Fußball isst unser Leben: Herr jati las

1. Erlebnisse der Langeweile: Schweiz gegen Ukraine

2. Fahnen an Autos

3. Während des ersten Deutschlandspiels im Baumarkt

1. Erlebnisse der Langeweile: Schweiz gegen Ukraine

Während der Fußball-WM 2006 habe ich längst nicht alle Spiele gesehen. Eigentlich nur einige und selbst das war für meine Verhältnisse schon ziemlich viel. Obwohl ich diesen Ausspruch immer dämlich finde, bin ich auch einer, der eigentlich kein Fußball guckt, außer „wenn Deutschland spielt“. Und eine WM an sich ist ja sowieso was anderes, zumal im eigenen Land.

Wenn, dann habe ich bei dieser WM am ehesten die Spiele am Abend geguckt. Nach welchem System die Spiele auf Nachmittag oder Abend verteilt wurden, hat sich mir allerdings nicht erschlossen. Ich tippe auf Zufallssystem. Dagegen spricht nur, dass die WM bekanntermaßen in Deutschland stattfand und hier wird nichts dem Zufall überlassen, nicht einmal der Zufall. Aber das führt jetzt auch zu weit.

Eines Abends jedenfalls spielte die Schweiz gegen die Ukraine. Okay: Weder bei der einen, noch bei der anderen Mannschaft waren bisher Lobeshymnen über die Spielkultur und Raffinesse der Ballkünstler an mein Ohr gedrungen. Aber das hat nichts zu sagen. Ich gucke ja kein Fußball, außer wenn Deutschland spielt oder eine WM läuft. Ich erwähnte das bereits.

Vielleicht stellt sich bei Ihnen an dieser Stelle des Textes schon eine gewisse Langeweile ein? Wenn ja, dann ist das künstlerisch so gewollt. Wenn nein, haben Sie sicher mehr Fußball geguckt als ich und sind abgehärtet.

Das Spiel der Schweiz gegen die Ukraine war jedenfalls so ziemlich das Langweiligste, was ich bislang erlebt habe. Der Spielablauf war etwa Folgender: Hütterli passt zu Fränkli, Ostankowitsch geht dazwischen, beide liegen am Boden. Freistoß Ukraine im Mittelfeld, schnell ausgeführt. Pipolinksi spielt zu Ukranowitsch, wird von Schwizerli in einen Zweikampf verwickelt, der eine stolpert über den anderen, abgepfiffen. Die Schweiz am Ball, Fehlpass, der Ukrainer übernimmt den Ball, stolpert, ein Schweizer geht dazwischen, Ball im Aus. Einwurf Ukraine, Zweikampf, beide am Boden, Freistoß an der Mittellinie. Und so weiter. Bis dahin konnte man denken: Anfangsnervosität, das legt sich und dann wird auch ein echtes Fußballspiel draus.

Dann: Eine tolle Kombination der Ukraine – zwei Pässe nacheinander gelingen beinahe fehlerlos – die Ukraine nähert sich dem Schweizerischen Strafraum auf Sichtweite, ein Schweizer dazwischen, beide fallen, abgepfiffen. Freistoß Schweiz. Der schnell ausgeführt, verspringt dem Schweizer ins Aus. Einwurf Ukraine, ein Schweizer dazwischen, beide am Boden.

Das muss so in etwa der Moment gewesen sein, in dem ich entnervt in die Küche ging. Da war es spannender, denn da konnte ich unserem Brotbackautomaten beim Wackeln zusehen.

Sie müssen wissen, dass unser Brotbackautomat in der Küche auf einem kleinen Holzregal steht, das nicht verstärkt ist. Und wenn im Backprogramm das Teigkneten dran ist, dann wackelt der Brotbackautomat durch die Rührbewegung mit dem Regal gemeinsam hin und her. Das sieht dann in etwa so aus wie der kleine Roboter R2-D2 in Star Wars, wenn er ganz dringend auf etwas aufmerksam machen will. Er kann ja nicht richtig sprechen und schon gar nicht rufen, sondern nur verschiedene Piep- und Pfeiflaute von sich geben, die von seinem goldglänzenden und humanoiden Kumpel C3PO dann gern übersetzt oder beantwortet werden. Und wenn’s dringend ist, dann wackelt R2-D2 so putzig hin und her.

So wie R2-D2 wackelte also unser Regal in der Küche. Allerdings in Zeitplupe. Spannend, oder?

Was mich an R2-D2 immer wieder erstaunt: Dass der kleine Blecheimer in jedem Film neue Fähigkeiten hat. Ich vermute hier einen Gag der Drehbuchautoren. Egal in welcher Situation man ist, R2-D2 hat immer gerade das passende Werkzeug oder die hilfreiche Funktion parat. Das ist fast wie bei einem Schweizer Taschenmesser, das in „Traumschiff Surprise Periode 1“ als Schweizer Taschenlaser sogar schon eine zentrale Filmrolle bekommen hat, was übrigens kein Zufall war. Kein Wunder, denn das ist ein deutscher Film und in Deutschland überlässt man nichts dem Zufall. Aber ich glaube, das erwähnte ich bereits.

Angesichts des Schweizer Taschenmessers komme ich jedenfalls nicht drumherum, den Kreis zum Anfang des Textes zu schließen. Sie erinnern sich eventuell noch daran, dass es um das Spiel der Schweiz gegen die Ukraine ging.

Nachdem der Brotbackautomat auf seinem Regal mit dem Wackeln aufgehört hatte, wurde es mir in der Küche wiederum zu langweilig und ich kehrte ins Wohnzimmer zurück. Beim Reinkommen sah ich gerade, wie Grützli auf Pütterli passte, dem versprang der Ball, ein Ukrainer dazwischen, beide liegen, Ball im Aus. Einwurf Schweiz von der Mittellinie. Ein Ukrainer grätscht einen Schweizer um, abgepfiffen. Inzwischen war Verlängerung und es stand noch immer 0:0.

Kommentator Bela Rethy schlug vor, die beiden Strafräume mit Werbebanden abzusperren, das würde keiner der beiden Mannschaften auffallen. Er sehnte das Elfmeterschießen herbei, denn dann würden endlich Tore fallen in diesem Spiel, meinte er. Mit dieser Aussage hatte er sich allerdings sehr weit aus dem Fenster gelehnt, wie man bald fassungslos beobachten konnte. Selbst im Elfmeterschießen versagten die Spieler. Am Ende siegten die Ukrainer und die Schweizer hatten nicht ein einziges Mal das Tor getroffen. Ob ihnen an dieser Stelle ein Schweizer Taschenmesser weitergeholfen hätte, weiß ich nicht. Aber R2-D2, der hätte bestimmt seinen Elfer sicher verwandelt.

2. Fahnen an Autos

Zu den Besonderheiten der WM 2006 in Deutschland gehört es, dass die Deutschen öffentlich kenntlich machen, welchem Staat sie angehören. Ja, solche Selbstverständlichkeiten sind in diesem Land sehr ungewöhnlich und Journalisten können damit erhebliche Mengen an Textzeilen und Sendeminuten füllen. Vor allem als Intellektueller ergeben sich wunderbare Möglichkeiten, über den Zustand der deutschen Volksseele zu spekulieren. Aber „Volksseele“ würde man wohl nicht sagen, denn das klingt zu sehr nach Nazisprache, trotz all der Volksprodukte der Bildzeitung. Die übrigens hat jetzt einen Aufkleber mit der Aufschrift „Schwarz – Rot- Geil“ herausgebracht, der die WM-Begeisterung der Deutschen in den Alltag tragen soll. Aufkleber für den Aufschwung könnte man sagen. Schon interessant, wie weit man im selbsternannten Land der Dichter und Denker bereits gekommen ist. „Schwarz – Rot – Geil“, für solche ausgefeilten Formulierungen ist die deutsche Sprache erfunden worden. Herzlichen Glückwunsch an uns alle.

Aber davon abgesehen geht es uns doch ganz gut. Das zeigen die Fähnchen an den Autos. An einem Tag habe ich mal mitgezählt: Die deutschen Fähnchen steckten an 10 Autos einer deutschen Marke, außerdem an 15 japanischen, 9 koreanischen, 8 französischen, 8 italienischen, 1 amerikanischen und 1 spanischen Auto. Wobei das mit dem „deutsch“ auch so eine Sache ist, denn Volkswagen beispielsweise werden inzwischen teilweise in Spanien, Tschechien und Brasilien produziert und die Einzelteile kommen sowieso aus fast allen Teilen der Welt.

Die Ansteckfähnchen fürs Auto jedenfalls waren so beliebt, dass die Produktion in Asien einen Zahn zulegen musste. Fleißige Chinesen schoben Extraschichten, damit wir stolz wie Bolle mit den Flatterdingern am Auto durch die Stadt kurven konnten. Vielen Dank an dieser Stelle an die fleißigen Chinesen. In der Regel wird in den chinesischen Fabriken übrigens 12 bis 15 Stunden pro Tag gearbeitet und wer im Monat 70 Euro verdient, gehört zu den Privilegierten. Aber von solchen Details sollten wir uns natürlich nicht die Laune verderben lassen.

Wir haben ja allen Grund zum Feiern. Unser Fußballteam hat es bis ins Halbfinale geschafft und immerhin einen dritten/vierten Platz geholt. Und das mit dem Aufschwung kriegen wir auch hin. Und selbst wenn nicht: Bis runter zu chinesischen Verhältnissen ist es noch ein weiter, weiter Weg. Lasst uns bis dahin alle mindestens einen „Schwarz – Rot – Geil“-Aufkleber aufs Auto kleben. Moment mal: Wo werden eigentlich diese Aufkleber produziert?

3. Während des ersten Deutschlandspiels im Baumarkt

Während des ersten Spiels der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM 2006 waren meine Freundin und ich in einem Schweriner Baumarkt. Sie glauben gar nicht, wie leer ein solcher Baumarkt sein kann, wenn seine Hauptzielgruppe gerade kollektiv mit einem Fähnchen in der einen Hand und einem kühlen Pils in der anderen Hand vor dem Fernseher sitzt. Das aber eröffnet einem Mann wie mir ganz neue Möglichkeiten: Endlich mal in Ruhe im Baumarkt stöbern. Ein Kollege von mir findet beispielsweise die Baumarktprospekte in der Zeitung immer spannender als die Zeitung selbst. Jedenfalls liest er wesentlich länger in den Angeboten als in dem, was die Journalisten im Schweiße ihres Angesichts und mit viel Mühe zusammengestellt haben.

Und ein bisschen kann ich das auch verstehen. So ein Baumarkt ist wirklich ein Wunderland. So viele verschiedene Sachen. Was man damit alles machen kann! Meistens weiß ich das übrigens nicht. Ich bin ja generell ein unmännlicher Mann und beim Heimwerken besonders.

Eine Bohrmaschine hatte ich schon in der Hand, sogar richtig rum. Ein Loch habe ich ebenfalls bereits gebohrt, genau genommen sogar mehrere, und meist ist das Loch hinterher da gewesen, wo vorher die Bleistiftmarkierung war. Aber wenn ich im Baumarkt bin, erschlägt es mich doch immer wieder. Diese Vielzahl an Bohrern für meinen Bohrer! Toll. So gibt es beispielsweise Bohrer für Stahl und für Beton und für Stahlbeton. Erstaunlich. Woher wissen diese kleinen Dinger, wofür sie zuständig sind? Mich fasziniert sowas ungeheuer. Und dann die richtige Kombination aus Bohrer, Dübel und Haken oder Schraube zu finden: eine Wissenschaft für sich.

Und dann gibt es noch so viele rätselhafte Dinge zu kaufen. Unter einer Metall- oder Holzsäge kann ich mir noch etwas vorstellen. Mit einer Metallsäge sägt man Metall und mit einer Holzsäge sägt man Holz. Aber wofür ist eine Stichsäge? Und wer braucht schon eine Kreissäge? Nur fürs Kreise sägen eine eigene Säge? Oder ein Winkelschleifer. Sobald ich mir mal einen Winkel schleifen will, komme ich zurück und kaufe mir so was, denke ich und mache mir eine Notiz. Mir fällt mal wieder auf: Wir leben doch in einem sehr reichen Land, wenn wir uns solche Spezialgeräte leisten können. Als ich dann noch eine Kettensäge und danach eine Gartensäge entdecke, muss ich mich einen Moment setzen.

Zwischendurch fällt mein Blick auf einen eigens aufgestellten Fernseher: Aha, 2:0. Deutschland hat Angstgegner Costa Rica offenbar fest im Griff. Da kann ich ja weiterstöbern.

Immer wieder ein Highlight ist auch die Gartenabteilung. Von Pflanzen habe ich ebenfalls keine Ahnung, aber ihre Namen sind einen Ausflug in den Baumarkt wert. Vor Krallenastern bekomme ich Angst, Polsterstauden klingen da doch gleich viel gemütlicher. Küchenschelle oder Sonnenhut könnten sogar praktisch sein.

Und was sehe ich da: der Gardena Blumenzwiebelpflanzer mit Auslöseautomatik. „Bequeme Handhabung durch Griff-Auslöseautomatik zum Erfassen und Entleeren der Erde“, lese ich da und den Hinweis: „Mit eingeprägter Tiefenskala.“ Faszinierend. Ich gehe weiter.

Ich lerne, dass ich mit einem Kleingrubber den Boden wurzelschonend lockern und lüften kann. Zum ersten Mal sehe ich, dass Azaleen und Rosen unterschiedliche Erde benötigen – beide Sorten gibt es in sündhaft teuren und erstaunlich kleinen Säcken zu kaufen. Einen Moment verweile ich vor einer Packung Rhododendrondünger und erfreue mich an diesem herrlichen Wort. Ein Lächeln zaubert mir der Bonsai-Dünger ins Gesicht. Wird auch Zeit, dass sich mal jemand der armen Dinger annimmt, denke ich. Wenn man das den Japanern überlässt, bleiben die am Ende noch so klein.

Toll finde ich auch Rasenmäher. Es gibt hier Elektro-Rasenmäher und Benzin-Rasenmäher. Ich frage einen Verkäufer, woran ich erkennen kann, ob ich einen Elektro-Rasen oder einen Benzin-Rasen habe. Leider scheint der junge Mann anderweitig beschäftigt zu sein, denn er lacht nur und geht.

Als wir wieder zu Hause sind, hat Deutschland 4:2 gegen Costa Rica gewonnen. Und ich habe plötzlich das Bedürfnis, mal ein paar Kreise zu sägen. Schade, jetzt hat der Baumarkt schon zu.


 
 
 

Ein Kommentar zu “Fußball isst unser Leben: Herr jati las”

  1. Schmalz und Marmelade » Advent 2007 - Mandarinen und Traditionen
    9. Dezember 2007 um 22:36

    [...] Außerdem hatte Herr thom* lauter kleine Gedichtchen geschrieben, die er hier und dort immer mal einstreute. Weihnachten in Familie liebevoll beobachtet und satirisch kommentiert. Mit Frau jules musste er sich allerdings gleich streiten, sie fand Weihnachten nämlich einfach nur schön und festlich, er kommerziell überzeichnet und gar nicht mehr das, was es mal sein sollte. Da stimmt ich ihm sofort zu. Die Unterschriftenlisten des Vereins gegen den Vorweihnachtskommerzterror, VG VW KT e.V. wurden an der Theke ausgelegt. Mit Erfolg. Es wurde kein einziges Weihnachtslied angestimmt. Während der ganzen Veranstaltung nicht. Doch, das von thom*, aber das war kein wirklich Klassisches. Dafür gab es aber Mandarinen und Plätzchen. Herr jati besuchte den Weihnachtsmann am Nordpol, der in einer Art Ehekrise war. Armer Mann. Hat aber auch viel zu tun. Also der Weihnachtsmann, nicht der Herr jati. Der hat auch viel zu tun. Gemeint war eben aber der Weihnachtsmann. Der Herr jati! Ja, das hat uns ganz besonders gefreut. Gründungsmitglied von Schmalz und Marmelade, zuletzt im Juli 2006 zum Thema Fußball bei uns – Sie erinnern sich vielleicht, wenn Deutschland spielt im Baumarkt und Aktionsfußball gezeigt von der Ukraine und der Schweiz waren seine Themen – war mal wieder bei uns. Zu sagen, er kam als Vertretung für die verreiste Frau Nadine, wäre jetzt übertrieben. Oft hatten wir angeklopft, diesmal vielleicht etwas hartnäckiger. [...]

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