Fahrradtour: Der Gründungsmythos
Schmalz und Marmelade – Wie alles begann
Frau nadine:
Es war in Berlin. Vor einem Jahr im Winter. Ich war in der Straßenbahn eingenickt. Ich saß hinten. In einem der Wagen, die machen, dass der Matsch auf die Straßen spritzt. Endhaltestelle – ich wachte auf. Auf der Wiese am Stadtrand ein großer Zirkus, der Winterpause zu machen schien. Ein Clown rannte auf mich zu, mit einem lustigen Jungen an der Hand, der einen seltsamen Dialekt sprach.
„Nimm den Jungen!“, rief der Clown.
Ich sah in sein eines trauriges und sein anderes, fröhliches Auge und ich wusste nicht, welchem Auge ich glauben sollte.
„Wieso?“, entgegnete ich.
Und der Clown sagte:
„Es ist Winter und wir haben zu wenig zu essen. Er kann jonglieren, mit Äpfeln und Worten.
Wir haben ihn seinen Eltern abgekauft, damals, bei einem Gastspiel in Unna-Massen. Er ist gut.“, sagte der Clown.
„Warum gebt ihr in dann weg?“ – „Na, weil er gut isst. Und wir haben doch wenig.“
Ich nahm ihn an die Hand und ging zurück zur Straßenbahn.
Es krachte und surrte und zischte und die Straßenbahn blieb stehen mit einem Ruck.
Herr ivalo:
Die anderen drängten nach draußen mit uns und auf den Schienen saß ein kleiner Junge, traurig und dick.
Und weinte und weinte immerfort.
Und die anderen fragten mit uns, was denn sei und der kleine Junge, traurig und dick, biss in ein Schmalzbrot und sagte: „Bertha!“ Und die anderen mit uns fragten: „Bertha?“ Und der kleine dicke Junge sagte: „Bertha ist tot!“ Die Frau aus Berlin und ich nahmen ihn von den Schienen und er erzählte uns Berthas Geschichte, und seine, und die von der kleinen Stadt. Im Norden. Die mit den sieben Seen. Er hatte alles aufgeschrieben. Alles. Er wusste nicht, wie er nach Berlin gekommen war und biss in sein Schmalzbrot. Er aß immerzu Schmalzbrot. Er war gewiss ein kleiner Poet. Ein Poet, dessen Geschichten bisher ungelesen waren. Ein Poet, dessen Geschichten bisher ungehört waren. Vielleicht sogar ungeschrieben. Aber ein Poet war er ohne Zweifel, der kleine dicke traurige Junge. Ein sympathischer Poet, freundlich. Einer, den man schnell in sein Herz schloss.
Frau nadine:
So saßen wir dort, an der Straße im großen Berlin, der Stadt der Künstler, und Verrückten – der Stadt der Bohème. Der kleine dicke Junge, das gefräßige Zirkuskind aus Unna Massen und ich im kalten verschneiten Berlin. Ich, die ich gerade mein Leben verlassen hatte. Meinen Mann, meine drei Kinder, mein Einfamilienhaus in Berlin Wannsee, meinen TÜV-geprüften Weihnachtsbaumständer. Dort gab es für mich nichts mehr und so saßen wir dort.
Herr thom*:
Wir sahen einander an und wir wussten, dass wir ganz schnell, ganz doll reich und berühmt werden mussten. Aber wie? Berlin hatte Bühnen. Doch nur ich konnte singen. Dafür hätte es nicht gereicht. Aber Geschichten hatten wir alle zu erzählen.
Frau nadine:
Der kleine dicke Junge, das Zirkuskind aus Unna Massen und Ich.
Herr thom*:
Wir suchten eine Bühne, der wir unsere Geschichten erzählen konnten, wenn niemand sonst sie hören wollte.
Die Bühnen Berlins wollten unsere Geschichten nicht hören.
Den Ausgang eines der vielen Theater suchend, begegneten wir ihr. Sie, die in einem der großen Theater vor den großen Spiegeln an Stangen tanzte, und tanzte und tanzte und tanzte und tanzte und während sie so tanzte, und tanzte und tanzte und tanzte und tanzte wurde uns klar, dass sie es ist. „Hey, die kleine Fette da, die ist richtig gut, aber mit uns schreiben und lesen bekäme ihr besser. Ganz sicher.“ Und das kleine fröhliche Zirkuskind aus Unna-Massen fasste sich ein Herz und sprach zu ihr, die sie dann, tanzend und tanzend und tanzend und tanzend, rief „Schreiben und Lesen mag ich auch sehr gern. Vielleicht sogar noch mehr als Tanzen.“ Und ihre Schuhe, die Schuhe einer Tänzerin, fanden ihren Platz an einem Nagel an der Wand.
Frau jules:
Wir und unsere Idee von einer Lesebühne, sollten am besten ganz schnell ganz doll reich und berühmt werden. Die Welt erobern.
Raus aus Berlin und ab in die Provinz.
Nach Schwerin, in die kleine Stadt. Im Norden. Die mit den sieben Seen. Den Brauseboys fernab der Stadt der Künstler und Verrückten. Fernab der Stadt der Bohème, ein Schnippchen schlagen. Mit einem dimdimdimdimdididim stiegen wir in der Mitte dieser kleinen Stadt, im Norden, die mit den vielen Seen, aus und fanden eine Bühne.
Eine Bühne, die unsere Geschichten hören wollte.

