Nachtrag: Text zur Eröffnung der Molterschen Ausstellung
Werner S. wurde nicht mit einem Schrei in die Welt geworfen. Sein erster Laut auf Erden klang vielmehr wie ein unterdrücktes Rülpsen. Frau S. grunzte kurz unter der Geburt, Herr S. reparierte fluchend das Moped eines Nachbarn.
Das erste Spielzeug des Werner S. war eine Rassel. Allerdings hatten seine Eltern das klappernde Innenleben entfernt. Also schwenkte Werner das rot-weiße Plasteding still vor sich hin. Und das auch nur, wenn niemand zusah.
Weil Werner S. nie schrie, ja nicht einmal quengelte, hielten ihn seine Eltern für ein glückliches Kind und ließen ihn in Ruhe. Dafür ist er ihnen bis heute dankbar. Krippe und Kindergarten überstand er ohne größere Konflikte. Er scheute die Gesellschaft der anderen Kinder. Allzu aufdringliche Gören schwieg Werner konsequent in die Flucht.
Am Tag, als Werner S. auf seine Schultauglichkeit hin untersucht werden sollte, stieg er auf einen Stuhl nahm Vaters Trenchcoat vom Haken, den Hut vom Regal und fuhr mit der Straßenbahnlinie 2 zum Amtsarzt. Nachdem er alle Aufgaben bravourös gemeistert hatte, kehrte er heim und beschloss von nun an darauf zu warten, dass ihm Vaters Garderobe passte.
Als sich Werner S. kürzlich seiner Schulzeit erinnern wollte, fiel ihm nur ein, dass er mit 15 in der Alten Münze sein erstes Bier getrunken hatte.
Die Lehrzeit im Finanzamt genoss Werner S. Endlich war Stille um ihn. Und dank Frollein P. auch die Liebe…
Mit Frollein P. lernte Werner S. stumm und unprätentiös zu lieben – das war nicht schwer, es entsprach einfach seinem Naturell. Frollein P. war zuständig für die Buchstaben Xa bis Yl Werner S. für Qu. Im Archiv kamen sie sich näher.
Einmal, als Werner S. Schnaps getrunken hatte, probierte er es mit Plauderei. Siehe da: es ging. Jedenfalls für eine Weile. Und Frauen, so bemerkte er, mochten das.
Soviel zur Vergangenheit des Werner S.
Seine Gegenwart beginnt an einem 22. März 2005. In Schwerin steht die Ausstellung „Mein Block“ bevor und Martin M., Stiftphilosoph und Grafikdesigner, beschließt in den verbleibenden 30 Tagen bis Ausstellungsbeginn 30 Zeichnungen zu Papier zu bringen. Er frisst Werner S. vom Kneipentisch weg und löscht alle fassbaren Spuren seiner Vergangenheit aus. Feierabend. Martin M. sagt: Jeder ist Werner S.
Liebe? Naja. Ein etwas zu großes Wort, vielleicht. Sicher aber ist, dass Martin M. Werner S. ein Herz gegeben hat. Damit er was hat, zum Verlieren. Dass es sein Herz ist, wie hinterlistige Zeitgenossen behaupten, ist natürlich Quatsch. Dagegen spricht: 1.) Werner S. trinkt mehr Schnaps. 2.) Werner S. hat Tischnachbarn – keine Freunde. 3.) Werner S. trägt einen Hut.
Martin M. weiß: Mit Werner S. wäre er nie der größte Comiczeichner der DDR geworden. Aber dieser Plan hatte sich ja bereits 1989 zerschlagen, seitdem ist die DDR weg und nur noch die Bücher aus Tante Helgas Regal sind da. Karikaturen aus dem alten Land. Kindheit. Und Werner S. natürlich. Der sitzt am 22. März 2005 in einem Fahrstuhl im Erdgeschoss und fühlt sich heruntergekommen.
Seit diesem 22. März 2005 hat sich Werner S. auf mehr als 70 weiße Blätter gesetzt. Martin M. sagt: Ich hab ihn nur sichtbar gemacht, nur die Linien nachgezeichnet. Ähnliches soll auch Michelangelo erklärt haben: Die Figur hocke bereits im Marmor, er müsse nur noch das Zeug rundrum entfernen. Kommt gut. Vielleicht steht M. ja für Michelangelo. Vielleicht aber auch für Mickey Maus.
Jemanden wie Werner S. hält keiner lange aus. Irgendwann ist Schluss. Und wenn schon Schluss, dann mit mächtig Tamtam. Also hat Martin M. Rahmen besorgt und Farbe und Tonpapier und feines Schreibwerkzeug. Alles für Werner S.
Später dann noch Häppchen und Wein und einen DJ der Platten kratzt. Alles für uns. Damit wir Werner S. hochleben lassen können, fast zwei Monate lang hier und im Freischütz, um ihn dann zu uns nach Hause zu holen.
Am 4. Februar nämlich wird Werner S. käuflich. Sie, liebe Gäste und ich, wir bieten dann um die Wette um 26 Mal Werner S. Und bis dahin, können wir hier täglich gucken kommen, für welches Bild wir uns um Haus und Hof bringen werden.
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Diesen Text gabs zur Ausstellungseröffnung “Feierabend” – Werner S. ausgestellt.


