Wurst und Durst: Herr thom* las

Wohin all die Tiere gehen

Russisch Ei

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We will cook you

Die Tondateien folgen im Laufe der Woche

Wohin all die Tiere gehen

Ich weiß es… Ich weiß wohin all die Tiere gehen…
Ich weiß es… Ich weiß wohin all die Tiere gehen…

Meine Großmutter hat es mir verraten. Es war ein kalter Januarmorgen und meine Holzschuhschritte hallten wider von den Wänden der Waschküche. Das Geräusch mischte sich mit dem scharfen Klang eines Messers, das wetzte mein Großvater an einem langen Stahl. Töpfe schepperten, ein Fleischwolf drehte knarrend seine Runden. Schlaftrunken grüßte ich den fremden Mann. Den mit der Gummischürze. Schuchardts Adolf, der hatte Pech mit dem Vornamen… Jahrgang 45… Ist dann Metzger geworden.

Im Stall war es still. Nach zwei Schritten erst bemerkte ich es. Kein Grunzen. Kein Schmatzen. Kein Rascheln im Stroh… Max und Moritz fehlten. Der Trog aus Steingut war sauber ausgewaschen.

Meine Großmutter rief mich. Ich nahm den Weg durch die Garage. Ich hetzte vorbei am blauen Trabant, die Tür zum Hof stand offen, etwas dampfte in einer Blechwanne. An derbe zusammengenagelten Holzbohlen hingen zwei lange, hautfarbene Säcke. Der Mann mit der Gummischürze trug ein langes Messer am Gürtel, mein Großvater hatte es geschärft, eben noch, jetzt steckte es in einem Lederetui.

Meine Großmutter nahm mich mit in die Küche und machte mir eine Bratenstulle. Mischbrot legte sie dafür direkt auf die Herdplatte bis es dunkel wurde. Draußen wurde es hell.

Als sie die zerlaufene Butter mit Salz bestreute sagte sie, “Wir haben Max und Moritz in den großen Stall nach Zahren gegeben.” Nachts bellten die Hunde aus Zahren unseren grauen Mischling in Rage. Der bellte dann ebenfalls. “Nach Zahren?”, fragte ich und ließ die Kruste zwischen den Milchzähnen krachen “Zu den anderen”, antwortete meine Großmutter, “zu den anderen Schweinen. Da is lustiger”

In diesem Stall in Zahren, da sind all die Tiere.
Alle Tiere sind in diesem Stall in Zahren.

Mary, das Kalb, Max und Moritz zwei bis sechs… Und der Silvesterkarpfen aus der Badewanne ist auch dort. Es ist ein großer Stall. Mit Becken. Dahin gehen all die Tiere.

Zum Mittag gab es Bouletten.

Russisch Ei

Ich weiß nicht, was an Russisch Ei merkwürdig sein soll. Eine Kombination aus Ei, Gurke, Paprika und Majo – nicht verrührt sondern ordentlich nebeneinander in Aspik angeordnet – wird gekrönt von einem Löffelchen Fleischsalat.. Nein, sehr russisch ist das sicher nicht, aber dafür ist Ei dabei. “Russisch” ist dann eher als Hinweis zu begreifen – im Sinne von “verträgt nicht jeder”. Ich aber habe seinerzeit sogar die Schulspeisung gesund überstanden. Nudeln im Stück. Flüssigspinat. Aber das ist mindestens genauso lange her, wie der Tag an dem ich sicherheitshalber erbrach um zu verhindern, dass meine Eltern sich einen schönen Abend ohne mich machen. Oder der Tag, an dem ich in die Dessous-Modenschau des FDGB-Ferienheimes platzte – stilecht im Schlafanzug versteht sich – weil mich plötzlich Einsamkeit überfiel.

Die Einsamkeit ist eine dumme, unbeholfene Kuh. Manchmal stapft sie durch die Wohnung und ihr Anblick macht mich schluchzen. Sie setzt ihre Fladen auf geliebte Gegenstände und macht sie unbrauchbar. Sie bestellt drei Gerichte bei Montani und läßt mich bezahlen. Dann legt sie sich auf mich, lutscht mich aus und schaltet den Fernseher an. Dann fährt sie fort Gegenstände unbrauchbar zu machen. Manchmal aber auch teilen wir uns ein wenig Gras. Der Einsamkeit wird dann sofort schlecht und sie geht schlafen.

Hört ihrs Gläubiger aller Arten? Es ist nicht ich! Es ist die Einsamkeit, die dumme Kuh…

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Was wär ich ohne Dich…
Wurst
Am Strand im Sommer schmiere ich mir
Wurst
auf Toast und trink ein Pilsner übern Durst
Wurst
…ich esse Wurst.

Die Welt ist wunderbar mit
Blumenkohl
Ich wünsch mir einen Globus ganz aus
Blumenkohl
innen hohl und außen rum nur
Blumenkohl
Blumenkohl
Jawohl!

Was wär ein Winter ohne
Broccoli
Beim Skifahren in den Bergen schenk ich
Broccoli
und sag damit ganz zärtlich Du, isch liebe Di
Broccoli
Iss Broccoli!

We will cook you

Blattsalat Glutamat Aromat delikat
Spinat Straftat Zutat Greultat
Pfeffer und Salz
Hopfen und Malz
Mensch lebt nicht allein von Marmelade und Schmalz

We will we will cook you…
We will we will cook you…
Guck nich so blöd…

Citronat Orangat Zyanat Attentat
Literat desolat Cervelat Wohltat
Lorbeer und Dill
Kohle und Grill
Mit Mittag im Mund ist das Publikum still

We will we will cook you…
We will we will cook you…
Guck nich so blöd…

Sellerie Allergie Alchemie Apathie
Mon Cheri Chianti Chili Chappi Broccoli
Hackfleisch und Kohl
Alkohol
besoffen und satt fühlt sich das Publikum wohl

We will we will cook you…
We will we will cook you…
Guck nich so blöd…

(Vorgetragen vom Lesekollektiv)


 
 
 

4 Kommentare zu “Wurst und Durst: Herr thom* las”

  1. Horst Matthies
    14. Januar 2007 um 18:57

    Mann, seid ihr schnell. Ich wollte eigentlich nur den Bericht über den Besuch bei uns lesen, da finde ich doch schon den Bericht über “Wurst und Durst”. Super! Und super auch die Bilder. Sie geben einen Eindruck von der Stimmung wieder, von der alles geprägt war. Danke nochmals. Ihr habt bei mir nicht nur einen Hebel umgelegt. Es geht mir am Anfang diesen Jahres wesentlich besser als am Ende des vergangenen.
    Ich drücke mir für Euch die Daumen wund.
    Herzlichst,
    Horst Matthies

  2. thom*
    14. Januar 2007 um 20:40

    Ach es war wirklich ein wunderbarer Sonntag. Ich freu mich sehr, dass es Ihnen auch so gut gefallen hat. Auf die nächsten Kombinationen aus Rezeptur und Literatur bin ich gespannt. Halten Sie uns auf dem Laufenden!
    thom*

  3. Frau nadine
    14. Januar 2007 um 21:58

    Oh, ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen: es war wunderbar! Vielen Dank, dass Sie da waren, Herr Matthies, vielen Dank Lesekollektivisten, vielen Dank Publikum, Fotografen, Helfer, Freunde, Förderer… Um nicht zu sagen (und damit auf Februar zu verweisen): “Musik!”

  4. Frohe Weihnachten - schwerin-schwerin.de
    23. Dezember 2007 um 11:46

    [...] Mantel aus Apfelmus. Ich weiß, wohin all die Tiere gehen. Frohe Weihnachten!   Druckversion Beitrag bewerten: Bislang keine Bewertungen Leser, die diesen Beitrag gelesen haben, lasen auch … Woran merkt man, dass Weihnachten naht? (I) … Frohe Ostern … Frohe Weihnachten … Weihnachten … Das neunzehnte Türchen [...]

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