Reiselese: Frau nadine las
Wir sind Weltmeister
Rungsted – Über die Magie des Reisens
Wir sind Weltmeister
Kein anderes Volk war im vergangenen Jahr reiselustiger als die Deutschen. Sie gehen am häufigsten auf Reisen. Sie geben auch weltweit das meiste Geld für ihren Urlaub aus. Insgesamt rund 56 Milliarden Euro jährlich.
Ich weiß nicht, was an Reisen so toll sein soll.
Gehen wir das doch mal durch.
Noch vor Antritt der Reise tut sich das eigentliche Dilemma wie ein Abgrund vor einem auf, denn es gilt für den deutschen Durchschnittsreisenden zwei für den weiteren Reisverlauf entscheidende Grundfragen zu klären: 1. Abzüglich des für die meisten Erdbewohner aus finanziellen Gründen nicht in Frage kommenden Weltraumtourismus bleiben genau 194 Länder übrig als Antwort auf die Frage: Wohin soll es gehen? Und 2. und in Anbetracht von 13.8 Millionen Einzelpersonenhaushalten in Deutschland und 11,2 Millionen bekennender und praktizierender Singles: mit wem? – Spätestens zur Beantwortung der zweiten Frage setzen sich die meisten Menschen bereits einem medizinisch nicht mehr vertretbaren Stresspotenzial aus. Gilt es bei der Auswahl des Reisepartners schließlich nicht nur auf die psychologische Kompatibilität des Partners mit den eigenen Reiseprioritäten zu achten, sondern auch freundschaftliche Bande zu berücksichtigen, verwandtschaftliche Verpflichtungen einzuhalten sowie voreilig in der Nicht-Urlaubszeit abgegebene Versprechen einzulösen. Hat man dann endlich eine Lösung gefunden und sich entschieden, allein zu reisen, sieht man sich dem Vorwurf irreparabler Misanthropie ausgesetzt und ist – spätestens dann – endgültig urlaubsreif.
Die Reise selbst.
Statistisch gesehen ist Reisen eine der gefährlichsten Tätigkeiten überhaupt. Das Argument, Fliegen sei nach wie vor die sicherste Art der Fortbewegung kann hier keine Anwendung finden. Oder wie viele Hotels kennen Sie, die neben einem Gästeparkplatz noch über eine Start- und Landebahn für Jumbo-Jets verfügen? Spätestens wenn es innerhalb des mühselig ausgewählten Ziellandes die Unterkunft zu erreichen gilt, erhöht sich das Risiko, eines gewaltsamen Todes zu sterben um 12,4 Prozent wählt man den All-inklusive-Bustransfer oder aber um 13,8 Prozent, ruft man sich ein Taxi. Von halsbrecherischen Mountainbike-Touren und abstürzenden Seilbahn-Gondeln mal ganz abgesehen. Und das Stichwort Titanic schießt Ihnen in diesem Zusammenhang vielleicht ganz von selbst durch den Kopf.
Vor Ort angekommen
194 Ländern, die zu bereisen es möglich wäre, stehen 6.912 Sprachen gegenüber – 6912. Das sind 6911 mögliche Sprachen, derer man nicht mächtig sein kann. Bei vielen Menschen sogar doch 6912.
Die Kriegserklärung an die eigenen kommunikativen Kompetenzen, die ein Auslandsurlaub für die meisten Menschen bedeutet, steht in direktem Zusammenhang mit den kulinarischen Stolpersteinen, die einem auf Reisen in den Weg und in den Magen gelegt werden können. Die Caribbean Breakfast Surprise oder das Oeuf dur à la coque entpuppen sich dann ganz schnell mal als Obstsalat und banales Frühstücksei. Andere Reisende sind schlichtweg gar nicht in der Lage, ohne die Hilfe diplomierter Übersetzungswissenschaftler zu bestellen. Sollte das wider Erwarten doch einmal gelingen, wird sich nur den wenigsten erschließen, was genau sie da verzehrt haben. Und in den meisten Fällen ist dies auch besser so. Salomonellenvergiftung, Durchfall oder Gastritis bescheren dann der Pharmaindustrie das allsommerliche Umsatzplus.
Packt man am Urlaubsort angekommen Koffer oder Rucksack aus, ist es inhärentes Merkmal von Urlaubswetter, dass man sowieso die falsche Kleidung dafür eingepackt hat. Die Kleidung ist zerknittert, ein Reisepass kostet 60 Euro und mit den Impfungen verseucht man sich den Körper chemisch in solch hohem Maße, wie ihn früher nur die Betriebsärzte in den VEB Leuna-Werken der ehemaligen DDR von den Mitarbeitern kannten.
Wir sind Weltmeister, aber mal ganz ehrlich, ich weiß nicht, was an Reisen so toll sein soll.
Rungsted – Über die Magie des Reisens
Und weil Andersen Storm gesagt hat: „Schreib diese Geschichte auf.“
Jeder Mensch hat eine Lebensliste. Eine Liste, mit all den Dingen, die er unbedingt in diesem Leben tun möchte, eine Liste mit Orten, an denen er gewesen sein will. Auf meiner Liste stand seit jeher, einmal irgendwann in meinem Leben das Karen-Blixen-Museum im kleinen dänischen Rungsted zu besuchen.
Als im Juni 2004 eine Kollegin mir anbot, ob ich sie nicht ein Stück Richtung Norwegen begleiten wolle, willigte ich ein und wusste, das war sie, die Gelegenheit für Rungsted.
Aber eigentlich war alles eine Verkettung schicksalhafter Entscheidungen & Begegnungen. Ich hätte benahe mein Ferienhaus in Dänemark im Internet gebucht, als Karin ins Zimmer gestürmt kam und meinte „Ferienhaus? Nein, geh auf keinen Fall in die dänische Pampa. Du musst nach Kopenhagen!“ Kopenhagen also. In Kopenhagen angekommen, fand ich sofort ein Zimmer und nutzte den Rest des Tages, streifte durch die Stadt, und ließ Dänemark auf mich wirken. Die Stadt war jung, multikulturell, voller Leben, bunt und skandinavisch frisch. Einziger Nachteil: die Stadt war so jung und voller Leben, dass ich nach einem halben Tag Durchstreifen der Stadt das Gefühl hatte, die vergangenen Stunden nichts anderes getan zu haben, als den vorbeieilenden Menschen auf der Straße ausgewichen zu sein. So beschloss ich, das, was ich eigentlich erst für irgendwann später in meinem Urlaub geplant hatte, bereits am nächsten Tag zu tun: ich stand früh auf, frühstückte in einer nahe gelegenen Bäckerei und fuhr mit der Bahn ins ca. eine halbe Stunde entfernte Rungsted.
Zielstrebig fand ich den Weg zum Museum, bog aber – ohne Nachzudenken – kurz vor dem Museum in die Tourist Information ab und erkundigte mich, ob es denn auch Zimmer in Rungsted gäbe. Ja, gäbe es. Und so willigte ich ein, auf dem Rückweg vom Museum wieder anzuhalten und den Handel perfekt zu machen, die Dame wollte in der Zwischenzeit entsprechende Telefonate führen und mir das angeblich schönste Gästezimmer des ganzen Ortes besorgen.
So zog ich denn los, mir meinen Traum zu erfüllen.
Jeder, der Karen Blixens Bücher gelesen hat, weiß, das Museum würde ihr gefallen. Alles ist sehr dezent arrangiert. Gar nicht touristy. In einem Teil des Hauses kann man durch einige wenige Zimmer gehen. In einem anderen Teil befinden sich ein Café sowie eine Ausstellung. Eine kleine Ewigkeit saß ich in einem der Sessel und hörte mir über Kopfhörer ihre Geschichten an, die sie fürs dänische Radio selbst gelesen hatte.
Auf dem Rückweg zum Bahnhof, machte ich meine Anzahlung für das Zimmer und fuhr nach Kopenhagen, um meine Sachen zu holen. Was auch immer die kommenden 10, 12 Tage in Rungsted passieren würde – selbst wenn es einfach nur nichts war – ich hatte meinen Lebenstraum bereits jetzt erfüllt und konnte wieder einen Punkt auf meiner Lebenswunschliste abhaken – mehr als glücklich abhaken.
Am nächsten Morgen zog ich nach Rungsted. Philip, der Töpfer, bei dem ich in Kopenhagen gewohnt hatte, wünschte mir viel Glück für den Rest meiner Reise und gab mir noch einen Satz mit auf den Weg: „There’s just one thing the heart wants. It wants to be recognized.“
Was sich dann nach etwa einer halben Stunde Fußweg durchs Dorf vor mir auftat, war das wunderschönste, alte gelbe dänische Landhaus, das man sich vorstellen konnte. Davor eine ältere liebenswerte Lady und ein großer alter träger schwarzer Hund auf den Stufen. Das Zimmer war bezaubernd. Gerade so, als würde ich Ferien bei Tommy und Annika machen oder auf Green Gables. (Leider kenne ich kein dänisches Kinderbuch.)
Während ich an diesem Abend der zufriedenste Mensch der Welt war – ich hatte das Museum besichtigt, im Park gelesen und meinen Traum erfüllt – sah ich mich am nächsten Morgen in Elsebeths Wohnzimmer beim Frühstück einer netten älteren Dame gegenüber, die auch sofort munter im feinsten British English auf mich einschwatze und erklärte, sie sei der andere Gast, ich sei also nicht allein im Haus. Nach diversen braven Antworten zum ungewöhnlichen Ziel meiner Reise, ihrem Zweck und weiteren geplanten Reisevorhaben, erlaubte ich mir, mein herrliches britisches Gegenüber nach Grund und Zweck ihres Aufenthaltes an diesem eher verlassenen Ort zu befragen. Die englische Upper-Class-Lady, die britischer nicht hätte sein können, hieß Joyan, hatte ebenfalls Literatur studiert und war in Rungsted zu Gast, da sie als ‚Flower-Lady’ im Museum arbeitete. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Natürlich lud mich Joyan ein, sie am nächsten Tag im Museum besuchen zu kommen. Es wurde ein illustrer Nachmittag auf der Terasse des kleinen Museumscafés und eigentlich hätte mir das auch schon wieder gereicht an unerwarteten Urlaubsabenteuern. Aber es kam noch dicker. Als auch die letzten Mitarbeiterinnen des Museums sich verabschiedet hatten, meinte Joyan, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt: So, und nun schließen wir ab und ich zeige dir das Haus. – Bitte? Ich hatte das Haus doch aber schon gesehen. Nein, aber doch nicht alles. Das Museum mit den 3 Räumen sei doch nur der kleinste Teil. So liefen wir los – treppauf, treppab, durch die Küche, die hinteren Räume, die Seminarräume, die Scheune, den Garten, Karen Blixens Bad bis hoch ins Schlafzimmer. In das Zimmer, in dem sie auch gestorben war. Während wir munter schwatzend durch das Haus liefen, zitierten wir ich weiß nicht, wen alles: Shakespeare, Jane Austen, Arthur Miller und nicht zuletzt natürlich Karen Blixen.
Zwei Stunden später saß ich – erschöpft und um viele Geschichten reicher – in Karens Blixens Küche, die noch immer so ist, wie sie sie zuletzt eingerichtet hat, bevor sie 1962 gestorben ist. Und ich sah Joyan zu, wie sie in Karen Blixens Vasen Blumen anrichtete, ganz so als wäre es das Natürlichste von der Welt, dass ich in ihrer Küche sitze und mit Joyan beim Blumen machen über das Leben und die Literatur rede!
Es sollte nicht der einzige Tag bleiben, an dem ich Joyan von der Arbeit abholte, ihr noch in der Küche beim Blumen arrangieren zusah und wir dann den Rest der Nacht Wein trinkend in Elsbeths gelbem alten Haus verbrachten. Elsbeth, die übrigens Karen Blixen noch gekannt hatte und deren Bruder in „Jenseits von Afrika“ das Flugzeug fliegt.
Und wir waren uns sicher: Wir zwei an diesem Ort, eine Britin, die gut und gerne meine Großmutter hätte sein können und ich, über Literatur und das Leben philosophierend in ihrem Haus – das hätte ihr gefallen.

