Lug und Trug: Frau nadine las

Lügen und Literatur

Der Mensch lügt zwischen 1,6 und 200mal am Tag. Eine reife Leistung.
Er belügt Menschen aus Liebe, aus Hass, aus Not, aus Gelegenheit, aus Verzweiflung… Als ob das alles nicht tragisch genug wäre, gibt es Menschen, die verdienen damit sogar ihre Brötchen.

Diese Sorte Mensch nennt man Schriftsteller.

Nicht genug, dass sie uns mit ihren Geschichten – unter dem scheinheiligen Vorwand uns unterhalten zu wollen – seitenweise erfundenes Zeug und Unwahrheiten auftischen. – Sie lassen auch noch ihre Figuren sich gegenseitig die Taschen voll hauen, dass sich die Balken biegen.

Nehmen wir nur mal eines unserer größten Werke der Nationalliteratur: Faust. Ganz abgesehen davon, dass Mephisto sowieso der Lügenprinz in Person ist, wenn er Faust, dem armen Tor, das Blaue vom Himmel verspricht, damit dieser mal etwas klüger als wie zuvor ist, haut Fausten selbst auch noch voll rein in die Kerbe und schwatzt, wir erinnern uns, dem armen Gretchen ein Schlafmittelchen auf, das angeblich keinerlei Risiken und Nebenwirkungen besitzt. Gretchen, so naiv, dass es danach schreit, dass solche Typen sie aufs Kreuz legen, hätte gut daran getan, doch lieber ihren Arzt oder Apotheker zu fragen. Stattdessen kommt ihr verlogener Lover doch noch in den Genuss seines ungestörten Schäferstündchens mit ihr, derweil Gretchens Mutter aufgrund des Schlafmittelchens das Zeitliche segnet. Im Zusammenhang mit Sex wird übrigens auch im realen Leben am meisten gelogen. Aber das nur nebenbei…

Das mit dem Schlaftrunk kommt dem versierten Literaturrezipienten übrigens bekannt vor und man fragt sich, wie oft man als Bücherwurm auf die Nummer eigentlich noch reinfallen soll. Ich sage nur: Romeo und Julia. Sie trinkt ein Gift, dass sie für 42 Stunden und nur zum Schein in die ewigen Jagdgründe befördern soll, er hört, sie sei tot, er – völlig unreflektiert – glaubt diese unverfrorene Lüge, nimmt auch Gift, sie, wacht auf, sieht ihn, es kommt zum Showdown in der Gruft… na ja, Sie kennen den Rest.

Diese ganze Lügerei geht im Übrigen schon in der Kinderliteratur los:
Hätte man Heidi die Wahrheit gesagt, nämlich dass der Ausflug zu Klara nach Frankfurt kein zeitlich begrenzter Ferienspaß ist, sondern sie sich mal lieber gleich dran gewöhnen soll, im Großstadtmoloch ihr Dasein zu fristen, hätte dieses naive kleine Ding nicht ständig drauf gehofft, wieder in die Berge zu kommen. So wird sie vor lauter Sehnsucht so krank, dass sie doch nach Heidiland zurückgebracht wird.
Hätte man der jungen Dame von Anfang an reinen Wein eingeschenkt, hätte man ihr erspart, den Rest ihres Lebens Ziegen zählend an der Seite eines Analphabeten zu fristen. Es gibt Kinderbücher, die lassen einfach jeglichen erzieherischen Ansatz vermissen.

Apropos erzieherischer Ansatz: den sollte ja angeblich das berühmte Kinderbuch um die lügende, plappernde Holzpuppe Pinocchio haben. Aber mal ganz ehrlich, wenn schon eine doofe Holzpuppe nicht auf die Lüge reinfällt, es werde alles gut, wenn er nur schön artig sei und sich anständig benähme in der Welt, warum sollten es dann die kindlichen Leser?
Der vollständige Titel des Buches lautete übrigens: „Storia di un Burattino“ – Geschichte eines Hampelmanns. Zu einem solchen macht sich der Erziehungsberechtigte, der versucht, mit der Lüge von den langen Nasen sein Kind zur Wahrheit zu erziehen.

Gipfel der literarischen Lügerei allerdings ist unser adliger junger Freund aus dem nördlichen Nachbarland: Prinz „Hamlet“. Nicht genug, dass ein Prinz, der extra ein paar Semester als Austauschstudent absolviert hat, so dusselig ist, einem Gespenst zu glauben, nein, er bringt sich auch noch um unkomplizierten Sex, indem er die ihn Anbetende durch Vortäuschung falscher Tatsachen in den Wahnsinn und den Suizid treibt.
Er bescheißt sich und den Rest der Welt nach Strich und Faden, alles nur Theater, und am Ende sind wie immer alle tot. Mehr Freude am Lesen, sag ich da nur.

Zum Glück gibt’s aber auch literarische Lichtblicke. Obwohl nach so vielen Jahren normalerweise niemand mehr glauben würde, dass der treue Göttergatte noch mal aus der Versenkung aufkreuzt, lässt sich Penelope kein X für’n U vormachen: die Schlange stehenden Bewerber blitzen reihenweise ab und Penelope glaubt die Lüge nicht, dass Odysseus schon längst tot sei. Hut ab! Wo man doch über Leute, die zur See fahren, so einiges hört….

Die Liste ließe sich noch endlos fortführen – vom Sommernachtstraum, wo am Ende keiner von was gewusst haben will, über Don Quixote, Münchhausen oder „In 80 Tagen um die Welt“. – Die Literatur ist voll von Lügnern und wir geben unser Geld aus und opfern unsere kostbare Zeit für Unwahrheiten.

Aber: spätestens wenn die Leselampe mal wieder viel zu spät ausgeknipst wurde und der Wecker uns aus unseren Abenteuern reißt, wissen wir: wir lieben diese Lügner alle!

Und die Moral von der Geschicht’: die Wahrheit taugt für Bücher nicht.


 
 
 

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