Musik! Herr Schneider las

F MACHINE

Sie reden vom Leben auf der Überholspur, sie reden – sie denken zweidimensional. Ich lebe über der Überholspur, während sich ihre Träume unter mir stauen. Ich fliege so hoch – ich höre sie nicht einmal schimpfen. Mein Name ist Oli Schreiber. Mein Leben ist die Musik. Mein Leben ist das Geld, das ich durch sie verdiene.

So viel, daß ich behaupten kann, daß es fast genug ist – fast. Deshalb schreibe ich dieses Buch. Ich habe keine Lust zu teilen, nicht mit einem Ghostwriter, keinem Co-Autor, mit niemanden. Mein Leben hat mich reich gemacht und so soll es bleiben.

Natürlich machte es in gewisser Weise auch meine Frauen reich, dazu aber später, nur soviel will ich noch zu Erika van der Milch sagen, sei nicht sauer wegen des Meerschweinchen – es liegt hinter dem Kühlschrank.

So, geboren wurde ich 1971 in Schwerin, einer Kleinstadt nahe Pampow in Mecklenburg. Natürlich sehe ich jünger aus, als ich bin. Offen gesagt geht es mir auf die Nerven, das dauernd zu hören.

Schon im Kinderwagen trat mein außergewöhnliches musikalisches Talent zu Tage. Mit neun Monaten schiß ich „Let it be“ in die Windeln, besser als Mc Cartney es jemals singen konnte. Manchmal schaffte ich sogar zweistimmig „Blowing in the wind“, mit drei Jahren hatte ich das perfektioniert.

Nun, ich halte es für notwendig, so weit auszuholen – die Menschen auf der Straße sollen die Wahrheit wissen – Erfolg kommt nicht von ungefähr, sondern beruht auf nackten Tatsachen.

Ich denke, auch meine Kindergärtnerinnen waren in mich verliebt, jedenfalls steckten sie mir ständig ihre Telefonnummern zu und sagten, ich solle sie anrufen, wenn ich soweit sei. Für gewöhnlich antwortete ich, ich sei schon jetzt bereit, aber ich bevorzuge reifere Beziehungen. Frustriert zog ich mich in mich selbst zurück und schrieb mein drittes Album, welches im Rahmen der Promotion für dieses Buch wiederveröffentlicht werden soll.

Für gewöhnlich halte ich Eigenwerbung für unnütz, es sei denn, es geht um den Austausch eindeutig sexueller Angebote. Auch darf gelegentlich Beyonce Knowles bei mir für sich werben. Sollte ich einmal einen Song auf Dänisch machen, kriegt sie die zweite Stimme.

Mit sieben Jahren wurde ich eingeschult und mein Leben in der Öffentlichkeit begann.

Sie war blond und ging in die neunte. Sie hieß Astrid und war die pure Inspiration. Zu dieser Zeit war ich sicher, James Brown wäre weíß und seine Ex hieße Astrid.

Natürlich hielt ich James Brown für einen Idioten, und viele meiner Mitschüler auch. Ich ging in die zweite Klasse und lud Astrid in mein Studio ein. Damals waren Castings noch nicht so aktuell und man war gezwungen, die Künstlerinnen nach rein subjektiven Aspekten auszuwählen: Aussehen, Körbchengröße und körperliche und geistige Beweglichkeit. Ja, ich hielt es schon damals für wichtig, das die Frau ihren Text beherrschen sollte.

Astrid machte große Augen, als sie mein Studio sah, das war keinesfalls zweite Klasse, das war und ist nach wie vor erste Klasse. Irgendwie hatte sie dennoch keine Ambitionen mit mir zusammen zu arbeiten, James Brown hatte sie versaut, harmonisch völlig untauglich, und trotzdem widmete ich ihr einen Song, den ich heute noch zu speziellen Anlässen, vornehmlich zu Trennungen, spiele.

Das Stück heißt „Fuck Machine“ und ist nicht ganz politisch korrekt, zumindest nicht der siebenstimmige Satzgesang am Ende des dritten C-Teils der zweiten Bridge vor der dritten Strophe: „Fuck Machine/Drink Jim Beam/Til You’re dead/Fuck Your Head/Oh Yeah, Oh Yeah, Fuck Machine“.

Mein Verleger rief mich gestern an, diese Zeilen zu streichen – aber fuck den Verleger, ich verleg mich selbst. Hab nach wie vor keinen Bock zu teilen. Meine Kohle, mein Leben.

Ja, eine Träne läuft mir über die Wange – Astrid war und hatte Klasse. Wäre James Brown nicht gewesen, sie hätte einen Hit von mir bekommen, vielleicht auch zwei.

Als ich in die vierte Klasse versetzt wurde, und nur auf diese Weise ließ ich mich versetzen, na jedenfalls, da hatte Astrid mich und die Schule verlassen und ich intonierte „Fuck Machine“ beim Fahnenappell zum Schuljahresbeginn. Die sechshundert Leute im Publikum waren hin und weg und der Direktor meinte, er würde mich am liebsten der Schule verweisen. Das hätte meinen direkten Weg ins Musikgeschäft jedenfalls begünstigt, leider entschied man sich dann doch nur, mir Gesangsverbot zu erteilen.

Ein glücklicher Umstand – er brachte mich dazu, mich intensiver mit der Instrumentierung meiner Hits zu beschäftigen. Was das Direktorium nicht wußte, Donnertags in der Mädchentoilette vor dem Biologieraum um zwei Uhr gab es einige Privatkonzerte.

Von dem Geld kaufte ich Westplatten und Zigaretten – meine Biologielehrerin schrieb mir einen heißen Fanbrief, den mir meine Exfrau in einem Streit unter die Nase hielt und nachfolgend zeriss. Ich habe aber noch zwei Kopien davon im Büro.

Später sollte ich erfahren, daß Dieter Bohlen das Konzept der Toilettenkonzerte erfolglos versuchte zu kopieren. Er rief mich vor einiger Zeit an und bat mich, ein Stück für Alex  zu schreiben. Ich erinnerte mich an eines der Stücke aus meinen Kinderwagentagen und furzte es ihm vor. Im Stillen dachte ich, es sei zu hoch für Alex, aber Dieter mochte es und – das wichtigste – er zahlte dafür.
(Mehr von und mit dem Herrn Schneider finden Sie hier.)


 
 
 

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