei Stunden gedauert. Als im Radio nach einer flotten Miles-Davis-Nummer tatsächlich der Grand Prix Schlager dudelte, schwiegen wir ergriffen vor der Spüle. Aber die kriegten es raus und der Berliner verlor seinen Studentenjob. Wieder was gelernt.
Vor mir hüpft eine Spielfigur hin und her. Ich drücke ab und verreiße das Gewehr. Dann wird der Bildschirm hell es zuckt und flackert und ich sehe mich auf dem virtuellen Fußboden liegen. Du musst dich bewegen du Heinz, brüllt der Fatalist. Musst du grad sagen, denke ich mir, du sitzt doch schon seit Tagen nur in deinen Kabuff und jetzt holt dir der Berliner auch noch das Bier… Ich bin mir zum ersten Mal nicht sicher, ob ich für den Weg ins Schlaraffenland die richtigen Begleiter gewählt habe.
Was heißt gewählt: Der Fatalist, der Berliner und ich, wir hatten angesichts der boomenden New Economy beschlossen, die Richtigen zu sein, für ein hippes Startup. Wir alle hatten keine Alternativen. Zusammen sind wir dann los und haben Schlipse gekauft und die Anleitung zum Binden gabs im Internet. Wir haben auf Messen die Stände abgegrast und Business-Kasper auf Minirollern ausgelacht. Nun arbeiten unsere Bekannten für Erotik-Seiten, die mit Werbung tausende im Monat machen. Und wir haben Exklusivzugänge.
Wo bleibstn Du, brüllt der Fatalist. Ich bleib liegen, brüll ich zurück. Meine Reaktionszeit liegt bei gefühlten zwei Sekunden – was soll ich dann noch bei diesem Spiel. Dann lass den Berliner ran, quengelt der Fatalist.
Der Berliner musste immer ran, wenn es brenzlig wurde. Wenn ich Schiss hatte vor Kunden oder gerade unsichtbar war, wenn es um Geld ging, ums Rechnungen schreiben, um die Buchhaltung. Der Berliner war ein harter Hund. Der kannte die Russen noch von früher aus Pankow. Das war wie im Film: Drei Typen mit Zöpfen und Bundlederjacken stiegen aus einem großen Benz, nahmen die Adressen in Empfang und zogen los. In der Regel war einige Tage später das Geld auf unserem Konto. Einmal hatten die eine Frau dabei, die zeigten sie uns, wie man ein Pferd vorzeigt und erklärten, dass wir bei so erstklassiger Ware doch bestimmt etwas für sie tun könnten mit diesem Internet… Wir lehnten dankend ab und erwarteten nun eine Mafia-Nummer, aber die waren ganz friedlich und boten uns stattdessen an, eine Internetseite für ein Orchester aus Clowns zu basteln. Die Symphoclowns… Das Konzept: Klassische Musik und Clownerie… An diesem Tag hörten wir endgültig auf uns zu wundern.
Der Berliner übernimmt mein Spiel, ich gehe zum Fatalisten nach nebenan. Zwischen Pizzafriedhof, Aschenbahn und Bierflaschenwiese flimmern vier Monitore, auf dem größten ballert ein Soldat aus der Deckung auf Zinnen am Horizont. Die Bässe aus dem Subwhoover kriechen über mich, Rauch hüllt mich ein, jemand gibt Befehle, jemand schreit seinen Tod aus den Boxen. “Scheiß Via”, schreit der Berliner von nebenan. Mir reichts. Ich mach los, ruft er im Vorbeigehen, dann klappt die Wohnungstür.
Der Fatalist hat es so eingerichtet, dass er über das Computernetzwerk den gleiche Ton an alle anderen Rechner schicken kann. Hier gibt es sechs. Nach und nach schaltet er sie zu.
Als der Fatalist im vergangenen Sommer nach sechs Wochen nicht einmal sein Zimmer verlassen hatte, redeten wir solange auf ihn ein, bis er für drei Tage mit auf einen Zeltplatz an der Ostsee kam. Bedingung: Ein Rechner mit Internetverbindung. Das einzige, was wir auftreiben konnten war ein Industrie-PC, ein alles in einem Gerät, das eigentlich als Steuerzentrum von Robotern dienen sollte. Ins Internet ging es über ein Handy. Der Fatalist saß drei Tage lang auf einem Campingstuhl im Schatten unter der geöffneten Kofferklappe eines Kombis und werkelte an einer Internet-Fernsteuerung für Solaranlagen. Immer im Herbst aber erhob sich der Fatalist freiwillig und fuhr an einem Tag den gesamten Mauerweg ab.
Als ich die Augen öffne ist es hell. Der Soundtrack des Spiels plärrt aus den Kopfhörern, der Fatalistenkopf liegt auf der Tatstatur. Via-Bug. Kein Neustart.

