Frau Sophie las: Wahl-O-Mat

Also ich würde mich als brave, als interessierte, aber nicht boykottierende Staatsbürgerin beschreiben. Mein Land liegt mir am Herzen, ich drängle jedoch niemandem mein “deutsch-sein” auf.

Ganz heimlich habe ich zur WM-Niederlage geweint und dennoch sehr ehrwürdig den anderen Mannschaften Glück gewünscht. Ich esse auch Döner und

interessiere mich für fremde Länder, wenn auch mir mein Land die liebste Heimat ist.

Desshalb schäme ich mich ein bisschen, zuzugeben, dass es da etwas gibt in meinem deutschen Leben, was ganz und gar nicht in das Bild einer guten Bürgerin passt , was mich jedoch nach reichlicher Überlegung nicht schlecht sein lässt: Ich weiß nicht, was ich wählen soll.

So, jetzt ist es raus; jetzt wissen sie es.

Ich habe mich in meiner Ratlosigkeit gewogen, bis mein Wahlschein kam. Ich hatte ihn zuerst zu der übrigen Post gelegt. Nach drei Tagen hatte ich jedoch das Gefühl, er sähe mich an und lacht mich aus, da packte ich ihn in den Süßigkeitenschrank- war sowieso Zeit, die Finger von der Nascherei zu lassen. Nach einer Woche konnte ich der Rittersport nicht widerstehen und der Wahlschein lachte mich ärger aus denn je.

Ich google also in meiner Unwissenheit nach Ratschlägen und finder auf Zeit.de den Wahl-O-Mat. Das hört sich so an, als könnte mir dieser kleine Freund sagen, was ich wählen soll.

Ich musste einfach nur meine Meinung zu dreißig Fragen äußern und- Schwupp! Ich bin die wahrhaftige SPD-Wählerin. Das ist komisch, jetzt bin ich beruhigt, obwohl ich mir bei manchen Antworten nicht sicher war. Genauer gesagt habe ich den Test danach noch ein weiteres Mal gemacht- mit der Hoffnung auf ein anderes Ergebnis.

Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was für weltbewegende Fragen da bestimmen, wen man wählen sollte: Ob ich für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen bin, ob man den Dosenpfand abschaffen sollte und die Homo-Ehe gesetzlich gleichgestellt mit der Hetero-Ehe sein sollte.

Ist doch sonnenklar, dass das die Fragen sind, die man sich selbst mal beantworten sollte, bevor man irgenjemanden wählt, der sich womöglich nur mi Nebensächlichkeiten auseinandersetzt.Immerhin hat unser Land 1568 Milliarden Schulden, da ist das Erste, was man tuen sollte, Probleme zu behandeln wie “Dürfen Frauen bis zum dritten Monat ohne Beratung straffrei abtreiben?”, “Sollen Abgeordnete dazu verpflichtet werden, ihre Nebeneinkünfte zu veröffentlichen?” Und “Sollte Haschisch legalisiert werden?”

Das sind also die Probleme, mit denen die Parteien sich so auseinandersetzen- gut zu wissen, dass unser braves Volk das nicht merkt.

Ich wünschte, ich wäre nie auf diese Seite gegangen, dann hätte ich nämlich weiterhin das Gefühl gehabt, Politik wäre nur etwas für die ganz Großen.


 
 
 

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