Westreste und Ostrost – Herr ivalo las

Wie er mit 17 Ostradio hörte

und

Warum Hamburg beinahe Hauptstadt der DDR geworden wäre

und
etwas in seinem Heimatkohlenpottslang, was sich schriftlich aber auch sowas von blöd wiedergeben läßt, dass er hiermit einem Termin in Herrn thom*s Tonstudio beantragt.

Das Ostpaket

Ich war 17. Ich hörte bis spät in die Nacht Radio. Erst WDR Schlagerralley, und dann: Stimme der DDR. Mal was anderes, Ostradio hören im Westen. Ich war fasziniert, dass es da etwas gab, was ich nicht verstand. Ein Land, auch ein Deutschland, gleiche Sprache aber doch ganz anders. Medaillensegen bei Sportwettkämpfen, im Bezirk Erfurt wurde dieser oder jener 5-Jahresplan übererfüllt. Dann um Mitternacht: die Nationalhymne, richtig feierlich, ohne Text versteht sich.

Meine Tante bekam regelmäßig „Ostpakete“, Baumkuchen von Verwandten, der war sehr lecker und es war immer ein kleiner Feiertag, wenn mal wieder ein Ostpaket kam.
Ich liebte die DDR-Briefmarken, die schönen Motive, Jagdwaffen aus Suhl, Hafenkräne in Rostock, Pioniertücher kunstvoll geknotet.

Auf dem Eisenbahntransit nach Berlin, West: Naseplattdrücken in Magdeburg und Potsdam, Menschen, Häuser, Straßen, direkt hinter der Fensterscheibe, Schaufenster ins andere Land.

Auf dem Autobahntransit nach Berlin, Trabbies-kucken, Blitzer suchen, 100 Fahren. Am Grenzübergang, Meter für Meter schieben, den Pass in einem Fließbandtunnel verschwinden sehen. Unbehagen, jetzt kein falscher Blick, nichts sagen. Bloss nicht lachen. Dann geht’s Richtung Berlin, Hauptstadt der DDR, von der Entfernungsangabe immer 30 km abziehen. Am sowjetischen Panzer vorbei, dann das ganze Spiel noch mal.

Besuch in Ostberlin, Schlangenslalom im Bahnhof Friedrichstraße. Zwangsumtausch, Bücher kaufen, Gedichtbände, ein Buch über Finnland, auch dort ist die Sozialistische Partei eine wichtige Größe. Die neue Platte von Silly, Platte des Jahres. Ja, den Kugelschreiber gibt es auch in schwarz, nur schreiben tut er blau. Schreibhefte zum EVP von 0,15 M, das große M heißt Mark, die Hefte sind im Westen ultracool. Hieß das damals ultracool? Im Café Palatschinken, im Bus bezahlen mit Münzen, einfach in ein Hamsterrad einwerfen und ein Fach weiterdrehen. Fahrscheinkauf mit sozialer Kontrolle. Zurück zum Bahnhof Friedrichstrasse. S-Bahnzüge, die schon Olympia `36 gesehen haben bringen mich wieder in den Westen.

Ist auf einmal alles so bunt hier, …

Ganz anders

Was wenn’s anders gekommen wär, ich meine ganz anders? Lenin wäre z.B. 1917 am Grenzübergang von Finnland nach Russland entdeckt und zurückgewiesen worden? Er hätte sich eine gemütliche kleine Wohnung in Stockholm gemietet und die Oktoberrevolution hätte es nie gegeben?

Russland wäre ein unbedeutendes weil rückständiges Zarenreich geblieben, Nazi-Deutschland hätte vielleicht 1942 Wolgograd eingenommen, das dann nie Stalingrad gehießen hätte. Trotzdem wäre pünktlich 1945 der Krieg vorbei gewesen und man hätte in Potsdam verhandelt.

An einem Tisch die 4 Siegermächte, Frankreich, Großbritannien und die USA, die drei Westmächte und eine Sozialistische Volksunion Schweden. Die Westmächte wären sich schnell einig geworden und hätten eine nach westlichem Vorbild geprägte Demokratie installiert. Das Sozialistische Schweden hätte in der nördlichen Besatzungszone ein sozialistisches Deutschland gegründet, die Deutsche Demokratische Republik. Hauptstadt wäre Hamburg. Ein zweigeteiltes Hamburg, denn die Westmächte würden sich nicht so einfach vom Zugang zur Nordsee abschneiden lassen, Schiffsverkehr und so: alles vertraglich geregelt. Das sozialistische Hamburg, Nordhamburg, politisch korrekt wäre: Hamburg, Hauptstadt der DDR und Hamburg-Schrägstrich-Süd, in sozialistischer Schreibweise gern auch Südhamburg. In der Mitte, stark bewacht von Schwedischen Soldaten mit ihren Karlssons Maschinengewehren: das Millerntor, Symbol der Deutschen Teilung.

Die DDR hätte sich vom Westen, von den Bezirken Aurich und Osnabrück bis in den Osten, den Bezirken Rostock und Neubrandenburg erstreckt, südlicher Zipfel wäre der Bezirk Göttingen geworden. Alle Kinder hätten in der Schule Schwedisch gelernt und Brieffreundschaften nach Stockholm, Malmö und Leninborg gepflegt. In riesigen Vorstädten hätten sich Arbeitersiedlungen ins Umland der Städte gewuchert, mehrstöckige Holzhütten, allesamt eingerichtet mit dem neuesten Interieur des volkseigenen Möbelkombinats IKEA. Das Regal Solidaritjät in allen Wohnstuben. 1980 wäre der Millionste Trabant aus dem Werk des VEB Friesenring Husum gelaufen, das Erfolgsmodell im Arbeiter-, Bauern- und Fischer-Staat. Im Ansehen höher stand allerdings, doch dieses Glück hatten nur wenige parteitreue Genossen, wer einen Wolfsburg bekam.
In den späten 70er- und frühen 80-er Jahren hätten die zahlreichen Ohrwürmer einer schwedische Propagandaband beinahe zur Weltrevolution geführt.

Doch 1989 kam es zur Krise im sozialistischen Verbund skandinavischer Staaten, zu dem die DDR damals gehörte. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan hielt eine vielbeachtete Ansprache an der Hamburger Mauer. Sein Zitat: „Mr. Palme, tear down this wall!“ ging um die Welt. Olof Palme, Generalsekretär der KpdSU, der Kommunistischen Partei der Skandinavischen Union, erkannte auch schon, dass der Kurs der Abgrenzung in eine Sackgasse führen würde und lockerte die Beziehung zum Süden. Sein politischer Kurs der omståltning der im Lande zur berühmt gewordenen openhjed führte, löste auch in der DDR ein Umdenken aus. Viele Bürger nutzten die Möglichkeit über den sozialistischen Bruderstaat Dänemark ins kapitalistische Polen und von dort in den Süden, die Bundesrepublik auszureisen. Der Besuch von Außenministers Genscher in der Kopenhagener Botschaft löste bei vielen große Hoffnungen aus. Im November 1989 gab es kein Halten mehr, Hamburgs Bürger standen auf der Mauer, sogar das Millerntor wurde gestürmt. Südhamburg erlebte einen Ansturm wie noch nie. Auch am Grenzübergang Marienborn begrüßten die Süddeutschen die Norddeutschen, die in Strömen aus dem nahen Helmstedt herüberkamen. Familien trafen sich wieder, neue Freundschaften wurden geschlossen, die Republik war im Freudentaumel.
1990 wurden Nord und Süd vereinigt. Hamburg wurde als Symbol der Deutschen Wiedervereinigung zur Hauptstadt erklärt, was im provinziellen Berlin keineswegs auf ungeteilten Beifall stieß.

Doch die Begegnung der Menschen aus den beiden Teilen Deutschlands wurde in den folgenden Jahren schwieriger als erwartet. Schnell machten Ausdrücke wie Jammernordie und Bessersüdie die Runde und nicht wenige wünschten sich den alten Zustand wieder her. Der Aufbau-Nord verlief schleppend und die Menschen schwelgten in Erinnerung an eine bessere Vergangenheit. Höhepunkt: das Tor von Uwe Seeler. 1974 erzielte der Stürmer von Dynamo Hamburg im einzigen Länderspiel der DDR gegen Süddeutschland das Siegtor. Und das auch noch während der Fußballweltmeisterschaft in Leipzig, beim Klassenfeind. Nach der Wiedervereinigung war der Norddeutsche Fußball quasi ausgeblutet, einzig Turbine Bremen und Motor Hannover konnten für einige Spielzeiten in der höchsten Liga gegen die Traditionsvereine aus dem Süden wie Borussia Dortmund und den 1. FC Dresden mithalten.

2006, 16 Jahre nach der Wiedervereinigung liegt noch ein trauriger Schatten über dem Land, einziger Lichtpunkt ist eine kleine Stadt in Mecklenburg, Schwerin. Eine nennenswerte Anzahl Südies hat sich hier niedergelassen und trifft ohne Scheu auf die Nordies und man sieht: wenn man einander zuhört, kommt man ganz gut miteinander aus.


 
 
 

Ein Kommentar zu “Westreste und Ostrost – Herr ivalo las”

  1. Schmalz und Marmelade » Ostrost und Westreste - ein Tanz der Kulturen
    14. Oktober 2006 um 18:18

    [...] Herr ivalo wiederum rockte gewohnt souverän das Haus. Drei mit Liebe gemachte Geschichten und eine warmherzige Moderation – eben ganz Schmalz und Marmelade. Als Westfale mit Westberliner Hintergrund, in Schwerin lebend und ostwärts verheiratet hat man eben mächtig was zu erzählen. [...]

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