Herr ivalo las: im Lande unterwegs
Noch eine Woche, bis wir in der Wahlkabine stehen und eine einsame Entscheidung zu treffen haben, wo machen wir unsere Kreuzchen hin?
Doch es geht nicht allen so, ich bin im Land herumgereist und habe viele gesprochen, die ihre Entscheidung schon längst getroffen haben. Dabei bin ich ganz politisch korrekt in der Reihenfolge der Wahllisten vorgegangen
In Schwerin traf ich Helga Fröhlich, 52, Ministerialbeamtin, Wählerin der
Liste 1: Sozialdemokratische Partei Deutschlands, kurz: SPD:
Ach, wir haben ja den Ministerpräsidenten, deshalb wähle ich die SPD wieder. Der Ministerpräsident hat ja so viel erreicht. Er hat Firmen in unserem Land angesiedelt. Die ganzen vielen Computer- und Kommunikationsfirmen, nicht nur Werften! Und auch die Arbeitslosenzahl hat der Ministerpräsident verkleinert. Das haben wir alles dem Ministerpräsidenten zu verdanken. Und ich finde, dass der Ministerpräsident deshalb Ministerpräsident bleiben soll, sonst würde ja jemand anders Ministerpräsident und das wäre doch schade.
So, So, interessant, meine Reise führte mich in die Nähe von Bad Doberan. Einen Wähler der
Liste 2. Christlich Demokratische Union Deutschlands, kurz CDU,
traf ich in seinem Garten in Trinwillershagen. Engelbert Makel, 63, Ortsvorsteher, zwischen zwei Stücken Spanferkel konnte ich ihm kauend folgendes entlocken:
Ich wähl die CDU, denn die SPD belügt uns doch nur. 1992 hat die SPD trotz anderslautender Wahlversprechen dafür gestimmt, dass die Straßenreinigungsgebühr erhöht wird und heute sagen die, wir hätten 1996 verhindert, dass die Gebühr um 7 % gesenkt wird, weil Hessen im Bundesrat zusammen mit Bayern und Sachsen die Beschlussvorlage der damals in Bundesratsminderheit zusammengeschlossenen SPD-Länder gegen den Gesetzentwurf der CDUCSU-Bundetagsfraktion, gegen den übrigens alle SPD-Abgeordneten aus Mecklenburg-Vorpommern, ich betone alle! gestimmt haben, was uns veranlasst hat, …
Ähem, ich bedanke mich an dieser Stelle ganz höflich bei Herrn Makel und stehle mich davon. Im nahen Rostock treffe ich in einem gemütlichen Studentencafé Doreen Prehn, 22, Politologiestudentin. Sie wählt
Liste 3. Linkspartei.PDS, kurz Die Linke:
Man darf das vor allem nicht regional sehen. Die MV-Regierung hat eine globale Bedeutung für den Weltfrieden. Der US-Imperialismus muss von uns heute hier gestoppt werden. Das kann nur eine Linke, die weiß, was eine Linke ist! Und die soziale Absicherung der Arbeiterklasse, die ihrer Klassenidentifkation doch in einem BRD optruierten Konsum-Konkurrenzkampf beraubt wurde, muss zentrales Anliegen jeder Landespolitik sein.
Vielen Dank für diese deutlichen Worte. Meine Reise führte mich einige Kilometer weiter ins beschauliche Heiligendamm. Dort wartete Dr. Rainer von Braunschweig auf mich, Wähler der
Liste 4. Die Freie Demokratische Partei, kurz FDP
Was macht unser Land denn stark? Aktien! (Schaut auf sein PDA: da: schon wieder gestiegen, ah, so lässt es sich leben (schlürft an seinem doppelten Coco-Loco), Politik interessiert mich eigentlich nicht, das ist doch, was zählt. (wedelt mit einigen 100 € Scheinen) Eigentlich ist es mir ja recht, wenn der Liter Sprit 2,00 € kostet, darf man ja kaum laut sagen, aber dann sind die Straßen nicht mehr so verstopft mit diesen japanischen Spielzeugautos! Heut kann sich fast jeder Arbeitslose ein Auto leisten, das ist Irrsinn! Ach, Grüß Sie Herr Direktor, Sie entschuldigen, … (ein fester, verbindlicher Händedruck, dann verschwindet er).
Meine Weiterreise führte mich noch einige Kilometer an der Ostseeküste entlang. Ich hätte nicht gedacht, wie viele Daihatsus und Mitsubishi Colt und Hyundais hier so rumfahren, …
Den Wähler der
Liste 5: Bündnis90/Die Grünen, Kurz: GRÜNE, traf ich in Ahrenshoop
Gustav Schwäble, 51, Galerist
Ja hoi, i bin d’r Guschtav Schwäble, seggsch einfach Guschtl, ge, I bin glei 1990 von Schtuttgard nüber an d’r Oschtßee komme, weil i einfach d Natur alß en Inschpiration brauch. I bin Künschtler, weisch. I henn ßo e Häußle kauft, ßo’s med Reetdächle, fein, ge? Hier kennsch no ohne schlechteß Gwisse Audo fahra, weischt, weil d’ Luft no nit ßo verpescht isch wie im Ländle! Willsch a no e ßanddornßäftle?
Nein, Danke, meine Bahn fährt gleich, zu meinem nächsten Gesprächspartner. Auf der Tribüne eines Dorfsportplatzes traf ich den Trainer der lokalen Fußballmannschaft, Torsten Sturm, 32, Wähler der
Liste 6. Partei Rechtsstaatliche Offensive kurz: Offensive D
Also ich weiß ja, warum wir nicht Weltmeister geworden sind, habs immer gesagt: zuviel Abwehr, zuwenig Sturm, mein System: 1-1-8, auf dem Platz und in der Politik!
Interessant, wer hätte das gedacht.
Auch nicht gedacht hätte ich, was mir meine Begegnung in Klein Bräsig, bei Parchim zeigte. Dort traf ich den Wirt der Bräsiger Eiche, Hainer L., 29, mittellanges lockiges Haar (Name und Aussehen wurde nach Androhung einer gerichtlichen Verfügung geändert), Wähler der
Liste 7. Nationaldemokratische Partei Deutschlands, kurz NPD:
Man hat uns doch 40 Jahre beschissen und jetzt verarschen die uns weiter, die Politiker und die Bonzen und so, damit muss endlich Schluss sein, man muss da mal auf den Tisch hauen, also ich wähle jetzt national. Und die Polaken, was die sich hier alles rausnehmen, letzte Woche kam wieder einer durch den Ort gefahren, schlimm! In Groß Bräsig hat ein Dönerladen aufgemacht das riecht man doch bis hierhin, wir sind doch nicht in Kanakistan! Was schreit denn das Balg so, Mandy, geh endlich nach dem Rechten sehen.
Rechts ab bog ich auch, diesen Ort schnell zu verlassen und kam in freundlichere Regionen unseres Landes. Hubert Hopp, 92, Wähler der
Liste 8. Die Grauen, kurz Graue
traf ich im Seniorenstift Fidelitas in Plau am See.
Er kam mir schon fröhlich winkend im Rollstuhl entgegen, die Böschung herab.
Ja, ja. Wer denkt, nur weil ich alt bin gehöre ich auf die Halde hat sich geschnitten, …
Schon war er an mir vorbei und landete mit einem lauten Platsch im See, Schwester Stephanie hinterher, Rettung naht da kann ich mich zu meiner nächsten Station begeben.
In Seeligendorf in der Uckermark traf ich Friedmut Maria Dornfelder, 63. Er wählt die
Liste 9. Partei Bibeltreuer Christen, kurz PBC
Ja, all das bemühen der Politik ist doch letztendlich fruchtlos, weil es Gottlos ist. Schon in der Bibel steht: „der Herr lenke Deine Wege“. Ja, der Herr und nicht die Politik! Ja, dennoch gehe ich wählen und zwar die PBC. Mit Gott in unserem Herzen, können wir auch gutes für die Menschen tun. Ja, lass uns zum Abschied gemeinsam beten.
Gern, denn mein nächster Besuch führt mich auf die Insel Rügen, genauer, den Ort Teutschendorf. Dort wohnt Harry Deutschländer, 46, Metzgermeister, Wähler der
Liste 10, Ab jetzt…Bündnis für Deutschland, Partei für Volksabstimmung und gegen Zuwanderung ins “Soziale Netz”, kurz Deutschland
Ab jetzt wähle ich das Bündnis für Deutschland, man muss es sich nur mal ausrechnen, das kommt uns viel billiger, weil wir dann auch die ganzen Arbeitslosen nicht mehr haben! Und die, die immer mit dem ganzen Geld ins Ausland gehen, das bleibt dann auch hier. Das Bündnis ist schließlich eine Volkspartei, die sich auch mal traut mit der Stimme des Volkes zu sprechen. Das Programm kann auch sofort umgesetzt werden, wenn die Altparteien endlich abgewählt sind.
Aha. Meine nächste Station führte mich zum einzigen Bürger auf meiner Reise, der seine Entscheidung noch nicht getroffen hat und wohl grübelnd noch manch schlaflose Nacht verbringen wird. Zu seinem Glück sind es nur noch 7 Nächte bis zur Wahl!
Es ist Justus Dibelius, 33 aus Neubrandenburg
Puh, wenn ich doch eine Alternative für soziale Gerechtigkeit hätte wär das so einfach, dann wüsste ich doch sofort, wen ich wählen sollte. Wenn ich aber jetzt eine Alternative für Gerechtigkeit wähle, ist das total ungerecht, den anderen beiden gegenüber. Hm, ich könnte vielleicht, …
So verließ ich den grübelnden Justus, niemand wird je erfahren, ob er
Liste 11. die Allianz für Gesundheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit, kurz: AGFG oder die
Liste 12: Alternatives Bündnis für Gerechtigkeit, kurz: AB oder die
Liste 13: Arbeit & soziale Gerechtigkeit, die Wahlalternative, kurz: WASG
wählen wird.
Auf einer der zahlreichen Werften im Land wollte ich Emely Emsig, 42, Arbeiterin und Wählerin der
Liste 14. Arbeiterinnen Partei Deutschlands, kurz APD befragen
Keine Zeit, aus dem Weg, ich muss arbeiten, …
Ja, dabei viel Spaß! Leider konnte ich keinen Termin bei einem Wähler der
Liste 15. Bündnis für M-V, ohne Kurznamen bekommen, es waren gerade alle kommunal aktiv.
So blieb mir ein letztes Gespräch, das mich wieder zurück nach Schwerin führte, in einer Gründerzeitvilla im Schloßgartenviertel traf ich auf Hildegard Sander, 36, Mutter, sie wählt
Liste 16. Familienpartei Deutschlands, kurz: Familie
Also, ich wähle nur eine Partei – Leonie, pass doch mal auf! – also eine Partei, die, – Alexander jetzt nicht – die, – Paul, kannst Du mal Marie das Fläschchen bitte geben, sei so lieb – äh, die für die Familie sorgt – gleich Leah, gleich, Niklas gibst Du mir das bitte ganz ganz schnell mal her, Luka, Du sollst Emma nicht dauernd hauen, das tut ihr doch weh!
Hier endet also meine kleine Odyssee und so richtig schlau bin ich nicht geworden, was ich denn jetzt wählen soll, wenn es am 17.September heißt: „Die Qual der Wahl“.

