Reiselese: Herr ivalo las

Der Weg ist das Ziel

Wieder was gelernt

Wenn Helden reisen


Der Weg ist das Ziel

Der Weg ist das Ziel. Selbst Zeitgenossen, die keine bekennenden Esoteriker sind würden das sofort unterschreiben. Dabei ist das völliger Blödsinn!

Mein Ziel ist mein Balkon, Der Weg dahin ist zunächst zum Kühlschrank, dann zum Flaschenöffner, dann durchs Wohnzimmer zum Balkon. Ich versuche die ganze Zeit einen Sinn darin zu finden. Warum sollte es mein Ziel sein, erst in die Küche zu gehen, dann ins Wohnzimmer und dann auf den Balkon??
Wo ich doch nichts will, außer auf dem Balkon zu sitzen und da lecker Bier zu trinken?
Wenn ich direkt auf dem Balkon wär und dort das kühle Bier schon stände, würde ich ja nicht in die Küche gehen, nur um in die Küche zu gehen und dann auf den Balkon. Das wär Quatsch. Was soll also das Gelaber von: der Weg ist das Ziel ??

Und wenn man jetzt mal wen fragt, wo fahrt Ihr denn in den Urlaub hin? Dann bekommt man als Antwort: wir fahren nach Malle oder auf die Cariben, oder Domikanische Republik.

Niemand sagt, na wir machen eine Zugreise nach Hamburg zum Flughafen und dann fliegen wir über die Alpen und übers Mittelmeer und landen dann auf soner Insel, wo wir mit ‚nem Mietwagen rumfahren … will ja auch keiner wissen!
Ich frage ja auch: wo fahrt ihr hin und nicht wo fahrt ihr lang!

Gut da gibt’s so ein paar Spinner, die sagen , wir wandern durch die Toskana oder wir machen eine Fahrradtour an der Elbe entlang. Aber hey, das sind doch esoterische Spinner, oder?

Wieder was gelernt

Sie ging die letzte der knarrenden Treppenstufen hinauf . Ihre roten Locken wogen mit ihren Schritten hin und her. Oben angelangt fegte sie mit einer kurzen Geste ihre Stirn frei. Sie kam auf mich zu, wenige Schritte trennten Sie noch von meinem Tisch. Gleich würde sie mich erreichen. Unsere Blicke trafen sich – Bild für Bild, Zehntelsekunde für Zehntelsekunde sah ich sie näher kommen – das Spiel ihrer Muskeln, der Faltenwurf ihrer schwarzen Hose, das Wehen der Bluse im Zug des offenen Raumes. Jeder meiner Gedanken dauerte eine blitzartige Ewigkeit, bis mein diffuser Gedankenstrom zu einem Wunsch geronn. Einen halben Meter vor mir blieb sie stehen. Ihr auffordernder Blick war geschäftig doch verbindlich.
„Ein Alsterwasser bitte.“ lautete mein letzter formulierbarer Gedanke, ohne dass ich ihn aktiv ausgeformt hätte.
„A pint of Guinness, please.“ hörte ich mich sagen und wusste im selben Moment, dass das nicht war, was zu sagen ich beschlossen hatte.

Oh, Wunder der Psychologie! Wie dieser Kontrollmechanismus zwischen meinem ursprünglichen Plan und den artikulierten Worten einrastete und einen ungedachten Gedanken später etwas völlig anderes ausspuckte als vom kontrollierbaren Teil meines Hirns befohlen worden war. Mein Unbewusstes war in der Lage, mich Dinge sagen zu lassen, die zu sagen ich der Blöße vorzog, den Namen meines Wunschgetränkes nicht zu kennen.

Irische Musik fidelte die Treppe hinauf, Geige, Blechflöte, zum Füßewippen animierende Rhythmen. Ihr rotes Haares wehte mir im Abdrehen einen kühlen Hauch zu, während ich zu überlegen begann, was Alsterwasser wohl auf Englisch heißen mag. Ulster Water, klar! Doch traute ich mich nicht, dieser spontanen Eingebung ob der heiklen politischen Situation um die immer noch britisch okkupierte nördliche Provinz der grünen Insel zu folgen. Ich wischte mir einen schweren, modellierbaren Schaum vom Mund und einigte mich vorerst auf Allstar Water.

Bei der nächsten Bestellung hatte ich tatsächlich den Mut nach „half beer, half lemonade“ zu fragen und weiß seither, dass ich gern shandy trinke. Klassisch, mit dänischem oder holländischem Importbier, oder echt irisch, dabei war mir auch das Quietschrot der Limonade willkommen, das man im Dunkelrotbrau des Biers, was man hierzulande als Kilkenny kennt, kaum noch ausmachen konnte.
Slainthe! Sagt der Ire.

Wenn Helden reisen

Bahnfahren bildet. Das ist unumstritten wahr. Und gebildete Menschen, behaupte ich einfach mal, fahren wiederum häufiger Bahn. Das ist eine sich selbst verstärkende Schleife. Manchmal sieht man Menschen in der Bahn, die Gala lesen oder die Bild, trotzdem.
Oder Bundeswehrsoldaten. Aber die müssen ja Bahn fahren. Und Bahnfahren mit Bundeswehrsoldaten bildet auch, man erfährt, was dann so abgeht in Deutschen Kasernen. Glücklichen Umständen sei gedankt, dass ich weder in Uniform noch in Zivil dem Staate dienen musste. Wenn ich allerdings meine Gesamtreisezeit, die ich in hör- und riechweite von Bundeswehrsoldaten in der Bahn verbrachte zusammenrechne, komme ich auf volle 12 Monate. Wo haben Sie gedient? Unterwegs, kann ich mit Fug und Recht behaupten!
Und die andere Zeit bildet eben. Wo liest man sonst die ganze Zeit, die Zeit, also Die Zeit, wenn nicht zwischen Hamburg und Fulda im ICE? Oder einfach nur Qualitätsbeobachtungszeit. Die reinste Fundgrube für Hobbypsychologen und Supernannies. Oder der Klassiker: ein gutes Buch. Als Theaterfreund lese ich auch gern über das Theater in Theorie und Praxis. Die Heldenreise zum Beispiel. Klassische Erzählstruktur. Der Held startet im Vertrauten, in der bekannten Umgebung, das Schicksal ruft ihn, er zieht hinaus in die Welt, ins Unbekannte um Erkenntnisse zu sammeln. Er kehrt reich an Erfahrungen und gewappnet zurück in die bekannte Heimat. Er rettet sie und ist Held.
Das hat man schon bis Lüneburg kapiert!

Auf Reisen ist fährt man manchmal sogar an seiner Heimat vorbei.

Kennen Sie auch dieses Gefühl, wenn man eigentlich auf dem Heimweg ist, dann aber doch nicht die vertraute Richtung einschlägt, sondern absichtlich einfach weiterfährt?
Ein Weg, den man täglich automatisch geht, wenn man den Heimathafen schon riecht. Wie lahme Pferde, die auf einmal losgaloppieren, weil die heimische Koppel aus dem Augenwinkel zu sehen ist.

Meine Jugend verbrachte ich in einer Reihenhaussackgassensiedlung. Wege im Ort legte ich einst mit dem Fahrrad zurück. Es bedurfte großer Überwindung, die Strasse nach Hause zu fahren und dann nicht einzubiegen, nicht den seichten Berg hinab in unsere Siedlung zu rollen, nicht die langgezogene Linkskurve am Feldrand entlang zu fahren, um das erste Haus hinter der hohen Hecke bei den 2 Garagen anzusteuern. Geradeausfahren war so widernatürlich. Es war wie der Schwindel, beim Blick ins Becken aus einer Höhe der einen die Treppe wieder hinuntergehen ließ. Selbst vor Publikum, denn der Schwindel war größer, als das Bedürfnis, heldenhaft zu sein, damals.

An zwei Situationen erinnere ich mich gut. Einmal, als ich von der Grundschule kam und beim Freund in der Nachbarreihenhaussackgassensiedlung zu Mittag aß. Kindernachmittagsversorgt. Ein andernmal, als an meiner Lieblingsbude mein Lieblingseis ausverkauft war und ich zu meiner Zweitlieblingsbude fahren musste, um dort mein Zweitlieblingseis zu kaufen.

Später wohnte ich dann nicht mehr in Sackgassensiedlungen.
Und dennoch gab es einen Rest dieses Schwindelgefühls. Von der U-Bahn kommend noch in den Extra zu wollen und an der Haustür vorbeizugehen oder von der Uni zum Abendessen direkt ins Cafe.

Kürzlich wollte ich von Berlin nach Schwerin fahren. Ich nahm die letzte Verbindung des Tages, mit dem ICE.
Die Fahrt ging schnell, vor dem Fenster rauschten die märkischen Dörfer vorbei, wohlbekannt aus der Regionalbahn, doch in diesem Tempo unwirklich und noch kleiner. Das Schild Ludwigslust war im verminderten Tempo der Bahnhofsdurchfahrt gut zu erkennen und ich wusste was dann kam.
Schwindelgefühl beim Geradeausfahren.
Ich sah die Geleise sich teilen, 40 km von Daheim. Doch der ICE fuhr gnadenlos geradeaus und bog nicht ab.
Ich versuchte die unbekannte Strecke zu genießen, Mecklenburgische Dörfer, aus dieser Perspektive völlig unbekannt und neu: aufregend! Und verfluchte gleichzeitig die Bahn. Ich
ging in Gedanken alle Stationen der Odyssee durch und haderte mit meinem Schicksal: was soll mich das lehren?

Das Schild Hagenow Land war im verminderten Tempo der Bahnhofsdurchfahrt gut zu erkennen. Dann Schleswig-Holsteinische Dörfer, aus dem IC und dem Regionalzug wohl vertraut, doch in diesem Tempo noch weiter weg. Eine Stunde Hamburg Hauptbahnhof und dann mit der Regionalbahn zurück nach Schwerin.
Ich habe eine wertvolle Erkenntnis gewonnen: ab Berlin nach Hause besser vor 20.00 Uhr, das spart 2,5 Stunden Reisezeit und 20 €.
Jetzt schreibe ich eine Eingabe an die Deutsche Bahn, damit Schwerin bessere Bahnanbindungen bekommt. Dafür bin ich dann der Held!


 
 
 

2 Kommentare zu “Reiselese: Herr ivalo las”

  1. Putzlowitsch
    13. Juni 2007 um 08:57

    Oh, diese Fahrt von Berlin nach Schwerin über Hamburg kommt mir doch sehr bekannt vor:
    Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

  2. Schmalz und Marmelade » Reiselese: erste Erfolge und Herr Ivalo wird fast der Held
    13. Juni 2007 um 14:30

    [...] Keine zwei Tage hat es gedauert, bis die Deutsche Bahn reagiert, alle Achtung Herr Mehdorn, … aber diese kraftvolle Forderung aus der Provinz ja am Potsdamer Platz nicht ungehört und ohne Reaktion verschallen! Am 12.6. fährt also der erste ICE von Mecklenburg-Vorpommern über Berlin und Leipzig nach München. Schmalz und Marmelade hat das vollbracht! Nur ganz richtig haben Sie leider nicht verstanden, Herr Mehdorn. Schwerin wurde eindeutig genannt und nicht Rostock. Vielleicht lag es daran, dass ich inspiriert von Herrn Jati mir schöne Arbeitsplätze suche und meinen Heldenreisetext in Warnemünde geschrieben habe. Aber wir geben Ihnen noch ne Chance! [...]

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